In einem Artikel des von mir geschätzten UniSpiegel – in dem es um die erste jüdische (Privat‑)Universität auf bundesdeutschem Boden aber mit anglo-amerikanischem Curriculum und eben solchen Zugangsbedingungen geht – darf ich heute folgendes lesen:
So bleiben derzeit einige Fragen, die sich Touro-Interessenten stellen müssen: Bin ich bereit, einen Abschluss zu erwerben, der in Deutschland noch nicht anerkannt ist? Ziehe ich das verschulte College-Prinzip der akademischen Freiheit einer staatlichen Universität vor? Und: Bin ich bereit, für meine Ausbildung relativ tief in die Tasche zu greifen?
Empörung stellt sich bei mir ein. Nicht nur, dass die Bildungseinrichtung, die hier besprochen wird, eine Privateinrichtung ist—sich somit ihre Studenten, die sich selbst im Bewusstsein der Tatsache dort bewerben, handverliest, auswählt sowie ihnen, gegen gutes Geld, wahrscheinlich halbwegs träumenswerte Lernbedingungen schafft (“College heißt betreutes Lernen“!)—nein, die Uni geht auch offen mit der fehlenden staatlichen Akkreditierung in Deutschland um. Im Gegensatz zu anderen, wohl bemerkt staatlichen, Universitäten in Deutschland! Hier wird potentiellen Studierenden die Information verweigert bzw. so Beamten‑/Bologna-Deutsch ins Minigedruckte der Webseiten geschrieben, dass kein halbwegs normal informierter Abiturient in der Studienwahl darauf aumerksam wird.
So geschehen an meiner ehemaligen Alma mater: Ohne pathetisch klingen zu wollen, würde ich soweit gehen zu behaupten: Was der aktuellen Studentengeneration dort vorgegaukelt wurde, ist Etikettenschwindel und Betrug. Ich habe ja schon ein paar mal darüber berichtet*, wie die Uni – abgesehen von absolut unrealistischen bis hin zu schlicht weg nicht realisierbaren Studienplänen – jahrelang propagiert hat, die Akkreditierung für den Studiengang Sozialpsychologie/-anthropologie werde noch kommen, ganz sicher. Meine KommilitonInnen und ich sind beim Aufkommen der Diskussion aus allen Wolken gefallen: „Was, unser Studiengang soll nicht akkreditiert sein?! Aber wir studieren doch schon seit einem Jahr und als dritter Jahrgang dieses Curriculum! Wie kann das sein, an einer staatlichen Uni?“
Ja so war das. Keiner der betroffenen Studis wusste um die fehlende Akkreditierung (jedenfalls, soweit ich informiert bin) und potentielle Erstsemester wurden auch nicht vor der Gefahr gewarnt, die das alles mit sich bringt. Am Ende steht man nämlich – so gesehen – ohne staatlich anerkannten Studienabschluss da.
Angesichts dieser Tatsache muss ich doch ernsthaft den Kopfschütteln, wenn sich Reporter sorgenvoll oben genannte Fragen stellen. Insbesondere, da mir die Zielgruppe des Touron College – welches meiner Meinung nach vom Lehrangebot her einen mutigen Schritt in die richtige Richtung unternimmt – eine internationale Studierenden‑ und potentielle Arbeitnehmerschaft zu sein scheint. Dh. die Akkreditierung in den USA dürfte wohl der entscheidendere Schritt Richtung Akzeptanz und Verwertbarkeit des Abschlusses auf dem Arbeitsmarkt sein.
Außerdem bezweifle ich, dass die Mehrzahl der Bacherlor-Studiengänge, die momentan auf deutschem Boden starten, die internationale bzw. eine US-amerikanische Akkreditierung bekommen würden. Befürchtungen, dass der deutsche Bachelor international doch nicht so angesehen und akzeptiert wird, wie gewünscht**, zeigen, dass es nicht mit einer englischen Abschlussbezeichnung getan ist, wenn man ganze Curricula reformieren will.
Was geschehen kann, wenn Reformbemühungen richtig schief gehen, schildert ein anderer UniSpiegel-Artikel um so plastischer. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das gezeichnete Szenario dort weitestgehend der Realität vieler Bachelor-Studiengänge entspricht.
Latein um sechs Uhr früh, Arabisch in Heimarbeit, Geschichte statt Amerikanistik. Was die Uni Startprobleme nennt, ist für Erstsemester wie Anne und Eike ein unfassbares Chaos. Göttingen hat zum Wintersemester komplett auf Bachelor umgestellt – Szenen eines Fehlstarts. […]
Die Crux: Zum Bachelor gehört die Anwesenheitspflicht. Viele Veranstaltungen sind obligatorisch, bilden einen festen Stundenplan, bauen aufeinander auf. Doch was, wenn zwei zur gleichen Zeit liegen?[…]
„Der Bachelor verlangt nicht nur, dass die Studenten immer mehr in immer weniger Zeit erledigen. Offenbar sollen sie sich auch noch aufteilen können, um an zwei Orten gleichzeitig zu sein“, so Simon Ledder, als studentisches Mitglied selbst in der Studienkommission.
Dass es nicht immer so laufen muss, kann ich in Bezug auf den Politikwissenschafts-BA hier in Marburg sagen. Das läuft verhältnismäßig vernünftig, Sven ist zufrieden und die Studis lernen Dinge, die auch tatsächlich ein Stück weit für gewisse Berufsfelder qualifizieren.
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* z. B. hier:
- Der kleine“ Unterschied zwischen Journalismus & PR
- Bewerbungsgespräch und der Kampf mit Bologna im studentischen Alltag
- Aufhänger & Kommentar
- Immatrikulieren ist nicht schwer, zügig Studieren dagegen sehr –
** die Lage hat sich mittlerweile verbessert: Siehe Punkt 1.13 bei BritishCouncil.de
- Spiegel online: BACHELOR, MADE IN GERMANY: Neue Scherereien mit dem Turbostudium
- taz: Britische Ohrfeige für Bildungsreformer
- FAZ.net: Deutscher Bachelor in Amerika nicht anerkannt
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