Ok, das war nun ein wenig Reim Dich oder ich fress Dich – ich konnte nicht anders. ;)

Aber nun zum Ernst des Lebens. In einigen Beiträgen habe ich bereits berichtet, dass es nicht ganz einfach ist, in den Zeiten des Umbruchs nach Bologna zu studieren. Nicht nur der Spiegel gibt mir ausnahmsweise Recht: In dem Artikel 1 von Marc Widmann und Jochen Leffers geht es ja eigentlich um die Jurastudenten in Hamburg, denen jetzt wegen absoluter Überlastung des zuständigen Justizprüfungsamts Studiengebühren drohen, während sie damit beschäftigt sind, auf ihre Examensergebnisse zu warten.

Nun geht es mir an dieser Stelle nicht in erster Linie um die Studiengebühren, sondern um die doch sehr realistisch beschriebenen Verhältnisse an deutschen Großunis. Die Herren Leffers und Widmann schreiben da ziemlich treffend:

Die Hamburger Episode rührt an eine Grundsatzfrage: Mit der Einführung von Studiengebühren nehmen auch andere Länder die Studenten stark in die Pflicht, sind aber kaum bereit, ihnen im Gegenzug verbriefte Rechte zu gewähren. So gibt es über die Verwendung der Studiengebühren zwar Absichtserklärungen, und mitreden dürfen die Studenten durchaus – aber mitentscheiden nicht.

Und vor allem: Was soll geschehen, wenn Studenten durch das Studium spurten wollen, aber von der Hochschule oder von einzelnen Professoren ausgebremst werden? Sie erhalten zum Beispiel keinen Platz im Pflichtseminar oder im Labor; ihre Haus‑ oder Examensarbeiten werden erst nach Monaten korrigiert; die Examensanmeldung misslingt; beim Wechsel an eine andere Uni werden etliche Scheine trotz ganz ähnlicher Studienordnung nicht anerkannt; die Prüfungen ziehen sich ohne ihr eigenes Zutun in die Länge; der Prüfer nimmt ein Forschungsfreisemester, wird an eine andere Hochschule berufen oder krank, ohne dass die Hochschule für Ersatz sorgt – lauter Alltagsfälle aus dem ganz normalen Uni-Wahnsinn.

Meine bisherige Alma mater ist ja wie schon besprochen PR-erfahren und bezüglich der Außendarstellung souverän unterwegs. Was dabei immer gerne vergessen wird: Der Blick von oder nach innen. Aus dem normalen Unibetrieb heraus, aus der Perspektive der Studis, sehen die Fortschritte zur Realisierung der Bologna-Beschlüsse freilich ein wenig anders aus.

Vor drei Tagen berichtet die Pressestelle der RUB stolz von Fortschritten bei der Akkreditierung2 der letzten BA-Studiengänge. Diese – im sozialwissenschaftlichen Bereich angesiedelte Fächer – seien nun profilgeschärft und „[…] stärker themen‑ und berufsfeldorientiert.[…]“. In der Pressemitteilung Nr. 285 ist zu lesen:

Ruhr-Uni untermauert ihre Sonderstellung bei gestuften Studiengängen

Vier sozialwissenschaftliche Studiengänge wurden akkreditiert

Fakultät für Sozialwissenschaften schärft gleichzeitig ihr Profil

Am 23. August hat die Agentur für Qualitätssicherung durch Akkreditierung von Studiengängen (AQAS e. Ⅴ) ohne Auflagen vier weitere Studiengänge der Ruhr-Universität Bochum akkreditiert: Sozialwissenschaft als 1-Fach-Bachelor und als 1-Fach-Master sowie die beiden 2-Fach-Bachelor-Studiengänge Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bzw. Kultur, Individuum und Gesellschaft. Damit erhöht sich die Zahl der akkreditierten Studiengänge an der RUB auf rund 60. Wie bei der Einführung der gestuften Studiengänge (Bachelor/Master) nimmt die Ruhr-Uni auch bei deren Akkreditierung eine absolute Vorreiterrolle ein.

Studienangebote neu ausgerichtet

Die Fakultät hat ihr Studienangebot vollkommen neu ausgerichtet und deutlich optimiert. Eine klare fächerverbindende wissenschaftliche und forschungsmethodische Ausrichtung bestimmt nun den Bachelor‑ und Master-Studiengang Sozialwissenschaft (1-Fach), den Nachfolger des Diplomstudiengangs. Die Ausrichtung im 2-Fach-Modell ist stärker themen‑ und berufsfeldorientiert.

Das klingt für etwa fünf Generationen von Studierenden, die sich in den über Nacht nicht mehr existierenden Studiengang „Sozialpsychologie und –anthropologie“ (= SoPsy) eingeschrieben und sechs Semester ein absolut überzogenes und daher nie akkreditiertes 3 Curriculum abgearbeitet haben, wie Hohn. Seit über zwei Jahren gibt es Unsicherheiten bezüglich der Akkreditierung für den SoPsy-BA. Seit Jahren sagen die Verantwortlichen in der Fakultät und auch von gesamt-universitärer Seite: Die Akkreditierung kommt bestimmt.

Jetzt wird von einem zum anderen Semester ein ganzer Studiengang eingestampft, um die Berufsorientierung zu schärfen und die Akkreditierungskriterien endlich zu erfüllen. Bis vor 6 Monaten konnten sich also noch ahnungslose Erstis für SoPsy einschreiben, ohne von offizieller Seite explizit darauf hingewiesen zu werden, dass der Studiengang in dieser Form a) nicht akkreditiert ist und b) auch nie akkreditiert wird.

Abgesehen von dieser unverantwortlichen Intransparenz in Bezug auf relevante, die Studienwahl beeinflussende Informationen scheint die Uni auch sonst nicht besonders daran interessiert, die Realitäten, unter denen ihre Studierenden leiden, zu ändern.

Den Geisteswissenschaftlern wird es immer schwerer gemacht, effizient zu studieren, da der für die angeblich so innovativen 2-Fach-BAs essentielle Optionalbereich – ein quasi drittes Fach im Umfang eines Nebenfaches, welches studiert werden MUSS – so zusammengeschrumpft wird, dass es in keinem Fall genug Veranstaltungen und Kapazitäten für den bevorstehenden Ansturm an Studierenden geben wird.

Der Optionalbereich selbst schreibt dazu:

Sehr geehrte Kommilitoninnen und Kommilitonen,

das Modulangebot des Optionalbereichs im Wintersemester 2006⁄07 ist in den Gebieten 2 „Präsentation, Kommunikation und Argumentation“ und Gebiet 3 „Informationstechnologien“, ebenso wie in den berufsqualifizierenden Angeboten des Gebietes 4 „Interdisziplinäre Studieneinheiten und/oder ergänzende Studieneinheiten anderer Fächer“ sehr eingeschränkt. Aufgrund der prekären Haushaltslage der Ruhr-Universität und der damit einhergehenden Stellensperre sehen sich die 14 Fakultäten, die den Optionalbereich tragen, außerstande, die Mittel für die Lehre in den Gebieten 2 und 3 zur Verfügung zu stellen.

Insgesamt wurden 33 eingeplante Module im Optionalbereich gestrichen, das sind etwa 70 Veranstaltungen.

Meine Meinung: Innerhalb der Uni ist ja bekannt, dass bestimmte Fächer (SoPsy gehört dazu) (bisher) nicht unter normalen Bedingungen in den vorgegebenen Semestern studierbar sind. Abgesehen von den Massen an Studierenden (kein Seminar unter 60, 80 und mehr Teilnehmern) liegt das vor allem daran, dass die Inhalte nicht auf die Ansprüche der Bologna-Verordnungen zugeschnitten wurden. In einem BA-Studium von sechs Semestern, in welchem zwei Hauptfächer gleichberechtigt studiert werden sollen und in dem ein drittes (Neben‑)Fach faktisch dem Umfang eines dritten Hauptfachs entspricht, kann es nicht zumutbar für Studierende sein, semesterlang auf einem Platz im letzten Pflichtseminar warten zu müssen, ebenso, wie es nicht sein kann, dass man Veranstaltungen nur unter der Prämisse der zu erreichenden Punktzahl auswählt, ohne die fachliche Schwerpunktbildung im Blick haben zu können – man muss ja schnell fertig werden, zügig ans Studienende kommen.

Noch weniger sind es meiner Meinung nach ausschließliche Pflichtcurricula, deren Abarbeitung die Erreichung der Ziele der Bologna-Erklärung sichert, so behauptet und jahrelang paktiziert bei den Bochumer Sozialpsychologen. Es gab genau zwei Wahlmöglichkeiten im SoPsy-Veranstaltungsplan in sechs Semestern: Innerhalb der 6 angebotenen Basismodule Einführung in die… Sozialpsychologie/Datengewinnung/Statistik hatte man bei den Einführungen in die anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen die Wahl aus Soziologie, Sozialökonomik, Politikwissenschaft zwei auszuwählen. Es handelte sich dabei wohlgemerkt um Einführungsveranstaltungen, ⅰ. ⅾ. R. 2 Vorlesungen + 1 Seminar oder Übung, also nichts Berufsvorbereitendes oder Schwerpunktbildendes.

Die zweite Möglichkeit, im Fach SoPsy einen Interessenschwerpunkt zu wählen, bestand schon für mich nur noch auf dem Papier – realitär war der entsprechende Dozent aushäusig, die Wahl aus den Aufbaumodulen Sozialisationsforschung oder Organisationsforschung war also nicht gegeben, es fand nur eine der Veranstaltungsreihen überhaupt statt.

Fazit: Die BA-Studiengänge sind selbst nach mehr als 5 Jahren Real‑ und Betriebserfahrung zumindest in Bochum noch weit davon entfernt, erstens das zu leisten, was in Bologna ersonnen wurde und zweitens annährend so organisiert und strukturiert zu sein, wie es vergleichbare Diplomstudiengänge in den entsprechenden Fächern waren/sind.

Achso: Viel Aufregen hilft natürlich wenig. Über sehr Vieles an der RUB hab ich mich aufgeregt, geschimpft wie ein Rohrspatz, mich engagiert und den Mund aufgemacht. Die Situation für die Geisteswissenschaftler wird dort immer schlechter, ich bin aus dieser Perspektive froh, vorher abgeschlossen zu haben.

Andererseits: In Bezug auf die Studienorganisation und das, was Studierende ihrem erfolgreichen Abschluss näher bringen soll, fühlte ich mich als ungewollter Alphatester des ganzen Bologna‑ und Umstrukturierungsprozesses. Ich sehe in meinem Freundes‑ und Bekanntenkreis, dass Studieren deutlich besser laufen kann – mit weniger Stress und am Ende besserer Qualifizierung.

Aber ich weiß auch: In Bochum ist es dies, hier in Marburg werden es andere Dinge sein, die aufregen, erschweren und schocken. Nette Leute trifft man trotzdem und unter dem Gesichtspunkt, hat sich das Studium an der RUB voll und ganz gelohnt. :D

  1. Ich verlinke nicht gern den Spiegel, weil die Artikel nach einer Weile u. U. nur noch kostenpflichtig einsehbar sind, daher hier noch der hoffentlich dauerhaft erreichbare Alternativlink zum Artikel im Web.de-Portal.
  2. Allgemeine Infos zur Akkreditierung: Wie, was, wer?
  3. Info-Blatt (PDF) der SoWi-Fachschaft vom Dezember 2004 und April 2005.

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