Heute richtet die Hochschule Darmstadt den ersten Wissenschaftsjournalismustag 2008 aus (mehr dazu bei Thomas Pleil). Ich habe mich ja bereits—eher unfreiwillig und emotional getrieben—zu den bekennenden Bloghassern unter den Journalisten geäußert. Der Artikel über die deutschsprachige Wissenschaftsblogosphäre ist allerdings von langer Hand geplant. Morgen wird in Darmstadt zum Thema Wissenschaft 2.0: Blogs, Podcasts & Wissenschaftsjournalismus diskutiert. Lars Fischer wird live bloggen und Getwitter wird es auch geben.
Zufällig erfuhr ich über Gerrit van Aaken vom Wissenschaftsjournalismustag und ohne länger weiter zu recherchieren, erkannte ich einen Mangel an bloggenden Journalisten und Wissenschaftlern im deutschsprachigen Raum. 1
In meinem neuen Job bin ich seit einer Woche damit betraut, Expertinnen und Experten zu finden, die bereit wären ihre fachlichen Einschätzungen für RESET abzugeben. Auch hier gestaltet sich das Finden nicht leicht: Es mangelt an redseligen WissenschaftlerInnen, die ihren Kommunikationsbedarf in Blogs artikulieren.
Natürlich waren andere viel schneller mit dem Konstatieren, z.B.:
- tiefes Leben: Wo sind die Wissenschaftsblogger?
- Wissenswerkstatt: Kränkungen, Blindheit und Traditionen im Zeitalter der digitalisierten Wissenschaft » Der schwierige Weg zur Wissenschaft 2.0
- themenblog: Die ignorante Elite
- BasicThinking u.a.: bloggende Professoren: die Liste – Deutschlands Denkelite schweigt
Initiativen wie die Hard Bloggin Scientists versuchen nun, Blogs auch als Kommunikationsmedium für wissenschaftliche Inhalte populärer zu machen. In ihrem Manifest V0.2 erklären sie:
Ⅰ am a hard bloggin“ scientist.
1. Ⅰ create amazing stuff in my mind.
OK, Version 0.1 war da noch – umfangreicher:
Ⅰ am a hard bloggin“ scientist.
This means in particular:
1. Ⅰ believe that science is about freedom of speech.
2. Ⅰ can identify myself with the science Ⅰ do.
3. Ⅰ am able to communicate my thoughts and ideas to the public.
4. Ⅰ use a blog as a research tool. That means in particular, that Ⅰ
– express my thoughts,
– get in contact with others,
– have a sketch of my process online,
– get feedback and new ideas from others.
5. Ⅰ trust myself.
6. Ⅰ surf a lot and Ⅰ read a lot.
7. Ⅰ blog once in a day/week/month.
8. Ⅰ give comments once in a day/week/month on other blogs.
9. Ⅰ am self-aware and critical.
10. Ⅰ refer to the people who done the work first.
11. Ⅰ give love and respect to the people.
Während ich so umher recherchierte, etwa 350 relevante Tabs abspeicherte, die Tabitis fortschritt und sich kein Gesamteindruck einstellen wollte, legte ich das Thema für einige Wochen ad acta. Und siehe da, die Erleuchtung kam mit Hilfe von Einsichten in Form der re:publica 2008.
Auf der legendären Bloggerkonferenz gab es nämlich spannende Diskussionen, u.a. zu bloggenden Wissenschaftlern und WissenschaftlerInnen, die auch Blogger sind. Zur Klärung: Erstere sind Hard Bloggin Scientists, also WissenschaftlerInnen, die u.a. (!) über ihr Thema bloggen und sich evtl. so mit Kollegen und oder der interessierten Öffentlichkeit/Blogosphäre austauschen.
Nachdem ich die re:pulica Beiträge (1; 2) reviewed hatte, merkte ich, dass ich einfach bisher die Scheuklappen aufhatte, bzw. die bloggenden Fachmenschen einfach (noch) nicht so stark und dauerhaft vernetzt sind, wie ihre Nerd-Pendants im Apple/MacUser oder Typographie-Bereich, wo ich als „native“ Internetnutzerin groß geworden bin. Natürlich ‚kennt‘ man sich untereinander. Die ExpertInnen sind einfach noch nicht so wired, wie der Rest der Medium-Geeks.
Also fand ich mit einiger Mühe doch schon vergleichsweise viele Menschen, die ihren Wissenschaftsbereich auch in ihren Blogs berücksichtigen. Außerdem gibt es in letzter Zeit (in den letzten 12–6 Monaten entstandene) Projekte, rund ums wissenschaftliche Bloggen. Dass WissenschaftlerInnen eine andere Zielgruppe mit Bedürfnissen sind, die sich nicht über VZ-Reize locken lassen, ist klar. Wo die handfesten Berührungsängste beginnen, weiß auch jeder, der schon mal an einer deutschen Uni Hiwi war. Wer das nicht weiß, den verweise ich vertrauensvoll an die re:publica ‚08 Panels (1; 2) mit entsprechenden Anekdoten.
Jetzt kann ich hier nicht alle Fachblogs oder Wissenschaftsblogs vorstellen, aber die neuen Projekte rund um Wissenschaftsblogger eignen sich meiner begrenzten Erfahrung nach sehr als Orientierungshilfen und bieten einen Kompass, durch die noch überschaubaren Weiten der Wissenschaftsblogosphäre.
Das Wissenschaftscafé ist eine Art Leuchtturm im Dschungel der Blogs: Mehr als ein Blogaggregator, eher wie ein kundiger Führer navigiert es durch die Untiefen der Blogosphäre und bietet gleichzeitig amüsante Kommentare, kurzweilige Kritiken und einen News-Ticker, damit man im gemütlichen Café bei anregender Lektüre auch nichts verpasst.
Etwas weiter als das unterhaltsame Wissenschaftscafé holt die Wissenswerkstatt aus: Das Blog wirft eine soziologische Perspektive auf die Blogosphäre, und berücksichtigt insbesondere Wissenschaftsblogger. Potentiellen Bloggern wird denn auch direkt Mut gemacht, sich selbst befreiend an die Tastatur zu begeben:
- Weshalb dem „öffentlichen Wissenschaftler“ die Zukunft gehört » Ermutigungen zum bloggenden Wissenschaftsdialog
- Gedanken zur Zukunft wissenschaftlicher Blogs ::: Bemerkenswerte Blog-Geburtstage ::: Querverweise | Werkstatt-Ticker 38
- Stammgäste, Passanten und die Wissenswerkstatt » Ein Interview über Sinn und Zweck wissenschaftlicher Blogs
Ein phantastisches Blog, bei dem ich hoffe, dass die Qualität dauerhaft aufrecht erhalten werden kann. In Punkto Inhalt und Lesbarkeit ein echter Genuss!
Der Wissenschaftsverlag Spektrum hat unter dem Namen Wissenslogs zahlreiche ExpertInnen versammelt, die (in meist unregelmäßigen Abständen) über ihren Themenbereich schreiben:
Unsere Blogger—Wissenschaftler, Journalisten, Praktiker—sind Meinungsbildner auf ihren Gebieten. Sie suchen sich ihre Themen selbst und sind ungebunden darin, was und wie sie schreiben. Wissenslogs ist damit authentisch, ungefiltert und eröffnet ungewöhnliche Perspektiven: Science unplugged eben.
Das Portal, welches auch über SciLogs.de zugänglich ist—die Unterschiede sind mir hier noch nicht so ganz klar—ist noch einmal in BRAINlogs, CHRONOlogs, KOSMOlogs und WISSENSlogs untergliedert und bietet, was es verspricht: Aufgeräumte Oberflächen und Themenbeiträge mit dem persönlichen Touch der ExpertInnen, die Interessantes aus unser aller Alltag, wissenschaftliche Neuheiten, Kommentare und spannenden Austausch auf einer übersichtlichen Plattform bieten.
Meine persönlichen Highlights hier sind momentan psyconstruction & abgefischt.
Vorteil an so einem Portal ist sicher, dass der Nestwärme-Effekt über die Angst, alleine ins kalte Blogosphärenwasser zu springen, hinweg hilft und man sich direkt in angenehmer Gesellschaft befindet. Im Hintergrund hilft dann ein alter Bekannter, der sein Geschäft mit der Wissenschaft schon seit Jahren versteht.
Der Burda-Verlag hat investiert und nun blühen ganz neue Bloglandschaften bei den ScienceBlogs, inmitten von Werbebannern—das Panorama ist nicht ganz so aufgeräumt wie bei den WissensLogs, aber sehr vielfältig. Das stetige Wachstum der Community wird auch wieder durch einen Verlag im Hintergrund befördert, der Spielwiesen freigibt und ermutigt. Die Themenvielfalt ist riesig, wie auch die Interessen der Mitglieder.
Einzelblogs & -Disziplinen
Ganz klar, es gibt auch hervorragende Einzelblogs außerhalb der vorgestellten Communities. Für manche Disziplinen gehört die Teilnahme am Web 2.0 gerade zu zum Pflichtprogramm: So sind die eLearning-VertreterInnen und die SoziologInnen verhältnismäßig gut aufgestellt in der Blogosphäre. Auch die Medienkenner sind mitteilungsbedürftig und haben ihr Publikum bereits gefunden. Diejenigen, die mir bei den Recherchen über den Bildschirm geflimmert sind, habe ich bei del.icio.us gesammelt.
Eine besondere Serie hat das ScholarZ-Blog (zum gleichnamigen Webdienst) gestartet: Es werden Wissenschaftsblogs aus verschiedenen Bereichen2 in einer Serie vorgestellt.
Meine persönlichen Favoriten sind bisher die Wissenswerkstatt, die viralmythen und wisskomm. Privat lese ich ja seit längerem Archivalia, die NetBib und noch so einiges anderes Wissenschaftliches—allerdings ist das zu 80 % englischsprachig und hauptsächlich aus dem Bereich Anthropologie.
Mit e! Science News ist ein tagesaktueller und umfassender Service für (englischsprachige) Wissenschaftsnachrichten an den Start gegangen. Bleibt zu hoffen, dass die Forscherinnen und Experten den öffentlichen Diskurs nicht nur über Pressemitteilungen ihrer Institute, sondern vermehrt über dialogisch orientierte, persönlichere Sprachrohre suchen und finden wollen.
PS: Quasi dienstlich steht mir eine ähnliche Recherche, diesmal themenspezifischer und detaillierter, für die zu besetzenden RESET-Redaktionsbereiche bevor. Wer Ideen und Anregungen zu Bloggern in den RESET-Channel-Themen hat, darf die gerne mit mir teilen. Lobende Erwähnung in aller RESET‑Öffentlichkeit (Backlinks verhandelbar) sind versprochen.
Nachtrag: Ich habe ein ganz vortreffliches und wundervolles Projekt zu erwähnen vergessen: sciencegarden ist—laut Eigendarstellung—ein Magazin und ein Blog, in dem bereits seit 2001 berichtet, vorstellt und aus dem Nähkästchen plaudert und genau das im Sinn hat, was die Wissenschaftsblogosphäre erst noch verwirklichen will.
____________________________________________
- Dass es—entgegen aller pessimistischer Stimmung—auch das All-inclusive-Paket „bloggende Wissenschaftsjournalisten“ gibt, beweisen die Darmstädter WissenschaftsjournalistInnen ganz vorbildlichst. ↩
- Aus der Tiefe ins Allgemeine – Allgemeine Wissenschaftsblogs; Soziologen betreten die Welt des Internets – Soziologie-Blogs; Langersehnte Volksherrschaft auf Blogseiten? Politikblogs; Von der Gemeindeversammlung ins Internet – Theologieblogs; Wenn die Liebe zur Weisheit der Wissenschaft vorausgeht – Philosophieblogs; Rechtlich bedenklich—die Juristen-Blogs; Wie arbeite ich schneller?- Produktivitätsblogs; Wissenschaftler packen es selbst an – Blogs von Wissenschaftlern ↩
Post a comment