In den letzten Wochen und Monaten ist ja bereits viel zum Thema StudiVZ geschrieben worden* und kaum ein Tag ist vergangen, an dem ich keine informativen (Ketten‑) Mails über das Versagen der Technik oder der Mitarbeiter dieses studentischen Netzwerks beommen habe. Viele Freunde haben mittlerweile ihre Accounts gelöscht und auch ich fühle mich genötigt, nun mal Stellung zu beziehen, insbesondere, weil ich mich schon einmal eindeutig für die Plattform ausgesprochen habe.

Die Kritik von vielen Seiten aufgrund der Pannen, die die jungen Geschäftsführer, Manager und plötzlich-berühmt-Programmierer vom StudiVZ einstreichen mussten, halte ich für gerechtfertigt. Ich will nicht in die Details abschweifen, die sind ja in Gänze und Breite nachzulesen. Trotzdem ein kurzer Einzelüberblick:

1. Die Sache mit der Datensicherheit. Architektur, Benutzerführung und Bekanntheitsgrad des StudiVZ lassen eine ganz bestimmte Zielgruppe der Plattform erkennen: Studierende wie Du und ich. D.h. die Sache richtet sich nicht ausschließlich an die Geeks und Nerds unter uns, sondern an den/die Otto-Normal-Studi.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Erstsemester und auch sonstige Studierende nicht unbedingt mit konzentriertem Computerfachwissen aufwarten können. Damit rede ich jetzt nicht vom Einzelnen sondern von der Allgemeinheit. Das mag an einzelnen Fachbereichen anders sein, aber da wo ich im größeren Stile Studis beraten oder betreuen durfte, war Windows das einzige Betriebssystem, Word die einzige Möglichkeit eine Hausarbeit zu verfassen und *.doc das einzig existente und bekannte Dateiformat.

Was lässt sich daraus nun ableiten? Das StudiVZ ist deshalb so beliebt und so erfolgreich, weil es einfach ist. Übersichtliches Klickibunti, einfaches Durchklicken und Einstellen der eigenen Angaben, die persönlichen Infos kommen bequem via Formular auf die eigene Seite. Da können weder iWeb, noch RapidWeaver, FrontPage und wie sie alle heißen, mithalten. So ein unbedarftes Publikum darf IMHO nicht mit zu hohen technischen Hürden konfrontiert werden, der allgemein normal-verteilte Menschenverstand kann aber vorausgesetzt werden, dazu später mehr.

Wenn ich also so einer Zielgruppe eine kosten‑ und werbefreie Spielwiese gebe, und das Haustier des Programmierers unerwartet zu einem T-Rex im deutschsprachigen Web mutiert, dann muss ein „Eure Daten sind bei uns sicher!“ auch heißen: Die Daten sind sicher. Punkt. Eskapaden und Pannen a la Crawler, Profile im großen Stil auslesen usw. dürfen da einfach nicht in diesem Ausmaß passieren, wie sie im StudiVZ in den letzten Monaten an der Tagesordnung waren. Solche Patzer sind inakzeptabel.

2. Die Sache mit dem menschlichen Versagen. Wenn man quasi über Nacht berühmt wird, weil eine exponentiell wachsende Community das Produkt schneller als erwartet annimmt, ist man plötzlich in einer nicht mehr selbstgesteuerten Situation gefangen: Die User wollen ein einwandfreies Produkt, egal ob BETA drauf steht, oder nicht. Die Entwickler des StudiVZ waren offenbar vom eigenen Erfolg so überrascht, dass die eine oder andere Äußerung offenbar unbedacht und unvernünftig geschah, ungeachtet des neuen Rahmens der eigenen Außenwirkung. Sendungsbewusstsein muss sich mit der Zeit erst entwickeln, das kommt nicht über Nacht.

Dazu kann ich sagen: Serverausfälle durch Überlastung sind das eine, bei einem kostenfreien Service muss man das als Nutzer halt in Kauf nehmen oder zu XING (früher:openBC) wechseln. Etwas anderes sind Hitler‑ bzw. Drittes-Reich-Adaptionen, die weder passend, noch witzig sind, egal in welchem Rahmen.

Ich muss zugeben, dieser Vorfall—die Einladung zum einjährigen Geburtstag des StudiVZ wurde mit Referenzen an Adolf Hitler & die Nazi-Herrschaft im Stile eines NS-Kampfblattes gestaltet—hat mich sofort daran denken lassen, meinen Account im StudiVZ zu löschen. Einige Tage später kam die öffentliche Entschuldigung der Macher—ein Akt der zumindest Verantwortungsübernahme erkennen ließ, auch wenn ich damals und auch heute der Meinung bin, dass diese Reaktion weniger der Einsichtsfähigkeit der StudiVZ-Verantwortlichen sondern eher der Schadensbegrenzung der hinzugezogenen PR‑ und Medienberater zu verdanken war.

Wie dem auch sei: Diese Panne halte ich für den nicht nur gefährlichsten sondern auch naivsten (wenn man das Wort in diesem Zusammenhang überhaupt verwenden kann) Patzer im Unternehmen StudiVZ. Wie um alles in der Welt kann man täglich—zu diesem Zeitpunkt nach eigenen Angaben—über einer Million Nachwuchsakademiker seine Dienste anbieten und nicht im Voraus auf die Idee kommen, dass eine solche Partyeinladung/Äußerungen weitere Kreise und Empörung nach sich zieht? Bis heute verstehe ich das nicht, auch kann ich nicht nachvollziehen, wie man überhaupt auf eine solch geschmacklose Idee kommen kann.

Doch auch hier kommt ein Aber: Junge Menschen haben das StudiVZ für andere junge Menschen geschaffen und Menschen machen nun einmal Fehler. Sie können in Rollen hereinwachsen, müssen aber auch mit den neuen Ansprüchen und Herausforderungen wachsen dürfen. Die Tatsache, dass das StudiVZ jetzt in einen technischen Dialog mit allen Interessierten und Sachkundigen tritt, sich qualifizierte Beratung geholt hat und auch viele der in der Öffentlichkeit diskutierten Punkte versucht hat, transparenter zu gestalten, zeigen dies, wie ich finde.

Dieses Verhalten schätze ich persönlich als Einsichts‑ bzw. Kritikfähigkeit ein und meine ein Erwachsenwerden der Macher des StudiVZ zu erkennen—sie nutzen ihre Chancen, sich zu beweisen und weiter zu entwickeln und zumindest diese Chance wollte ich dem Projekt geben, bevor ich meinen Account wegen diesem—zugegeben unverzeihlichen und für mich nicht nachvollziehbaren—Fehltritt lösche.

3. Die Sache mit der Datennutzung. Viel wurde bereits spekuliert über den Wert des StudiVZ, über die (Aus‑)Nutzbarkeit der Daten der StudiVZler und das Finanzkonzept hinter dem Großprojekt. Oben angesprochene Transparenz in Finanzierungsfragen lässt ja doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass man sich als Ottonormaldenker schon irgendwann fragt, wie sich so viele Dienste am Studenten fast ohne Werbung und kostenpflichtige Leistungen finanzieren lassen. Unklarheit in diesem Punkt hat u.a. die Spekulationen über eine Drittnutzung der persönlichen Daten der StudiVZ-Teilnehmerinnen und Teilnehmer geschürt.

Seit heute ist klar: Die Holzbrinck Verlagsgruppe hat das StudiVZ gekauft, zu den Modalitäten der Übernahme kann man sich lang und breit informieren, u.a. im Blog des StudiVZs selbst.

Somit scheint zumindest die Zukunft des Portals gesichert—wenn es auch wenig wahrscheinlich ist, dass wirklich alle Nutzerdaten unangetastet von Drittverwendern bleiben.

Die ersten drei hier angesprochenen Punkte beziehen sich quasi auf die Angebotsseite des sozialen Netzwerkes. Die nächsten beiden Punkte sind eher auf die Nutzerinnen und Nutzer der Plattform bezogen.

4. Die Sache mit dem Anstand. Wenn das StudiVZ einen Raum zur studentischen Kommunikation stellt, ist es IMHO nicht dafür verantwortlich, wenn sich TeilnehmerInnen dort daneben benehmen. Ein unschönes Phänomen in allen sozialen Angelegenheiten: Es gibt immer Leute, die auf Deutsch gesagt auf die Kacke haun. Egal wo, auch an der Uni gibt es Intolerante, Besserwisser, Querulanten, Beleider, Störer was auch immer. Alles ist relativ und für unsoziales Verhalten im sozialen Netzwerk sollte man diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die dieses Verhalten an den Tag legen—nicht diejenigen, die den virtuellen Raum und die Möglichkeit zur Verfügung stellen.

Würde jemand auf die Idee kommen, den örtlichen Nahverkehrsverbund zur Rechenschaft zu ziehen, weil man im Bus angepöbelt wurde? Ich glaube nicht.

Sicher kann sich in Punkto Wohlfühl-Klima noch etwas im StudiVZ verbessern: Blacklists, Ignorieren-Filter, Tarnkappen-Surfen oder ähnliches, wie es bei Instant Messengern schon üblich ist, könnten die Möglichkeit ergänzen, einen Freund abzulehnen bzw. nicht als Freund zu bestätigen.

Das soll nicht heißen, dass es innerhalb der Plattform ohne Zutun der Veranstalter unter dem Motto Friss oder Stirb zugehen darf. Jedes Online-Forum und jede Mailingliste unterwirft sich einer Netikette und/oder gewissen Regeln des kultivierten Umgangs miteinander. Diesen Regeln muss jeder Teilnehmer vor dem Zugang zustimmen. Werden diese nicht eingehalten, kann Stalkern, Trollen und unliebsamen Gästen der Ausschluss aus dem Forum drohen. Was für so viele andere Communities funktioniert, kann—trotz anderem Konzept—auch auf das StudiVZ übertragen werden. So liegt die Verantwortung für das gegenseitige Miteinander in der Hand der Nutzer des Netzwerks, während die Macher einen einigermaßen geschützten Rahmen schaffen können.

5. Die Sache mit dem Menschenverstand. Nicht unbedingt Computersachverstand, aber doch ein gewisses Maß an studentisch-kritischem Mitdenken kann man von der Zielgruppe und den Nutzern des StudiVZ durchaus erwarten.

Jeder/m wird klar sein, dass eine Website ein semi‑öffentlicher Raum ist. Semi, weil nur die Leser und Besucher der Homepage die präsentierten Infos konsumieren und weil bspw. Login-Bereiche, wie es schon die Startseite des StudiVZ darstellt, eine gewisse Zugangskontrolle und Abgeschlossenheit suggerieren. Das Vertrauen, dass durch solche Zugangskontrollen bzw. geschützte Bereiche gewonnen wird, sollte nicht missbraucht werden, siehe Punkte eins bis drei.

Nichts desto trotz: Das Projekt StudiVZ basiert nicht auf einem quelloffenen System, in den ersten Wochen und Monaten der Popularität wusste niemand genau, wie das Projekt finanziert wird, wer die Macher sind und wie viel Sachkompetenz an Ort und Stelle ist. Zudem ist/war es ein sehr junges Projekt. All dies spricht schon aus ganz vernünftigen Gründen dagegen, dort persönliche Daten oder gar Fotos preiszugeben, von denen man nicht möchte, dass sie unter fremde Augen oder in die Hände unbestimmter Fremde (Nicht-Freunde) gelangen.

Ich persönlich veröffentliche in keinem Forenprofil, auf keiner Mailinglist, Homepage, keinem Social Network und in keinem Diskussionsforum Informationen welcher Art auch immer, von denen ich nicht möchte, dass sie ein späterer (potentieller) Arbeitgeber liest.

Das ist ein Maß an Eigenverantwortung und Medienkompetenz, das insbesondere die studentische Zielgruppe des StudiVZ und ähnlicher Projekte mitbringen sollte und von der man auch erwarten kann, dass sie vorhanden sind. Nicht alles, was in der Zeitung steht, ist wahr, nicht alles, was die Nachrichten zeigen, ist ungeschönt. In Zeiten von Vorratsdatenspeicherung, allgegenwärtiger medialer Überwachung und in denen das Internet nicht nur ein Raum für produktive und technologische Entwicklungen, sondern auch Missbrauchsmedium ist, sollten Internetnutzer sich doch der Macht des Netzwerks bewusst sein.

Was heißt das also für StudiVZ-Nutzer? Würde ich meine Handynummer und Mailadresse, Instant Messenger‑ und Adress-Daten ins Telefonbuch setzen, sichtbar für jeden, der meinen Namen kennt? Bejaht man diese Frage, kann man die Daten auch ins StudiVZ schreiben—vorausgesetzt, man ist sich der Tatsache bewusst, dass genau diese Daten gemeinsam mit der Alma mater, Infos zu Lieblingsfilmen, –büchern und –songs aber auch Fotos, Homepages und sonstigen abgespeicherten Infos zugeordnet werden können. So wird eine Nummer zum Gesicht, das Gesicht bekommt eine Adresse, einen Lebenslauf, eine Biographie.

Fazit:

Ich halte das StudiVZ nach wie vor für ein interessantes Projekt. Ich denke, dass der Erfolg in seiner einfachen und komfortablen Benutzung liegt—geht man heute in einen Computerpool an der Uni haben ⅓ der Leute das StudiVZ offen. Auch ohne eigenen Internetanschluss daheim kann man sich mit Kommilitonen im VZ austauschen und mit einer eigenen Seite präsent sein. Man findet alte Schulfreunde und Leute aus dem Kindergarten. Nicht zuletzt der Netzwerkgedanke ist spannend: Die Small World-Hypothese hat mich nicht umsonst vor vier Jahren zum Sozialpsychologiestudium gebracht.

Die Macher haben mittlerweile an Sensibilität für die Medienlandschaft gewonnen und sich in ihre Rollen eingefunden. Die Finanzierung ist gesichert und das Projekt hat ein großes Publikum: Mangel an Interessenten wird es wohl auch in Zukunft nicht geben.

Ich werde meinen Account zunächst behalten auch wenn ich die Diskussionen rund um mögliche Alternativen gespannt verfolge. Dezentrale Ansätze (der Datensatzverwaltung und Informationsfreigabe) halte ich für eine machbare Möglichkeit—allerdings nicht für publikumsgerecht. Studierende, die vorwiegende ICQ & Co. zur Kommunikation nutzen und keine Sensibilität dafür aufbauen, dass unverschlüsselte E-Mail-Inhalte im Internet genauso offen lesbar sind wie Postkarten, denen ist schwer zu vermitteln, warum sie nun plötzlich einen Client (P2P, oder was auch immer) herunterladen und installieren sollen, wenn es vorher ganz einfach via Login auf der Website ging.

Des Weiteren schließt man einen Teil der Studis aus, wenn man den Zugang über eine installierte Software realisiert: Studis ohne eigenen Internetanschluss zu Hause, ohne PC oder Laptop oder mit beschränkten Nutzungsrechten bspw. auf Unirechnern im Computerpool sind dann von der Nutzung ausgeschlossen, was evtl. nicht eine Majorität der Nutzer ausmacht, aber dem niedrigschwelligen Zugang entgegensteht. Ein Netzwerk ist nur populär, wenn es entweder hoch exklusiv ist und seinen Mitgliedern Privilegien einräumt oder wenn es so breit angelegt ist, dass Mundpropaganda und ein „Bist Du auch drin?“ die ganze Sache populär und zum Selbstläufer machen.

Außerdem ist das StudiVZ eine äußerst bequeme Angelegenheit: Unter einem „Dach“ erreiche ich viele Leute von meiner alten Uni, was für mich sehr wichtig geworden ist, nach dem Uniwechsel. Es erleichtert das in Kontakt bleiben, das denken an Geburtstage, das mal eben eine Nachricht schicken oder ein liebes Wort auf der Pinnwand—das Netzwerk hilft zu teilen.

Ich bin der Meinung, dass insbesondere ein studentisches Publikum allein die Risiken und Konsequenzen der schönen neuen virtuellen Welt abschätzen kann, solange man mit etwas Menschenverstand unterwegs ist, nicht alle seine Daten freimütig preisgibt und die Informationen, die von den Machern herausgegeben werden, nicht nur PR‑ sondern wirklichen Informationszwecken der Community dienen, was ich erst einmal grundsätzlich unterstellen würde.

Trotzdem habe ich Verständnis für diejenigen, die für sich Konsequenzen gezogen und ihren Account gelöscht haben. Momentan ist das StudiVZ für mich persönlich noch ein vernünftige Werkzeug im Studi-Alltag, welches ich nicht missen möchte—daher bleibt mein Account, vorerst.

___________________

Mit weiterführenden Links siehe u.a.:

Verwandte Artikel

[…] Ich gebe zu, die Anzeichen sind schon länger vorhanden, aber trotzdem muss ich sagen, dass ich nicht wahllos alle Webfeatures nutze, die sich bieten. Hier mein Kommentar in Langfassung: StudiVZ & Facebook durch den kürzlich hinter mich gebrachten Uniwechsel leider notwendiges Übel. […]

Post a comment

RSS Feed Amy Welt Amy @ Twitter Amy @ tumblr