Ich mag und schätze Josef Joffe, USA-Kenner, Zeit-Herausgeber und Zeitungsmann aller erster Güte.

Um so bestürzter war ich, als ich folgenden Kommentar auf Zeit online las (die Überschrift hat mir schon im Vorfeld angedeutet, dass hier nix Gutes kommt): Klasse, nicht Klicks

Da ich mir des Wertes journalistischen Arbeitens und der Tradition journalistischen Handwerkszeugs durchaus bewusst bin, gar den Unterschied zwischen Journalismus und PR auszumachen vermag (obwohl ich Bloggerin bin!), habe ich mich explizit an dieser Stelle und anderswo aus der Pseudo-Debatte Blogger vs. Journalisten rausgehalten.

Erstens: Für mich gibt’s da gar nichts zu diskutieren. Die Mehrzahl der Blogger will weder den journalistischen Medien das Lichtlein auspusten, noch sehen sich die meisten Blogger als Ersatz für die traditionellen Print‑ und Rundfunkmedien. Punkt. Niemand will als Substitut auftreten. Mir ist kein ernst zu nehmendes deutschsprachiges Blog bekannt, dass einfach so die überregionale Tageszeitung ersetzen könnte. Blogger sehen sich allenfalls als Ergänzung zu den traditionellen Medien, die sich eines neuen Informationsmediums mit reaktionsschnellen Kommunikationsformen bedienen.

Zweitens: Blogger wollen keine Journalisten sein. Die Qualitätsdebatte hält da nicht stand, denn Blogger sind nicht die vierte Macht im Staate. Die Blogosphäre ist—glücklicherweise!!!—fast so divers, wie unsere Gesellschaft. Blogger sind Privatpersonen, Meinungsäußerer, Bürgerinnen und Bürger, ExpertInnen, Fachidioten, Geeks, Nerds, ErzählerInnen, passionierte XY/XX, LeserInnen und Rezipienten die entscheiden, sich öffentlich zu äußern und—meistens in Form von Kommentaren—direkte Reaktionen auf ihre Meinungen wollen/einfordern/ermöglichen/… .

Da gibt es aus meiner Sicht keinen Konflikt, aber die Journalisten fühlen sich tendenziell in ihrer Ehre gekränkt, weil jetzt auch mal andere ans Sprachrohr dürfen, und diese ohne echte Beschränkungen, ohne die Reißleine eines Chefredakteurs einfach drauf los tippen können.

Anstatt sich—die Kunst journalistischen Handwerkszeugs beherrschend—durch die Möglichkeit, Qualitätsprodukte zum Lebensunterhalt hervorzubringen, geadelt und durch die neue, engagierte Öffentlichkeit herausgefordert und gleichzeitig bestätigt zu fühlen, sind einige Journalisten damit beschäftigt, Bloggern vorzuhalten, wie schlecht deren nicht vorhandene Qualitätsstandards und Ethikkodizes sind. Anstatt sich zu freuen, dass LeserInnen sich nun aktiver am Informationsaustausch beteiligen können, wird mit dem Zeigefinger auf die bösen Blogger gezeigt, die sich im journalistischen Bedrohungswahn aufstellen zur Revolution und Umstürzung der traditionellen Medien. An die Stelle eines Vertrauens auf die Selbstheilungskräfte des Informationsmarktes (sprich: die Rezipienten), die Gutes, Originelles und qualitativ Hochwertiges erkennen und honorieren, tritt das Misstrauen einiger Journalisten gegenüber ihrem Publikum. Die Leserschaft will ihm, dem offiziellen Profi-Schreiber, an den Kragen, will ihm Arbeitsplatz, Legitimität und Stimme nehmen. Yes, they can! Das Publikum schreit lauter, bewaffnet mit blogger.de, wordpress.com und Co. Ja sicher doch.

Wie mich solche pauschalen Äußerungen, wie sie der Herr Joffe in seinem Beitrag erhebt, aufregen! Das latent nicht gezeichnete Bild der Blogger, mit ihren so verwerflichen Methoden, ungebildeten Kommentaren, ohne Anstand, ohne Professionalität. Da helfen die zahlreichen online Awards nicht, da verschweigt man, dass es die Bürgerjournalisten sind, die ihre bekennenderweise subjektiven Einschätzungen auch dann noch ins Netz stellen, wenn Journalisten längst des Landes verwiesen sind, wenn traditionelle Berichterstatter keinen Zugang mehr finden. Da zählt es nicht, dass erst im Internet ein kritisches Begleitmedium zur auflagenstärksten Zeitung Europas populär wurde.

Ich gehe eher mit den Meinungen konform, die im diesjährigen re:publica-Panel zum Thema erklangen: Es gibt keinen Wettlauf mit den Journalisten. Die Blogger kommen aus den USA und sind dort der Sand im Getriebe eines recht homogenen Medienzirkus‘, den aus den eigenen Reihen kaum kritische Stimmen relativieren. Daher sind Blogger dort—bei entsprechender Qualität der Angebote—eher als Kommentatoren der Journalisten auf ähnlicher Augenhöhe angesiedelt. Dort gibt es aber auch mehr Blogger, die tatsächlich für solche Leistungen bezahlt werden! Hierzulande treten Blogger und Journalisten in völlig unterschiedlichen Disziplinen an. Beim einen steht die Persönlichkeit im Vordergrund—beim anderen die Fakten.

Die Sache mit dem User Generated Content

Herr Joffe scheint es noch nicht mitbekommen zu haben: Nur weil jetzt plötzlich alle großen Tages‑ und Wochenzeitungen/Magazine in/aus Deutschland ihre Internetpräsenzen mit einer Community und Kommentarmöglichkeiten schmücken, heißt das noch lange nicht, dass alle dem Mash-Up-Wahn ohne Funktionalität verfallen sind.

Das Beispiel der Washington Post

Das wundervoll gewählte Beispiel der Washington Post kommt mir gelegen, weil ich dazu gerade ein paar Kommentare aus dem echten, gebloggten Erfahrungsschatz eines Kenners zur Hand habe: Scott Karp auf Publishing 2.0 What Newspapers Still Don“t Understand About The Web

Is it any wonder why Google makes $20 billion on search?

And what’s the root cause problem? The useless article with no real-time data and no links was written for the PRINT newspaper. And the homepage is edited to match what will be important in the PRINT newspaper. And the navigation assumes Ⅰ think like Ⅰ do when I’m reading the PRINT newspaper. Want local news? Go to the metro SECTION.

The Capital Weather Gang blog is a great example of „getting“ the web – but then making it impossible to find…

Oh, and if you click on the tiny Weather link on the homepage (which Ⅰ only noticed on my fourth visit), you get a page that looks like the weather page in, you guessed it, the print newspaper – all STATIC.

[…]

Yesterday, Ⅰ saw a ranking of the top 25 „newspaper websites“ – and that’s exactly the problem, isn“t it? These are newsPAPER websites, instead of WEBsites.

Ein Nachfolgepost sagt es noch pointierter: If Your Users Fail, Your Website Fails, Regardless Of Intent Or Design

On the web, in the age of Google, design has no margin of error, and there are no stupid users, only inadequate designs. Those were the main points of my critique of newspaper websites generally, and WashingtonPost.com in particular, which to be fair, apply to all online publishers, and really any website. I’m writing another post on this same topic because the issue is so fundamental to the future of media, news, publishing, and journalism, that it really can’t be over-emphasized or over-clarified.

In print, a design flaw is unlikely to cause a reader to abandon a newspaper or magazine entirely – they are a largely captive audience. But it will cause them to abandon a website.

Google understands this better than any web company, which is why they are the most successful. Google is obsessed with making sure its users never fail, no matter how „stupid“ they are. Google makes users feel smart. That’s why they keep coming back.

Invariably, when Ⅰ write about a negative experience with a website, e.g. Twitter or WashingtonPost.com, someone puts forth what Ⅰ call the „stupid user“ argument – essentially, Ⅰ failed because I’m a stupid user. And if Ⅰ were a better user, Ⅰ would have been more successful with the site.

[…]

Unfortunately, Ⅰ never log in to WashingtonPost.com, although Ⅰ read it frequently. Therefore, the „stupid user“ argument goes, the failure to find the content Ⅰ wanted was my fault.

Here’s the problem – my failure to find the information Ⅰ wanted is not MY problem, because Ⅰ went to Google and found it. Ⅰ succeeded. The failure is the site’s problem, because Ⅰ abandoned it and went instead to a site that would help me succeed without having to be smarter.

WashingtonPost.com and, to be fair, most other sites that require registration assume that users will register to help the site achieve its goals, whether customizing content or targeting advertising.

But users don’t care about the site’s goals. They care about THEIR OWN goals.

Nowhere on WashingtonPost.com’s homepage do Ⅰ see clear a message that registering or logging in will help me achieve MY goals. There’s a link to the Washington version of the homepage in the upper right corner, which has the best of intentions, but because Ⅰ didn’t find it, it might as well not exist.

This is why Google rules the web. In Google’s world, the user is always right. Google knows that if users fail at their task, they will abandon Google in a heartbeat. Google’s dominance is EARNED, with every search, every click.

[…]

A commenter argued that Ⅰ should have asked the Washington Post for a comment before publishing a critiquing of their site. My response was that in an analysis of a user experience with a web site, the publisher’s intent DOESN“T MATTER. Web users are utterly unforgiving. If it doesn“t work the way Ⅰ want, I’m gone in a click. There is no other side to the story.

[…]

But it’s also the reality of the web. Google understands this. If publishers want to compete, they need to accept this reality, swallow their pride, and realize that the user experience is EVERYTHING. Design on the web is not about ideals – all that matters is whether the user succeeds.

Before the web, having great content was enough. The irony of my critique of WashingtonPost.com is that it wasn“t a critique of content. They had GREAT content, when Ⅰ actually found it – there weren“t really any editorial shortcomings. The critique had much more to do with software design than with editorial quality or judgment. News organizations need to add software user interface design to their core competencies.

Lesson for publishers: The web is more about applications than publications.

This is why it’s so damaging for news organizations to apply the standards of print publishing for design, content, and experience – they simply don’t apply on the web. The reality is that designers didn’t necessarily know if they were successful in print, because people kept subscribing to the newspaper anyway. But on the web, success or failure is evident with every click.

Eitelkeit und Unsicherheit: Das Mysterium Journalist muss sich in die Karten schauen lassen und fühlt sich unwohl dabei. Die direkte Konfrontation mit der nun in Hör‑ und Lesweite aufgestellten kritischen Masse verunsichert viele professionelle Schreiberlinge: Die Emanzipation der Leserschaft stiftet eine Atmosphäre der Existenzangst, des Misstrauens und sorgt für umfängliche Trotzreaktionen.

Da entsteht für mich das Bild eines den Selbstzweifeln und Bedrohungsgefühlen erliegenden Journalisten, der immer eine Bühne will, aber zu ängstlich ist, sich den Applaus und die Kritiken abzuholen. Ganz schlechter Eindruck. Denn eins steht fest: Man könnte so viel voneinander lernen. (Hab ich ja schon früh in den Suchhilfen zu erkennen zu geben.)

Und enttäuscht bin ich auch. Hätte andere Dinge vom Herrn Joffe erwartet.

PS: Eine zart kontroverse Diskussion zum Thema gab es—wie bereits erwähnt—auf einem Panel der re:publica „08: Die Qualitätsdebatte – Blogs vs Journalismus

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