scheint irgendwie zur Produktion semantischer Fehlkonstruktionen einzuladen. Zuerst in der Computerwoche, jetzt in der Süddeutschen entdeckt. In einem Artikel zu ausländischen Bewerbungsverfahren ist zu lesen:
Vorsicht: Speziell bei Bewerbungen in Amerika sind Fotos sowie persönliche Angaben wie Familie, Alter und Geschlecht verpönt, um ethnische Diskriminierung zu vermeiden.
Liebe Schreiberlinge,
noch einmal von einer zugegeben noch mit Weiterbildung beschäftigten Sozialanthropologin/Literaturwissenschaftlerin: Ethnien haben als Kategorien nichts mit Familie(nstand), Alter oder Geschlecht zu tun! Bei Ethnien, ethnischen Gruppen usw. handelt es sich um Personen, die sich i.d.R. selbst als zugehörig zu einer (wie auch immer begründeten) Gruppe betrachten.
Oft wird Ethnizität im Sinne von bspw. „Rassen“ bezogen auf den Menschen gebraucht. Hier ist meist von einem primordialen Verständnis auszugehen, d.h. die Ethnie existiert—nach diesem Ansatz—unabhängig von menschlichen Handlungen und ist eine quasi naturgegebene Eigenschaft für ein Individuum aber auch dessen sozialen Zusammenhang, seine Gruppe, sein Umfeld usw. Auf obigen Textausschnitt bezogen, würde u. U. nur ein Foto auf eine ethnische Zugehörigkeit schließen lassen, ein Zusammenhang, der keineswegs eindeutig sein muss.
Rassen, Spezien/Arten, Nationen usw. sind soziale Konstruktionen. Im Falle von Rassen und Arten (nicht nur auf den Menschen bezogen) heißt das: Jede Disziplin entwickelt ihre Fachsprache, im weitesten Sinne—nach Luhmann—Logiken, entlang derer im jeweiligen (Fach‑) System kommuniziert werden kann. D.h. im Klartext: Fachjargon muss sein, damit wir uns analytisch über Dinge unterhalten können und wissen—gefangen in der doppelten Kontingenz—dass wir doch über dasselbe reden.
Bitte dabei immer im Hinterkopf behalten: Es gibt auch eine andere Auffassung zum Thema Ethnie. Die situationalen Ansätze gehen von einer ethnischen Zugehörigkeit in Abhängigkeit von menschlichen Handlungen aus. Das bedeutet, dass Ethnien nur als Produkte des menschlichen Agierens ent‑ und bestehen. Individuelle Zugehörigkeit ist demnach nicht naturgegeben sondern von gegenseitiger also interindividueller und individueller Zuordnung abhängig. Hierbei ist zu beachten, dass Ethnien immer „nur“ in und durch Abgrenzung zu/gegen andere/n Gruppen (Ethnien) existieren.
In neueren Diskursen ist der Begriff und das Konzept der Ethnie im Zuge der Postmoderne und des Kulturrelativismus‘ diskutiert worden.
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einige informative Quellen:
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Relativism, Postmodernism, Identity Politics
- Uni Hamburg, Institut für Völkerkunde: Ethnos, Rasse, Volk. Zur gesellschaftlichen Konstruktion von (Welt‑)Anschauungen
- Bundeszentrale für politische Bildung: Lexikon—Lemma Ethnizität
- Politikwissen Lexikon: Ethnie
1. Alexander Horn
13/12/2006 06:51 amIch glaube der Grund warum die Median den Begriff „Ethnie“ verwenden ist der Gebrauch des Wortes „ethnicity“ im Englischen. Gerade in den USA hat dieses Wort eine andere Bedeutung (a different notion) als in der Deutschen Sprache … was nicht ueberraschend ist. Wie wuerdest du „ethnicity“ uebersetzen?
2. Anna-Maria
13/12/2006 12:57 pmIch gehe mal vom englischen Sprachgebrauch aus, den mir das englischsprachige Wiktionary zum Stichwort „ethnicity“ anbietet:
Das heißt, mit „ethnicity“ wird sowohl das Rassenkonzept aufgegriffen, indem auf bestimmte (biologische) Eigenschaften (Caucasoid, Negroid, Mongoloid) referriert wird. Das Konzept ist in bestimmten, sehr eng begrenzten Kontexten hilfreich, bspw. in der forensischen Anthropologie, in denen das Konzept von zugehörigkeitsspezifischen Merkmalen im Körperbau die Identifizierung von sterblichen Überresten unterstützt. Allerdings geht es hier weniger um eine direkte Zuweisung zu einer ethnischen Gruppe sondern vielmehr um die Eingrenzung der Identität eines Verstorbenen über verschiedene physische Merkmale (die big Four: „Rasse“, Alter, Geschlecht, Statur). Selbst in diesen bio-wissenschaftlichen Zusammenhängen wird ein neueres Konzept (Craniofacial Anthropometry in Phylogeography) bevorzugt. Im Feld der forensischen Anthropologie ist als race ein Merkmal, welches Identität konstruieren kann.
So viel zur großen Ausnahme.
Ethnicity kann im Deutschen mit Ethnizität übersetzt werden, es kommt aber auf den Kontext an, in wie weit sich Bedeutungen überschneiden oder nicht entsprechen. In im weitesten Sinne sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen, bezeichnet Ethnizität im Deutschen DIE Zugehörigkeit zu EINER (beliebigen) Gruppe von Menschen, mit der man sich SELBST identifiziert. „Ethnizität“ beschreibt also relational Zugehörigkeit (den Zustand: Ich fühle mich hier zugehörig und nicht dort, weiß aber um das dort.) und nicht etwa bestimmte Eigenschaften (wie etwa: Schwarz, Weiß etc.). An dieser Stelle ist gut erkennbar, wie stark Ethnizität von Identität und (Selbst‑)Zuschreibung abhängt: Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe muss ich selbst immer wieder affirmieren und reproduzieren. Ich muss mich mit der Gruppe identifizieren. Aber das allein reicht nicht aus! Weiterhin muss die Gruppe mich als Mitglied, als zugehörig empfinden und sich auch mit mir identifizieren.
Es ist eine Tatsache, dass Kategorien wie Identität, Ethnizität, Rasse, Nation/Volk und auch (vermeintlich trivialere Begriffe wie) Gut & Böse soziale Konstruktionen sind, d.h. sie entstehen durch Handlungen und in sozialen Räumen. (s. u.a. Abizadeh 2002 und Heyes 2002)
Wenn also Ethnizität in Kontexten gebraucht wird, die nahe legen, dass damit die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe gemeint ist, ist das falsch. Ethnizität bezeichnet den Status und Prozess in dem Zugehörigkeit (und auch Identität) immer wieder bestätigt wird, sowohl vom Einzelnen als auch von der Gruppe als solcher.