OK, ich bilde mir ein den Tiefpunkt der Kambodschareise mit dem gestrigen Tag hinter mir zu haben und hoffe nun auf die emotional und statistisch gesehen unausweichliche Besserung.
Die Sache ist die: Ich werde hier von Dingen aus der Bahn geworfen, die daheim nicht mal eine Erwähnung wert sind—die ganze Praktikumsorganisation treibt mich in den Wahnsinn.
Der Kollege, der bis vorgestern in Europa weilte, dessen Schreibtisch als Lagerstätte für Büroartikel, Schreibwaren und als Archiv für zum Einstauben gedachte, alte Berichte und Publikationen diente und bis zu unserer Ankunft nicht besetzt war, der Kollege, der der stellvertretende Chef vom CSD zu sein scheint, eben jener Kollege kam nicht—wie peinlich genau von mir prognostiziert wurde—am Mittwoch (heute) sondern bereits Dienstag (gestern) zurück. Folge: Die gesamte erste Etage des Office brach in Begrüßungsaktivitäten aus. Ich—total geschockt über die nicht Reliabilität meiner erfragten Daten (eigentlich nur des abgefragten Datums)—musste innerhalb von 5 Sekunden meine in den letzten Wochen angehäuften Papierstapel, Laptop und Kabelsalat schnappen, und auf den Computertisch nebenan ausweichen, an dem die Halbtagskollegin sitzt, die kurz vor der Mittagspause kommen würde. Das Großartige: Niemand kommuniziert für mich verständlich—es wird scheinbar erwartet, dass ich das Problem selbst erkenne, sofort ausweiche und die lächelnden Kommentare und Entschuldigungen, dass Haus sei zu klein, akzeptiere, während niemand für mich erkennbar an einer Lösung des Platzproblems interessiert zu sein scheint.
Zwischen dem Arbeitsplatz der Teilzeitkollegin und meiner Mitpraktikantin steht ein riesiger Drucker. Während also das halbe Bodenpersonal—sprich die erste Etage des CSD—damit beschäftigt ist, den Rückkehrer zu begrüßen und dessen Arbeitsplatz einzurichten, platziere ich den Drucker nach Absprache auf dem Boden, beginne, die staubige Tischplatte zu reinigen und Papierkram von dem Platz zu schaufeln, der mein neues 50 × 50 cm Reich werden soll. Mich bringt dieses Rumschubsen nicht nur auf die Palme, sondern—weil ich meinen Moralischen habe und der Kambodscha-Blues sich nicht so ganz verabschieden—fühle mich direkt unwillkommen. Ein Gefühl, dass den Rest des Tages andauern sollte, obgleich ich mir sage, wie bescheuert es ist, diese Dinge emotional aufzubauschen.
Ich dachte es könnte besser werden: Am gestrigen Tage sollte ich eigentlich mit einer Kollegin zusammen beginnen, von anderen Units eingereichte Projektvorschläge in einen Förderantrag an die Europäische Kommission umzuschreiben. Nachdem ich bis zu der unerwarteten Umzugsaktion darauf gewartet hatte, dass uns die KollegInnen wie abgesprochen ihre Vorschläge für den Grant Proposal zusenden, war ich nun mehr oder minder aufgabenlos. Ich hatte noch das Transkript vom Public Forum, welches ich begann in ein für mich bearbeitbares Format zu bringen.
Eine leere Seite im Querformat in NeoOffice geöffnet, dazu die beiden unvollständigen Transkriptversionen von meiner Mitpraktikantin und mir. Nachdem ich eine Tabelle mit drei Spalten in das leere Dokument eingefügt hatte, was es möglich, die zwei Transkripte in je eine Spalte hineinzukopieren, mit verschiedenen Farben zu versehen und in der dritten Spalte das manuell zusammengefügte Transkript zu packen. Ich wäre sehr dankbar, wenn die Zeilennummerierung auch für Tabellen, unabhängig von den Tabellenzeilen funktionieren würde. Um mich dennoch besser in den Paralleltexten orientieren zu können, habe ich einige Schlüsselworte, die häufig vorkommen, farbig im gesamten Dokument markiert. Das synoptische Puzzeln begann:
Die Sache ist ziemlich anstrengend und ich wurde immer frustrierter, weil um mich herum die Kollegen begeistert und aktiv die Umräum‑ und Möbelrückarbeiten für den zweiten Chef durchführten, sich dabei lautstark unterhielten und mich je nach Platzsituation aufstehen und mit Computer und Kram umziehen ließen. Ich versuchte mich mehrere Stunden im Zusammenführen Transkriptversionen, wurde aber mit jedem Blick ins Mailpostfach passiv aggressiver. Bis um 16:45 Uhr von meiner Kollegin aus dem Grant Proposal-Team eine Erinnerungsmail kam. 17 Uhr ist hier Büroschluss, das heißt an dem Tag ist nichts mehr passiert. Ich fühle mich richtig unwillkommen—es macht keinen Unterschied, ob das Transkript heute, morgen oder in 8 Wochen fertig wird, ich habe keine Aufgabe, die ich nicht von zu Hause aus via Email erledigen könnte, ich gebe Geld aus, dass ich nicht habe und bin nutzlos, weil es keinen Unterschied macht, ob ich arbeite oder die Zeit absitze. Die Versuchung umzubuchen und nach Hause zu fliegen wird definitiv größer. Ein ausgewachsener Kulturschock hat mich also erwischt.
Nach der Depression sollte wohl irgendwann der Aufschwung folgen.
Zwischendurch gab es ein positives Ereignis: Die Mittagspause führte uns in ein überteuertes Nepalesisches Restaurant, dass aber sehr leckeres Essen hatte. Ich konnte Pallak und Knoblauch Nan verzehren, nachdem der Kellner schon die falsche Bestellung gebracht hatte. Ich hatte zuvor eine Portion Reis zum Pallak bestellt, als auf Nachfragen hin heraus kam, dass es nicht automatisch Reis sondern nur Brot dazu gibt. Als dann nur der Reis frug ich wieder nach und im tiefsten Ton der Überzeugung wurde nun erklärt, es gäbe kein Brot (das mir vorher angeboten wurde; weil ich Reis bestellt hätte, hätten sie kein Brot und es ginge ja sowieso nicht Reis UND Brot). Was soll ich sagen: Die Portion war sehr klein und wir bestellten nach langem Hin und Her Knoblauch Nan, weil meine Mitpraktikantin weder Reis noch Brot bekommen hatte. Abenteuer Menubestellung in Kambodscha.
Das Essen war sehr lecker und ich kam richtig satt zurück ins Büro, wo die Umbauarbeiten andauerten.
Am Abend blieb ich eine Stunde länger, um mit gute Laune Posts meine Laune zu heben. Hat leider nur bedingt funktioniert.
Abendgestaltung
Wir waren eigentlich für einen Film im Meta House verabredet, um einen gemütlichen Abend zu verbringen. Das Meta House bietet Filmabende, Dokumentationen und Kunstausstellungen von lokalen und internationalen Künstlern. Nachdem eine Studentin im Bunde kurzfristig auf Arbeit zu einem Arbeitsessen im Kreise der Kollegen eingeladen wurde, verschob sich die Abendplanung etwas nach hinten. Dachten wir zumindest.
Die Freundin besteht darauf, dass ich mitkomme, weil sie schließlich zuerst mit mir verabredet war—ich bin zunächst geneigt, streube mich dann aber, weil ich mir schon denke was das werden soll. Die böse Vorahnung bestätigt sich prompt: Die Sache ist wohl—was wir beide vorher nicht wussten—eine interne Arbeitsgruppenbonding-Veranstaltung und ich frage mich die nächsten zwei Stunden, bei zugegebenermaßen grandiosem Beef, was ich da eigentlich tue, wie ich da wieder hineingeraten bin und wieviel nutzloser man einen Abend wohl verbringen kann. Ich komme zu dem Schluss, dass viel weniger Tun nicht möglich, ein überstürzter Aufbruch aber noch peinlicher ist und lächele dekorativ dem Essen entgegen.
Satt, müde und peinlich berührt gehen wir Richtung Hostel. Ich bin müde, wir treffen uns noch zum Schnacken auf dem Dach unserer Unterkunft und ich entscheide, die heutigen Ereignisse—von denen absehbar ist, dass sich einige fortsetzen werden—unemotionaler als Lernerfahrungen zu verbuchen und tue mich irgendwann einfach sehr müde ins Bett.
Das Beste wie immer zum Schluss
Eigentlich war ich wirklich erschöpft vom Tage und hätte auch direkt einschlafen können, wenn, ja wenn da nicht noch ein Schockmoment auf mich gelauert hätte. Die Schlafsituation im Hostel sieht ein Moskitonetz vor, dass ich auch aus Angst vor Mückenstichen, Malaria und Dengue-Fieber brav benutze. Das Problem mit dieser Vorsichtsmaßnahme: Man fühlt sich einigermaßen geborgen und in trügerischer Sicherheit. Ich drehe mich also ahnungslos zum Schlafen um, richte nochmal das Netz und mein Kopfkissen, als eine Zecke stolz und schnell über mein Bettlaken marschiert. Ja, HIER GIBT ES ZECKEN?!
Ich hatte natürlich kein Feuerzeug zur Hand und spüle das Ding im Waschbecken herunter – in der Hoffnung, dass genug Wasser die Zecke wegspülen wird. Tot gehen die Mistviecher davon ja nicht. Wie auch immer—die Gedanken, was die Zecken hier wohl so übertragen, und welche Parasiten es wohl noch am Moskitonetz vorbei bis in mein Bett schaffen, halten mich noch eine ganze Weile wach.
Am nächsten Morgen gabs zum dritten mal in Folge schlechten Kaffee zum Frühstück. Immer schön munter bleiben.
Das war einfach nicht mein Tag.


1. Amys Welt » Blog Archive » Heute ist ein Pünktchenrock-Tag
18/04/2008 06:56 am[…] Am Vormittag kamen wir auf Arbeit und mussten zusehen, wie unsere provisorischen Arbeitsplätze—mal wieder—umgeräumt wurden. Man setzte uns in ein ruhigeres Büro mit funktionierender Klimaanlage und eigenem(!) Klo – eine Einrichtung die sich im weiteren Tagesverlauf als sehr … praktisch erweisen sollte. Wermutstropfen an der Sache: Am Montag kommt die Kollegin zurück, die eigentlich in dem Büro sitzt, wo wir hingesetzt wurden, aber das störte gestern noch niemanden. Anschließend bekam meine Mitpraktikantin den Praktikums‑/Kambodscha-Koller, der mich bei der letzten spontanen Umsetzaktion überfallen h…. […]