Gestern Abend war es endlich soweit: Das Kino war bis auf die letzten Plätze ausverkauft und Brokeback Mountain durfte bestaunt werden. Was soll ich sagen? Es war großartig. Es war schön und traurig. Ein Melodram vor herrlichster Naturkulisse, mit großartigen Schauspielern.
Wie schon am Wochenende berichtet, habe ich vor lauter Vorfreude auf dieses Kinoereignis sämtliche Kritiken gelesen, die so in den Weiten des Internets zur Verfügung standen. Ich war also nicht unvorbelastet, aber es ist wohl in diesen Tagen kaum möglich, Brokeback Mountain so ganz ohne Vorwissen zu sehen—irgendwas hat ja jeder schon mitbekommen.Um zum Thema zu kommen: Das Besondere an diesem Film ist seine Einfachheit. Der Film ist einfach, damit meine ich nicht simple und durchschaubar sondern eben einfach. Keine Spezialeffekte wetteifern um die nächste Reaktion des Publikums, keine überdrehten Settings, es passte einfach alles. Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger, keine Moral am Ende der Fabel, die eigentlich eine Kurzgeschichte war.
Ein Film, in dem die Bilder mehr erzählen, als die wenigen Worte der Figuren. Es ist eine Geschichte über zwei Menschen, die sich gefunden haben. Der eine sieht einen Weg, der andere kann nicht glauben, dass dieser in eine Zukunft führt. Eine Geschichte darüber, was Eltern falsch machen können, eine Geschichte, die mitreißt, weil sie menschlich ist. Das macht diesen Film so traurig: Es ist seine Einfachheit. Die Figuren sind Menschen, wie du und ich, es ist nichts Außergewöhnliches an ihnen, dass man nicht bei näherer Betrachtung auch beim Nächsten finden könnte. Es ist ein Film über das Leben. Nicht wie es war, sondern wie es gewesen sein könnte. Die Bilder zeigen eine Realität wie sie gewesen sein könnte, in eben dieser Situation und wie sie es für tausende Menschen ähnlich gewesen ist. Der Film präsentiert keinen unglaubhaften Was-wäre-wenn-Plot, sondern stellt eine Möglichkeitsform der Realität vor Augen, die grausam ist. Und traurig. Weil es diesen Menschen so hätte ergehen können.
Das ist eben der Effekt, der Schindlers Liste so furchtbar macht: Nicht die erdachten Greueltaten, die Thomas Harris & Co. als Bestseller unter die Menschen bringen, lassen erschrecken, nein es sind Filme, die zeigen, wie es gewesen sein kann. Nicht die Tatsache, dass sich Steven Spielberg & Co. ein „nettes“ Skript gemacht haben, macht Schindlers Liste so ergreifend, es ist schlicht und einfach die Tatsache, dass man weiß: Diese Dinge sind tatsächlich geschehen. Menschen haben das einander angetan. Kein Film wird diesen Schrecken authentisch fassen können—allein die Erinnerungen der Opfer sind authentisch. Aber: Ein Film kann Erfahrungen transportieren, dem Publikum eine Ahnung geben. Er kann vermitteln, kann andeuten, weil er all diesen Gefühlen und Erlebnissen ein Gesicht zugeben vermag und manchmal auch einen Namen.
Das Wort Brokeback ist schon jetzt eine Wendung, ein Code, ein Name. Nur wofür? Am Ende doch für eine Moral? Wenn Du etwas so Vollkommenes findest, einen Menschen der Dich ohne Worte versteht, dann riskier‘ alles oder lass es ganz bleiben!? Nicht die Sparflammen-Variante fahren, keine Entscheidungen aus Angst aufschieben. Alles auf eine Karte setzen?
Sicher: Nach dem Gucken setzt der Haben-will-Reflex ein. Oder besser: Gefühle der Dankbarkeit. Heute sind wir freier, heute sind wir moderner, versucht man sich einzureden. Jeder kann sein Schicksal, sein Leben beeinflussen, oder zumindest das Beste daraus machen. Erschreckend: Wahrscheinlich dachten das die Figuren im Film auch: Machen wir das Beste draus.
Und heute? Wie oft tun wir Dinge, weil andere sie möglicherweise von uns erwarten. Wie oft lügen wir dem anderen direkt ins Gesicht, damit er sich besser fühlt, es leichter mit uns hat für die nächsten fünf oberflächlichen SmallTalk-Minuten. Das war der Irrtum von Ennis, einer der Hauptfiguren. Er dachte, er könnte das Leben eines anderen leben und zog nie in Betracht, dass es anders auch funktionieren könnte. Also wählte er ein passendes Leben, immer bemüht, alles richtig zu machen. Es ist so traurig, nicht weil er das Unmögliche nicht versucht hat, sondern weil er nicht versucht hat, es zu denken. Realistisch gesehen ist die Situation ausweglos. Aber er vertraut dem Ganzen nicht einmal so weit, dass er auf das flüchtige Angebot zum Träumen eingeht, sondern sofort abblockt. Es geht halt nicht.
So viel Hoffnungslosigkeit mitten im Paradies—das ist das Gift, das über die erzählten Jahre in die Geschichte sickert und langsam aber sicher die Menschen abtötet. Als sie es merken, ist es längst zu spät. Die Zeichen waren da, er hat sie nur nicht gesehen, weil er so lange damit beschäftigt war, jemand anderer zu sein.
Man muss ihn wohl gesehen haben, um zu wissen, worum es geht.
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