Ich war letzte Woche in Lauchhammer. Dort habe ich mal wieder erfahren, auf wie viele Art und Weisen der Generationenvertrag gebrochen werden kann.

Lauchhammer ist meine Heimatstadt und was ich während einer längeren Busfahrt mit bewusstem Blick aus dem Fenster sah, hat mich nachhaltig geschockt.

Eingefallene Gebäude, leerstehende Wohnhäuser, an manchen Ecken gleicht das einstige Braunkohlezentrum aus alten DDR-Tagen einer Geisterstadt.

80 % Arbeitslosigkeit, kaum Industrie oder sonstige Arbeitgeber, viele Ältere, wenige Ärzte, beschwerlicher Zugang zu Ämtern und Behörden, ganz zu Schweigen von der fachärztlichen Versorgung. Wenig Infrarstruktur, die das Leben erleichtert oder verschöndert. Die von Unkräutern und zusammenfallenden Gebäuden geprägten Flächen demonstrieren trotzig gegen blühende Landschaften. Ein Versprechen, das nie ward.

Langzeitarbeitslosigkeit, Suizidraten jenseits der Normalverteilung, an der Wende gescheiterte Biographien ohne Hoffnung auf Wandel. Die Menschen fühlen sich hier vergessen, verlassen — eine Region im Sterbebett. Depression ist die Volkskrankheit Nr. 1, psychosoziale Betreuung nicht Vorhanden.

Für die Jüngeren gibt es kaum Perspektiven. Es gibt sehr wenig Babies, junge Menschen ziehen weg und kommen nur noch auf Besuch zurück. Wer es sich leisten kann und noch nicht durch seine Lebensgeschichte an die Region gebunden ist, flieht.

Ich kann mich nicht erinnern wann ich das letzte mal eine Schwangere außerhalb der Entbindungsstation des örtlichen Krankenhauses gesehen hätte. Marburg ist im Frühjahr und Sommer immer gerade zu von Schwangeren bevölkert. Menschen ohne andere Perspektive bleiben häufiger vor Ort. Die Langzeitarbeitslosen von heute sind die Jobcenter-BeraterInnen von morgen.

Ohne Automobil geht hier wenig — der öffentliche Nahverkehr wird komplett zusammenbrechen, sobald das hiesige Gymnasium schließt und die Subventionen für den Schülerverkehr wegbrechen.

Die Lausitz leidet unter dem Klimawandel: Unberechenbare Höchsttemperaturen trocknen den Boden wochenlang aus, verbrennen Felder und potentielles Erntegut. Anschließend vernichten Waldbrände schützende Baumbestände und unverträgliche Niederschlagsmengen überschwemmen die landwirtschaftlichen Nutzflächen, viele davon noch in Familienbesitz.

Lokale Produkte aus dem Osten sind teurer als die Billigkonkurrenz beim Discounter und so kommt es, dass sich der Großteil der von Sozialtransferleistungen Abhängigen die Produkte nicht leisten kann, die die eigene Region am Leben halten — ein bisschen wie in Afrika.

Die Gegend lebt von einigen Leistungsträgern, die noch so entlohnt werden, dass sie sich den Edekaeinkauf, die Zugfahrt oder die nächste Tankfüllung leisten können: Die, die Arbeit bei Kommunen und in den wenigen Großbetrieben haben. Handwerker, Lehrer, Altenpfleger.

Altersgerechte Wohnungen und medizinische Versorgungs‑ und Pflegedienste florieren. Angestellte in Berufen wie Friseusen oder Erzieherinnen, die schon im Allgemeinen — trotz Berufsausbildung! — das untere Ende des Einkommensspektrums repräsentieren, verdienen hier nicht einmal genug, um Miete zahlen zu können. Trotz Arbeit kann die Lohntüte oftmals keine Unabhängigkeit von staatlicher Unterstützung garantieren. Hartz Ⅳ ist in dieser Region keine Übergangshilfe sondern unfreiwilliger Lebensstil.

Das Klinikum ist privatisiert — an drei Standorten gibt es je eine Spezialeinrichtung — wer ein Röntgenbild braucht und in Lauchhammer ist, muss ins rund 60 km entfernte Senftenberg verbracht werden. Der Zugang zu (Fach‑)Ärzten wird teilweise über Termine geregelt, die in der Notaufnahme vergeben werden. Um einen Sprechstundentermin zu erhaschen, benötigt  man zunächst einen Begutachtungstermin — für die Notaufnahme.

Die Stadt ist verlassen: Von Betrieben, von Investoren, von jungen Menschen und vielen zukünftigen Leistungsträgern, die nicht nur Geld sondern Know-How und Engagement in die Region stecken. Eine Region, für die sich die Wende als Giftspritze herausgestellt hat. Eine Region, die selten durch positive Nachrichten auffällt und umso häufiger wegen toter Babies in Gefriertruhen, HauptschülerInnen ohne Abschluss und ohne Lehrstellen, hoher Arbeitslosenzahlen und der NPD-WählerInnen ins Rampenlicht der Tagesschau kommt.

Nachhaltig scheint hier einzig und allein die Alterungsrate der Zurückgebliebenen, sowie die Ansammlungsrate derer zu sein, die anders wo erst recht keine Chance zu haben glauben.

Ich bin in Afrika und in Kambodscha gewesen und habe Schreckliches gesehen. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt, nach dem Blick über den europäischen Tellerrand, nach HIV/AIDS, Umweltkatastrophen, Massengräbern und Hungertod war das nach Hause kommen das erste mal „echt“. Dieses Garden-State-Gefühl. Dieses, alles ist so viel kleiner, grauer, überwältigender, leerer, schwermütiger, hoffnungsloser … als in der Erinnerung-Gefühl.

Niemand scheint sich zu engagieren, niemand scheint mit Know-How und Liebe zur Heimat und ihrer Menschen etwas bewegen zu können. Das ist nicht wahr, dass niemand etwas bewegen will, niemand versucht die Dinge zum Positiven zu verändern, Impulse zu geben. Diesmal hatte  ich keine Gelegenheit, etwas vom Widerstand gegen den allgemeinen Verfall zu beobachten — es gibt ihn aber bestimmt. Hier und da neue Häuser, Plätze, sanierte Gebäude — wann immer ein Fördertöpfchen die Möglichkeit her gab, einen Damm gegen die kollektive Talfahrt zu bauen, sieht man einen Hauch dessen, was möglich sein könnte. Dazwischen: Leerstände, die die Zeichen der Zeit herzeigen, als adele das die Intentionen der Erbauer.

Es tut im Herzen weh, die Heimat so vernachlässigt zu sehen. Auf der Busfahrt kamen mir die Tränen: Die Senioren, die heute hier alt werden, sind unsere Aufbaugeneration. Nach dem Krieg haben sie ein ganzes Land aufgebaut, haben gearbeitet, wurden einem Staat anvertraut, den es schon 40 Jahre später nicht mehr geben sollte. Sie haben wenigstens einen Weltkrieg, oft zwei Nachkriegszeiten mitgemacht, haben Familien durchgebracht, ein Land aufgebaut und zu Grabe getragen – und damit auch Lebensentwürfe.

Heimat ist mehr als Regierungsform, Währung und Postleitzahl. Die Menschen, die sich hier zu Hause fühlen, weil sie drei Staaten mitgemacht haben, weil sie hier geblieben sind oder zurückgelassen wurden, die Menschen, die Städte und Dörfer aufgebaut haben, haben ein Altwerden in Würde verdient. Sie haben Besseres verdient. Anerkennung und Zuwendung, Fürsorge und Interesse. Mit ihnen werden Geschichten unwiederbringlich verloren gehen. Der Glaube an und das Wissen über die Heimat, werden untergehen und niemand wird sie vermissen, der nicht auch hier seine Heimat hat.

Ich denke an all die Kinder und Jugendlichen, die Hartz Ⅳ als Normalität erleben. Wenn es nicht zum Alltag gehört, einer Arbeit nachzugehen, Wertschätzung über Leistung und einen Lebensbereich außerhalb der Familie zu erfahren, wenn die Abhängigkeit vom Staat das Leben total bestimmt. Welches Perspektiven, welche Vorbilder bieten wir jungen Menschen? Wo sind die Möglichkeiten, Vertrauen in eine Welt aufzubauen, wenn diese Welt so arm, so trist, so kaputt ist?

Wir erwarten, dass Kinder zu mündigen BürgerInnen heranwachsen, während wir sie soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit täglich am eigenen Leib erfahren lassen. Wir geben keine Antworten.

Nachhaltige Entwicklung beginnt zu Hause.

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