Der Bundespräsident Horst Köhler hat sich—in einer Tradition mit seinen Vorgängern Roman Herzog und Johannes Rau—für ein stärkeres bildungspolitisches Engagement und einen aktiveren Einsatz für den Wandel zu einer Wissensgesellschaft ausgesprochen. In seiner Rede geht er vor allem auf die teilweise erschreckenden bildungspolitischen Tatsachen ein, welche u. a. dafür sorgen, dass das Bildungssystem—ganz im Gegensatz zu seinem Auftrag—zu einem Verstärker und Herd sozialer Ungleichheit geworden ist.
Horst Köhler sagt viel Wahres, z. B.:
Der Blick auf das Individuum – das muss auch heute unser Ausgangspunkt sein. Gute Bildung geht nicht in erster Linie von gesellschaftlichen Bedürfnissen oder den Anforderungen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes aus. Zuallererst hilft gute Bildung uns, das zu entwickeln, was in jedem einzelnen von uns steckt;[…]
Erst wenn Wissen und Wertebewusstsein zusammenkommen, erst dann ist der Mensch fähig, verantwortungsbewusst zu handeln. Und das ist vielleicht das höchste Ziel von Bildung.
Zufällig ist mir beim Rumsurfen dann dieses Interview mit einem Personaler der Deutschen Bank zum Thema Zukunft des Bachelors vors Visier gerutscht, da musste ich dann kurz lachen:
SPIEGEL ONLINE: Die neuen Abschlüsse stehen vielfach in der Kritik. Sollte die Umstellung gestoppt werden?
Möhrle: Da hilft das Meckern nichts mehr. Stattdessen sollte man die Umstellung beherzt angehen und nicht eine Generation zukünftiger Studenten desorientieren. Aufgrund unserer hohen Abbrecherquote haben wir weltweit eines der ineffizientesten Hochschulsysteme und sind auch noch stolz drauf. Das neue System zwingt nicht mehr jeden zur Marathonstrecke bis zum Diplom und erleichtert den Wechsel von Hochschule und Fachrichtung. Die Abbrecherquote wird zurückgehen. Der Bachelor ist also ein klares Effizienzsteigerungsprogramm.
[Quelle: Spiegel Online]
Ja, da musste ich schon schmunzeln—Politik will Persönlichkeitsbildung, Wirtschaft möchte Effizienssteigerung—wenn das mal kein Zielkonflikt ist.
Weiterhin konnte ich in der Rede des Bundespräsidenten einen Seitenhieb in Richtung der Hessischen Bildungsoffensive „Unterrrichtsgarantie Plus“ ausmachen:
Viele so gute Beispiele zeigen: Bürgerschaftliches Engagement kann den Schulen wirksam helfen, mehr für die Kinder zu erreichen. Es darf aber keine Missverständnisse geben: Bildung ist vor allem das Geschäft der Schule, und die Hauptverantwortung für den Unterricht tragen die Profis.
Was heißt „Unterrichtsgarantie Plus?“: Auf kurz heruntergebrochen bedeutet es, dass Menschen, die sich für qualifiziert halten, sich bewerben können, um dann kurzfristigen Unterrichtsausfall an allgemeinbildenden Schulen auszugleichen und so den Unterrichtsausfall verhindern. Lehrer und Lehramtsstudierende in meinem Freundes‑ und Bekanntenkreis sind überhaupt nicht von dem Konzept, irgendwelche Alltagsmenschen auf die Kinder loszulassen, begeistert. Der Bundespräsident scheint auch so seine Zweifel zu haben.
Ja um die Nöte des deutschen Bildungssystem weiß man schon länger, nur ändern wird sich vermutlich nichts.
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