Seit ich 11 Jahre alt war—also seit 13 Jahren—hatte ich kein Heimweh mehr. Kambodscha bringt mich verloren geglaubten Emotionen wieder näher.

Die Woche geht schon gut los: Arbeitsplatz wechsel Dich nach den Feiertagen

Gestern sollte eigentlich ein blau-mach-Tag werden: Nach fünf Tagen Nationalfeierlichkeiten zu Khmer New Year, nach unserem Inseltrip, nachdem Mails und Unikram und vieles Verpflichtungen mehr aufgelaufen waren, wollte ich so viel wie möglich abarbeiten, gemütlich im Büro und nebenher den Grant Proposal des CSD für die Europäische Kommission zusammenfrickeln, während etwa dreiviertel der CSD Kollegen verlängerten Urlaub haben. Und wieder kam alles anders:

Am Vormittag kamen wir auf Arbeit und mussten zusehen, wie unsere provisorischen Arbeitsplätze—mal wieder—umgeräumt wurden. Man setzte uns in ein ruhigeres Büro mit funktionierender Klimaanlage und eigenem(!) Klo – eine Einrichtung die sich im weiteren Tagesverlauf als sehr … praktisch erweisen sollte. Wermutstropfen an der Sache: Am Montag kommt die Kollegin zurück, die eigentlich in dem Büro sitzt, wo wir hingesetzt wurden, aber das störte gestern noch niemanden. Anschließend bekam meine Mitpraktikantin den Praktikums‑/Kambodscha-Koller, der mich bei der letzten spontanen Umsetzaktion überfallen hatte.

Pausenstimmung, Pausenspaß und der Anfang vom Elend

Als es endlich Lunchbreak war, hatte ich von drei Freunden daheim aufregende und total überraschende Nachrichten bekommen, die ich eigentlich dringendst mit Sven besprechen wollte. Außerdem hatte ich am Morgen via Email davon erfahren, dass die Kollegin, mit der ich am Grant Proposal arbeiten soll, den Rest der Woche im Urlaub ist, weil National Holidays usw. Im Voraus—sprich vor Eintritt des Ereignisses—benachrichtigen, ist hier nicht so en vogue.

Es ging in der Mittagspause zum Central Market. Wir brauchten noch Geschenke für die Lieben daheim und hatten in Ermangelung eines zweiten Frühstücks mal wieder richtig Kohldampf. Wir trafen uns mit einem Freund, der einen Geheimtip am Markt kannte: Das mit Khmers vollgepackte Plastikstuhlrestaurant hatte zwar kleine Portionen, aber der Eistee war sehr erfrischend und wir waren nach einer Stunde gut präpariert uns in die ‚Katakomben‘ des Central Market bei zarten 37 ℃ (innerhalb des Marktgebäudes) zu begeben. Es war voll, die Luft war mit allerlei Gestänkenrüchen angefüllt. Wir wussten was wir wollten—und hatten Spaß beim Handeln. Einige von uns zeigten ungeahnte schauspielerische Fähigkeiten und am Ende hatten wir, was wir wollten, und noch ein bisschen mehr.

Am Central Market Tuk Tuk-Fahrer zu finden, die genug Englisch verstehen, dass man auch am gewünschtem Ziel ankommt, ist eine Kunst für sich und so kamen wir 3 Minuten nach 2 Uhr mit Verspätung wieder zum CSD. Ich hatte mit meiner Mitpraktikantin ein wenig von ihrem Mittagessen geteilt und sie fragte mich—mal wieder um 2:30 Uhr—ob es mir gut ginge … und nach den Anti-Nausea-Tabletten. Böses ahnend—ich war fit wie ein Turnschuh—begaben wir uns in Stellung. Zehn Minuten später zog sich die Ärmste aufs Klo zurück und eine dreiviertel Stunde später ließen wir alles stehen und liegen und ein Arbeitskollege brachte uns ins Guesthouse. Ich hatte gerade mit der Heimat zu kommunizieren angefangen und war bester Hoffnung, dass ich bald wieder an Ort und Stelle sein würde. It is dehydration, stupid! Natürlich war ich an dem Tag nicht mehr im CSD.

Da wir die Sache mittlerweile schon dreimal durchgespielt hatten, war mir klar, was noch auf uns zukommen würde. Nass geschwitzt, nach einer Stunde zu dritt im Guesthouse Klo, haben wir die sich unter Schmerzen krümmende ins Bett gepackt. Mit Engelszungen haben wir versucht, meine Mitpraktikantin zur Arztkonsultation zu überreden. Als dann eine Schweizerin, die im Guesthouse wohnt und schon Erfahrungen mit Parasiten, Dengue-Fieber und Malaria in Kambodscha gesammelt hat, von ihren diversen Besuchen in der Klinik berichtete und uns versicherte, dass sie niemanden, der nicht im Sterben liegt, über Nacht dort behalten, hat meine Kommilitonin eingewilligt zur nah gelegenen SOS Klinik zu fahren. Eine Kollegin kam mit und wir checkten gegen 16:30 Uhr in der Klinik ein. Das Personal da war absolut hilfsbereit, freundlich und hat uns direkt ein Bett neben dem Klo zur Verfügung gestellt. Diese Klinik hat – Gott sei Dank—nichts mit der traumatischen Ratanak Kiri Erfahrung im dortigen Provinz“krankenhaus“ zu tun.

In der International SOS Clinic Phnom Penh & zurück

Wir war die nächsten zwei Stunden mit dem Ausfüllen von Liability‑, Law Suit‑, Consent‑, Confidentiality‑, Medical History‑ und Payment-Formularen beschäftigt, die mir direkt am Eingang in die Hand gedrückt wurden, während sich der Zustand meiner Kommilitonin nicht verbesserte. Freunde wurden benachrichtigt, das Telefon stand nicht still und wir hatten zumindest das gute Gefühl, die Sache nicht alleine durchstehen zu müssen, während ich noch allerlei kulturelle und kommunikative Missverständnisse mit unserer kambodschanischen Kollegin, die uns den gesamten Nachmittag schon begleitete, auszufechten hatte. Culture Clash als Nebenkriegsschauplatz. Die einzige Sorge der Patientin war mein Wohlbefinden und dass ich mir eine Erkältung im amerikanisch-klimatisierten Krankenhaus holen könnte. Die Kollegin brachte mir schließlich die notwendigsten Sachen aus dem CSD in die Klinik nach: Wir waren am Nachmittag so schnell aufgebrochen, dass ich weder Geld, noch mein Telefon oder das Notizbuch mit dem Vermerk der ersten Krankheitssymptome von vor 2.5 Wochen dabei hatte. Das MacBook—gerade mit dem WordPress Upgrade und dem Software-Update beschäftigt—hatte ich auch einfach stehen lassen. Gut dass ich gestern keine Zeit hatte, darüber nachzudenken ob die Technik sicher ist. Ich war dankbar, dass ich nun via eigenem Handy die besorgten Freunde up-to-date halten konnte.

Die Krankenschwestern haben sich rührend um uns gekümmert und das Klo war zur allgemeinen Beruhigung und Vereinfachung der Situation auch nah. Dann gab es für die Patientin die übliche Dehydration-Behandlung: Über etwa 4 Stunden verteilt 4 mal 500 mℓ E-lyte iv, inkl. ein bisschen D-Glukose, entkrampfende Mittel und später auch was gegen die Schmerzen. Die Symptome wurden ein bisschen besser und wir dürften kurz nach 8 Uhr die Klinik—versorgt mit ärztlichem Rat und Medikamenten, sowie ein paar Tests—verlassen.

Danach ging es für die Patientin ins Bett. Ich benachrichtigte die Freunde und wir gingen noch auf die Suche nach einer Apotheke. Die Pharmacy, die uns schon mehrfach empfohlen wurde, hatte natürlich geschlossen, als wir nach einer Stadtrundfahrt im Tuk Tuk endlich ankamen. Es war nach neun und ich wusste noch eine Apotheke in unserem Viertel, die auch nicht ganz schlecht ist. Wir besorgten, was wir brauchten, brachten den Kram ins Hostel und dann gab es in sehr aufbauender Gesellschaft moralische Unterstützung für meine LMA/ich will nur noch nach Hause/Alkohol ist ein Substitut für Emergency Sex-Stimmung. Achso: Neun Stunden nach dem Lunch mit dem Alles begann, gab es für mich auch Essen. Was für ein Tag.

Heute geht es mir nach gestriger Depressionsbekämpfung nicht so dolle: Ich würde nicht von Kater sprechen, ich war vor dem Wecker wach und eigentlich ist nur der Kambodscha-Blues zurück, nachdem im Büro schon wieder vielfältige Konfusionen unseren Morgen gestalteten.

There Is Such A Thing As Good News

Die wirklich guten Nachrichten gibt es natürlich zum versöhnlichen Abschluss, für alle, die bis hierhin gelesen haben: ;)

Der Kommilitonin geht es heute deutlich besser, wir sitzen uns hier im Büro gegenüber und die Klinik wird anrufen, sobald die Testergebnisse vorliegen. Meine Hoffnung geht insgeheim Richtung Parasitenbefall: Die Medikamente dagegen sind leicht einzunehmen, wirken gut und die Ärzte vor Ort wissen am Besten, was sich die Westerners hier so besonders gut einfangen. Andere Option: Infektion. Da hat der Doc gestern schon ausgeschlossen, was auszuschließen geht, und in Ermangelung eines vernünftigen Fiebers gingen ihm wie mir langsam aber sicher die Verdächtigen aus. Weitere nicht so diskussionswürdige Alternativen haben wir auch schon auf der Liste. Also immer schön eliminieren – es wird schon irgendwas „Gewöhnliches“, sprich: gut Behandelbares, sein.

Zweite gute Nachricht: Es gibt zwei Lichtlein am Ende des Tunnels. Erstens: Heute in genau 15 Tagen und 2 Stunden komme ich am Flughafen in Frankfurt an – um 6:40 Uhr morgens. Mann, Familie, Hund, Freunde, Internet, fließendes Trinkwasser, ungefährliches Essen, erfahrungsgemäß zuverlässige Gesundheitsversorgung und Winterklamotten inklusive. Juchu! Zweitens: Das Guesthouse hat einen neuen puppy dog!!! Der Welpe ist so goldig, dass ich versucht bin, ihn einfach mitzunehmen. Er heißt Sweeney (wie Sweeney Todd), ist sooooooooooo süß, ganz klein und freut sich immer, wenn er mich sieht. Er nuckelt, kaut und kratzt an allem, was ihm vor den kleinen Kopf kommt, räumt Blumentöpfe aus und ist einfach ganz bezaubernd. Ich bemühe mich ja seit Wochen, die hier an jeder Straßenecke feilgebotenen Welpen zu ignorieren, aber weil der hier jemand anderem gehört, darf ich ruhig verliebt sein. Mitnehmen is da eh nicht drin. ;)

Nächste gute Nachricht:

„Menschen, die im Unglück sind, haben eines vor den andern voraus: sie lernen unterscheiden, welche Freunde ihnen wirklich gut gesinnt sind.“ - Pietro Metastasio

Egal wo wir waren: Auf Arbeit, in der Klinik, im Guesthouse, mit den Freunden—das soziale Netz hat nicht versagt. Wir waren nicht allein und das ist ein richtig gutes Gefühl, auch wenn es erst im Nachhinein in voller Klarheit aufkommt. Gestern war einfach nur ein Kampf und das haben wir getan: Gemeinsam gekämpft.

Und so kommt es, dass ich nach 13 Jahren zum ersten mal Heimweh habe: Nach der Familie und den Freunden, nach Verstanden werden, nach Frieden. Für solche Situationen, in denen das individuelle anger management versagt und man sich nicht groß genug und erwachsen genug fühlt, um die Scheiße einfach durchzustehen, für solche Tage gibt es hübsche Unterwäsche und den Pünktchenrock.

Verwandte Artikel

Hej Amy, alles klar bei dir/euch? Ich bin fleißige Leserin und mach‘ mir schon Sorgen, wenn ein paar Tagen nichts neues von dir kommt. ;o) Hoffe, dir geht’s gut! Ganz lieben Gruß aus dem –heute mal‑ sonnigen Marburg!

Julika

Liebe Julika, ich war leider ziemlich mit FuK-Kram beschäftigt, daher erst heute jede Menge Kambodscha News.

Hach ist es schön gelesen und vermisst zu werden! :)

Sven hockt mit Lemia auch schon auf der Terrasse, die Grillzeit ist nahe und hier ziehen immer öfter dicke Regenzeitwolken am Himmel auf, bei gewohnt warmen Temperaturen. Viel Spaß beim Lesen der neuen Posts.

PS: Bitte keine Sorgen machen, auch wenn es diesmal berechtigt war. …

[…] Welt Nichts von Wert ist jemals einfach. « Heute ist ein Pünktchenrock-Tag Neuester Stand der (Kambodscha) Abenteuer […]

Post a comment

RSS Feed Amy Welt Amy @ Twitter Amy @ tumblr