Es sah so aus, als würde ich Frieden mit und Paris ins Herz schließen. Ein unerwarteter Fall änderte das aber im Handumdrehen—für etwa zwei Stunden.

Heute morgen ging es um acht Uhr aus dem Bett und um neun Uhr Richtung Louvre—nur um festzustellen, dass ich dort via Métrostation Palais-Royal-Musée du Louvre schon um 8:30 Uhr Zugang gehabt hätte—hier ist mein Traveler’s Guide nicht ganz korrekt. Dann gibt es aber direkt eine positive Überraschung: Keine Wartezeiten am Eingang und in Ticketschlangen: Es ist Nationalfeiertag und der Eintritt ist damit frei. Super—7.50 Euro gespart!

Im Museum der Museen: Das Louvre-Erlebnis

Bildquelle: stock.xchngBildquelle: stock.xchng

Als ich schon am morgen die Menschenmassen sich durch die Gänge schieben sehe, entschließe ich mich zu größter Disziplin: Obgleich es einen reizt, sich angesichts der beeindruckenden Fülle und Vielfalt an Kunst einfach durch die Neugier im Louvre treiben zu lassen, setze ich die Regel, dass Lustwandeln erst erlaubt ist, wenn das Pflichtprogramm absolviert wurde.

Das Pflichtprogramm gleicht, würde ich mal sagen, dem, was so die Standard-Louvre-Besucherin sehen will: Mona Lisa, Delacroixs La Liberté guidant le peuple, Amor und Psyche, Venus von Milos, Nike von Samothrake, die Kronjuwelen des alten Ludwig und natürlich das Erlebnis des Louvre als Gebäude.

Meine (zugegebenermaßen sehr oberflächliche) Louvre-Erfahrung lässt sich in etwa wie folgt beschreiben: Die Umgebung, die Atmosphäre und die schier überwältigende Menge der 35.000 ausgestellten Kunstwerke stimmte mich einfach nur ehrfürchtig. Staunend ging ich durch die so atemberaubend gestalteten Räumlichkeiten, dass ich gar nicht wusste, wo ich zuerst hingucken sollte: Ständig wurde mein Blick gefangen und vom momentanen Fokus abgelenkt. Allein die kunstvolle Architektur des Louvre und seiner Anbauten wären den Besuch wert!

Für die Kunstwerke an sich muss ich sagen, dass ich es zwar schon besonders fand, sie mal in echt zu sehen: Befriedigend ist der Besuch allerdings in Bezug auf die berühmtesten Stücke (s.o.), die auch jede/r andere sehen möchte, nicht. Vor der Mona Lisa hätte ich mich etwa 40 Minuten drängeln müssen, um in 2–3 Metern Abstand hinter der Absperrung, durch dickes schusssicheres Glas und über mind. 4 Security-Leute 2 Sekunden auf das Bild blinzeln zu können. Es hätte auch mal jemand vorher erwähnen können, wie klein das Bild eigentlich ist: Jeder vernünftige Kunstdruck vom Original wird die Details besser zeigen, als man sie unter diesen Bedingungen erkennen kann. (Diese 40 Minuten in der Menge baden war es mir dann nicht wert, in der ersten Reihe zu stehen.)

Trotzdem ist die Mona Lisa der einsame Star des Louvre: Sie ist im gesamten Gebäude ausgeschildert und zu ihr pilgern die meisten BesucherInnen. Zu den alten Gemälden muss ich sagen, dass ich es sehr angenehm fand, sie mal in ihrer richtigen Größe und den Abmessungen zu betrachten, die die Künstler ihnen gegeben haben. Für die Statuen war es sehr interessant, auch mal die Hinterseite zu sehen—in Büchern und Katalogen werden oft nur die Vorderansichten geboten, dabei sind Skulpturen ja Plastiken und nehmen Raum ein, den man vom Bild so oft nicht erahnen kann.

Häufig ist es jedoch so, dass man unter normalen Besuchsbedingungen die Bilder nicht so recht wirken lassen kann: Einerseits rennen alle zwei Sekunden Leute durch’s Bild oder posieren für’s Familienalbum. Andererseits gehört etwas Glück dazu, die richtigen Lichtverhältnisse bzw. den optimalen Standpunkt zum Bild zu erwischen. Bspw. ging mir das mit Delacoixs Liberté so, ein großartiges Kunstwerk, welches sich vor meinen Augen viel besser entfaltet hat, als ich zufällig ein zweites mal von der anderen Seite vorbei schlenderte.

Obgleich der Louvre sehr häufig Bänke vor Bildern positioniert hat, damit man sie eingehender betrachten kann, sind gerade die älteren „Schinken“ teilweise so dunkel bzw. kontrastarm, dass man sehr lange drauf gucken muss, um Details zu erkennen.

Daher mein Gemälde-Fazit: Für das Gefühl möge man sich in den Louvre begeben—für den Inhalt des Bildes ist man häufig mit guten Kunstdrucken besser bedient. Die Kronjuwelen bekommen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit, sind dafür aber im wohl aufwändigst gestalteten Saal ausgestellt, den ich im Louvre besichtig habe.

Die nächste Station war die Nike von Samothrake, meiner Meinung nach die schönste Frau der Welt. Sie ist auch vom Menschenbad aus wunderschön, allerdings ziemlich schmutzig, der Marmor ist nicht annährend so weiß, wie ich gedacht hatte. Daher wird sie wohl oft in gelblichem Licht photographiert bzw. dargestellt. Weil ich nicht durch den Haupteingang in den Louvre gekommen bin, stolperte ich quasi über die Nike, auf der Suche nach der Venus. Plötzlich stand ich so davor—eine ganz tolle Überraschung! Die Nike habe ich mir dann als einziges Stück bewusst mehrmals angeschaut—eine gar hinreißende Darstellung!

Bei der Venus von Milos sah es vom Andrang her ähnlich aus, wie bei der Mona Lisa, nur gab es kein Glas und keine extra Security-Details, was dazu führt, dass sich die Menge umso undisziplinierter verhielt und sich Frauen irgendwie gefühlte 3 Minuten vor die Venus stellten, um für Aufnahmen zu posieren. Das war nun auch nicht so meins.

Ich gebe ganz ehrlich zu: Dieser Paris-Besuch war nie als Museumsdaueraufenthalt geplant und sollte auch nicht in einen solchen ausarten. Das Wetter—welches heute, ausgerechnet am eingeplanten Museumstag, bestens war (strahlend blauer Himmel, üppiger Sonnenschein)—lockte mich dann auch sehr schnell nach dem Pflichtprogramm an die frische Luft, in den Garten des Louvre und an die Sonne.

Als ich nach etwa 40 minütiger Suche endlich den Ausgang gefunden hatte, setzte ich die Suche fort; diesmal nach dem Restaurant des Café Marly, dass angeblich beste Pasta servieren soll. Nach einer weiteren Stunde im Kreislauf über verschiedene Straßen und durch verschiedene Gebäude laufen, fand ich das Café endlich unweit meines Ausgangspunktes. Ich war mittlerweile ausgehungert und wieder lag der Guide falsch: Zugang zum Restaurant war nur mit Reservierung möglich, natürlich hatte ich keine.

Versöhnung mit Paris beim Brunch in Marais

Ich gab meine Hoffnung auf einen planvollen letzten Tag auf und sah in meinen mit Eselsohren und Post-its versehenen Guide: Es gab noch zahlreiche Bücherläden und Cafés, die ich gerne besichtigen wollte. Ganz oben auf der Liste stand das Le Loir dans la Théière (The dormouse in the teapot), ein nach der (meiner Meinung nach) wichtigsten Figur in Alice im Wunderland gestalteten Café.

Das Loir ist eine Mischung aus dem KulturCafé auf dem Campus der RUB und dem Café konkret in der Bochumer Innenstadt, vollgepackt mit echten Franzosen die in kleinen Gruppen brunchen und tatsächlich halbe Tage hier zu verbringen scheinen. Die Kellner haben alle Hände voll zu tun, die Atmosphäre ist quirlig. Ich bekomme sofort einen Tisch, nachdem ich mich doch für das eher frühstücks‑ und brunch-orientierte Le Loir entschieden hatte und gegen zwei Läden mit koscherem Essen, die ich erst noch hätte suchen müssen.

Das Essen kommt super fix und am vierten Tag nach meinem letzten Kaffee begehe ich natürlich den Touri-Fehler No.1: Ich bestelle meinen langen Kaffee nicht explizit ohne Milch und bekomme einen wunderhübschen, aber leider unverträglichen Milchkaffee. Den bekomme ich sogleich genauso freundlich und unkompliziert umgetauscht. Mein Omelett kommt zusammen mit dem Kaffee und schmeckt lecker: Ich hatte einfach mal auf gut Glück los bestellt. Die Wahl war auf etwas gefallen, dass wie Omelett mit Käse und Minze klang—am Ende kam ein Omelett mit Ziegenkäse und Minze. Ich war stolz auf diese Übersetzungsleistung ohne Französischkenntnisse und gleichzeitig peinlich berührt vom simplen Kaffee Fauxpas, über den ich noch auf der Hinfahrt im Büchlein gelesen hatte.

Laut Reiseführer ist das Le Loir die beste Adresse um einen ausgedehnten Brunch am Wochenende anzustreben, allerdings ist der auch nicht ganz günstig: 17,50 Euro pro Person. Man muss aber dazu sagen, dass die Zutatenliste kaum auf eine Tafel passt, der Brunch scheint also nachhaltig zu sättigen, was in Paris bei den Miniportionen für untergewichtige Französinnen eher selten der Fall zu sein scheint. Jedenfalls ist mein Omelett mit Ziegenkäse und Minze zwar köstlich, von der Größe her aber dennoch eher ein Snack als ein Mittagessen. Wir erinnern uns: Ich war eigentlich auf einen Teller voller Pasta eingestellt, mental, magentechnisch usw. – Die Rechnung kann ich mittlerweile mit dem abgeguckten und enthusiastisch gestammelten „Le ticket – s’il vous plaît.“ in Original-Französisch bestellen und bin ganz stolz, dass ich immer verstanden werde. Auch grüßen traue ich mich mittlerweile, leider verstehe ich nie was die Leute antworten.

Im Anschluss an den Snack kaufe ich noch einen leckeren Käsekuchen in einem jüdisch/jiddischen Geschäft—koscher versteht sich. Der ältere Herr ist hoch erfreut, mir den Kuchen einzupacken—die wartende Masse hinter mir will offensichtlich in dem kleinen Restaurant mit dem Platzangebot einer Dönerbude zu Mittag essen.

Ich schlendere also mit meinem koscheren Käsekuchen in der Hand durch Marais‘ Gässchen und bin ganz hingerissen: Hier entdecke ich, was ich in Montmatre nicht gefunden habe. Strahlender Sonnenschein begünstigt den positiven Eindruck den das Stadtviertel auf mich macht: Lebensfreude aller Orten, in Restaurants, Bistros und charmanten Lädchen in teilweise mediterranem Stil. Ein Stück die Rue St. Antoine hinab gelaufen, stolpere ich über das Hôtel de Sully, Teil der Photographie‑ und Dokumentationsmuseen von Paris. Durch den augenscheinlich sehr alten, reich verzierten Vorhof gelangt man in einen kleinen Garten, der gar entzückend ist! Efeubewachsene Mauern umschließen das Gärtchen, das Bänke in Sonne und Schatten bietet und in dem man andächtig Vogelgezwitscher lauschen, ein Buch lesen oder die Gedanken schweifen lassen kann.

Das ist das erste mal, dass ich Vogelgezwitscher in Paris höre. Weil wir in Wehrda sehr ländlich wohnen, gehören Tiergeräusche für mich zur Alltagskulisse. Deren Fehlen in Paris hat mich seit der Ankunft zutiefst desorientiert. Endlich finde ich ein Stück Paris das mir zusagt.

Verlässt man das Gärtchen auf der dem Eingang gegenüber legenden Seite, kann man zwischen Restaurants und Kunstgeschäften promenieren, während der Place de Vosges mit viel Sonne, schattigen Plätzen, Brunnen und einer gut aufgelegten, menschlichen Sonnenanbetergeneration lockt. Das Victor Hugo Museum ist in der Nähe und auf den Straßen von Marais ist jede Menge Leben. Auf dem Weg zurück zu meinen Ausgangspunkt, der Métrostation St. Paul zurück spaziere, bin ich glücklich, noch einen Ort in Paris gefunden zu haben, den ich angenehm finde.

Und so kam es dazu, dass die Suche nach einem Dormouse-Restaurant der Amy sogleich Einblicke in ein Wunderland bescherte.

Tiramisu und Sonnenschein in St. Michel & Umgebung

Ich fahre zurück in die Innenstadt und versuche, die Cafés und Bücherläden abzuklappern, auf deren Besuch ich mich schon länger gefreut habe. Nachdem ich mich endlich in den winzigen Gassen um die Métrostatio St. Michel orientiert habe (ich habe die Adressen von den Geschäften, aber die winzigen Sträßchen sind im Stadtplan nicht benannt) lande ich zunächst beim geschlossenen Abbey Bookstore, bei der verzogenen Librarie Gourmand und zwischendurch auch in der ganz falschen Richtung. Ich kaufe letzte Postkarten bei den Händlern um die Seine herum und mache mich auf die Suche nach dem Café Panis.

Ich finde es gegenüber von Notre Dame und bin mal wieder hingerissen: Das offene Café hat immerhin genauso viele Sitzplätze drinnen wir draußen und erinnert mich wieder ans konkret in Bochum: Nur in feiner und französischer. ;)

Es folgt die Bestellung des Tiramisus meines Lebens: Ein Einweckglas voll köstlichem und sehr eigenem Tiramisu wird mir serviert und sättigt mich bin in die späten Abendstunden. Ich sortiere meine Postkarten, schreibe die letzten Kurzurlaubsgrußzeilen und verlasse das Café bester Laune in Richtung Sonnenschein und Stadtgewirbel. Und dann passiert es.

Schwierigkeiten mit der Orientierung + der Gravitation = kaputte Kamera

Es gibt mehrere Gründe, warum es so kommen musste, aber hier die ganze Geschichte: Ich schlage mir einmal im Jahr die Knie auf, das ist so Tradition. In der Regel geht dabei auch mindestens ein Kleidungsstück über den Jordan und im besten Falle beschädige ich nix Teures und nichts, was mir nicht selbst gehört.

Es gab in Paris zwar gutes Wetter, der beste Fall trat aber doch nicht ein. Es hat sich so eingespielt, dass bei solchen Ereignissen immer ein mir liebes Kleidungsstück dran glauben muss und mit den Jahren abwechselnd Zweiräder involviert sind oder nicht. Seit etwa drei Monaten hatte ich mir um das fortgeschrittene Jahr 2008 Gedanken gemacht und darüber, wann und wie ich wohl wie verunfallen werde.

Nun bin ich also nobel in Paris vor dem Notre Dame auf die Knie gegangen.

Auf dem Weg vom Café zu meiner nächsten Station, dem legendären Buchladen Shakespeare & Company, musste ich zwei Straßen überqueren und mich weg von Notre Dame bewegen.

Notre Dame ist so eine neverending story: Man hat 100 gelungene Aufnahmen von der Kirche und macht auch noch die 101. Wie dem auch sei, ich habe Notre Dame im Rücken, bin in Sichtweite meines Ziels und drehe mich um: Siehe da, eine Perspektive auf die im Sonnenschein vor blauestem Himmel strahlende Königin der Pariser Innenstadt. Ich betätige den Auslöser ein paar mal, nachdem ich einigermaßen zuversichtlich sein konnte, dass keine Busse, Autos oder Touri-Köpfe die Aussicht versperren. Das dauerte etwas.

Als ich endlich fertig bin, habe ich vergessen , wo ich stehe: Auf dem schmalen Weg zwischen Bürgersteig und Auto-Fußgängerzonebegrenzungspömpel hatte ich angehalten und mich umgedreht, um Notre Dame ein hundert und erstes mal festzuhalten. Und so will ich einen Schritt zurücktreten, im gleichen Atemzug sehe und spüre ich mich und meinen koscheren Käsekuchen hinten über den Steinpömpel auf den harten Asphalt fallen, die Kamera noch in Betrieb. Das Objektiv kommt mit voller Wucht auf dem Boden auf, mein rechtes Knie ist das zweite Kollisionsopfer, an dritter Stelle kommt mein linker Handballen, der gerade zu sanft auf dem Käsekuchen zum abrollen kommt. Ein netter Pariser springt von seinem Fahrrad um mir zu helfen, während ich schon längst fluche und anfange die Kamera zu untersuchen. Nichts: Das Objektiv bleibt ausgefahren und lässt sich nicht mehr schließen. KACKE.

Verzeiht mir die Worte, aber meine Wut war stärker als der Schmerz im Knie. Ich bin es ja gewohnt, fluchen hilft meist gegen den ersten Schreck, der Ärger ob der eigenen Destruktivität bleibt aber. Meine Schwierigkeiten mit der Gravitation kosten erste teure Opfer. Die emotionale Verabschiedung von meiner geliebten Kamera ist in Zeiten von Versuchungen aller Orten natürlich auch nicht so einfach. Ich bin so wütend, dass ich mich gar nicht im Antiquariat erfreuen will und schlage den Heimweg in der übervollen Métro ein. So ein schöner Tag. Ein perfekter Tag in Paris und dann setzt die Schwerkraft mir zu.

Alles blöd, dachte ich da.

Abendgestaltung und Lebensgefahr am Bastille Day

Ich fuhr also ins Quartier, mein Freund war schon von der Arbeit gekommen ich muss natürlich die Geschichte schwallartig los werden, er findet nur ein breites Grinsen für mich—sagen wir so: die Sache verfolgt mich noch den Rest des Abends. ;) Da habe ich dann aber schon wieder bessere Laune: Der restliche Käsekuchen findet Anklang und die Abendgestaltung kann vielfältig in Angriff genommen werden. Jazz unter freiem Himmel, Buchladenbesuch und das Riesenfeuerwerk zum Nationalfeiertag stehen zur Auswahl.

Zuerst muss ich aber noch zum Eiffelturm: Gestern knapp ausgesperrt, will ich nun endlich meinen Blick über Paris bei Nacht schweifen lassen und „La cité lumière“ bewundern. Wir kommen erst verspätet zum Eiffelturm, ich musste mir zunächst einen neuen Tagespass geben lassen, meine alte drei Tage-Karte funktionierte aus unerfindlichen Gründen nicht mehr. Als wir endlich ankommen, sehen wir auf den großen Tafeln an den Füßen des Turms, dass heute leider aufgrund des Feiertages früher geschlossen wird. Großartig—das zweite mal umsonst am Eiffelturm. Darauf hätte man auch gestern dezent hinweisen können, als ich schon einmal ohne Erfolg versuchte, den Turm zu besichtigen. Wozu gibt es schließlich die Anzeigetafeln?

Die erste Enttäuschung verfliegt (Paris macht frustrationstolerant) und um uns herum sehen wir—neben Menschenmassen auf Picknickdecken, drei Stunden vor dem Feuerwerk—viele Absperrungen, Konzertequipment, die Bühne in weiter Ferne und übermäßig viele Fremdenlegionäre und anderes, zum Teil schwer bewaffnetes, Security-Personal.

Wir gehen zurück und fahren Richtung St. Michel—Shakespeare & Company. Ein großartiger Laden! Bis unters Dach vollgepackt mit Büchern, es gibt live Pianospiel und Gesang. Es ist gemütlich und ich finde viel zu viele Bücher, die nach Interessantem und Lesevergnügen klingen. In der zweiten Etage finde ich eine Nische und lese eines der drei Bücher an. Bei dreien habe ich aufgehört, andere Bücher anzusehen—es gibt einfach zu viele. Eines ist über französische Küche (für Sven), eines hatte ich des Themas wegen gesucht: ein Buch über die Geschichter der Pariser Métro.

Das letzte Buch ist das Günstigste: „The fifth Book of Peace“ von Maxine Hong Kingston. Ich habe davon in einer Vorlesung zum Thema „Poetry & Peace“, die Ms. Hong Kingston in der UC Berkeley gehalten hat, gehört. Der Talk hat mich so beeindruckt, dass ich das Buch sofort gekauft habe, als ich es im Laden entdeckte. Der Buchladen hat jedenfalls ein Backpackerflair, dass mich ein wenig an die Absteigen in Phnom Penh & Kapstadt erinnert. Ich fühle mich wohl. :)

Kurz vor elf machen wir uns mit gestempelten Büchern auf den Weg Richtung Eiffelturm. Dort angekommen, scheint sich ganz Paris auf den Straßen zu drängen, man findet kaum noch einen Platz zum Stehen und Gucken! Das Feuerwerk dauert bis 23:30 Uhr und ist ziemlich beeindruckend, belegt aber das ganze Stadtviertel mit einem Dunst, der in die Klamotten kriecht. Ganz plötzlich, um 23:30 Uhr, ist es offenbar sozialer Konsens, dass jetzt Ende der Veranstaltung ist und die Masse setzt sich erschreckenderweise in Bewegung. Wir laufen bis zu einem Appartmenthaus mit und warten dort am Eingang auf die Beruhigung der Situation.

Eine halbe Stunde später sieht man immer noch die Straße vor Menschen nicht und der Strom ebbt nicht ab. Die Sicherheitskräfte bewachen den Eingang zur Métro, denn alle wollen von derselben Station aus weg. Weil die Situation an den Gleisen unter diesen Umständen sehr gefährlich werden kann, lassen sie die Leute nur tröpfchenweise, in homöopathischen Dosen in die Station. Die Masse drängt sich gegen den Métrozaun, als wir uns entschließen, uns auch anzustellen, weil wir anders nicht wegkommen.

Zwischendurch hatte ich noch die Postkarten eingeworfen und pünktlich zum französischen Nationalfeiertag im farblich passenden Wams ein recht kämpferisches Photo von mir geschossen. Misstrauisch stellen wir uns an der Reihe zur Métro an: Die nächsten Minuten bis zum Einlass in die rettende Station sind die Hölle. Sehr viele Menschen wollen gleichzeitig durch die schmalen Eingänge, nur vom Sicherheitspersonal im Zaum gehalten.

Die Masse bewegt einen, man muss sich gar nicht selbst bewegen. Ich sehe mich schon erdrückt und totgetrampelt werden. Mitten in Paris. Da stirbt man doch nicht jung in einer Masse und endet als hässliche Leiche! Wie dem auch sei, es ist ziemlich bitter und die Masse wird mit jeder Minute ungeduldiger und hartnäckiger. Die Uniformierten bleiben ruhig und regeln die Sache vorbildlich. Als wir endlich in die Station gelangen und wieder Luft bekommen, ist der böse Spuk vorbei. Zumindest für uns.

Wir gehen die Treppen zum Bahnsteig hinauf und sehen durch das verglaste Treppenhaus die Menschenmassen, vor der Station. Trotz großer Stadtbeleuchtung können wir das Ende der Massen nicht sehen. Von dort ging es Richtung Charles de Gaulle Bahnhof und von dort aus laufen wir, alles andere wäre für eine Station zu viel Aufwand. Die Métros sind verstopft. Wir versuchen noch auf einen Absackerrotwein in ein Restaurant zu gehen aber der Kellner hat keine Lust uns zu bedienen. Der Tag endet mit einem Glas Rotwein daheim und der wohl verdienten Nachtruhe.

Dieser Beitrag wurde am 15. Juli 2008 veröffentlicht und zu Gunsten des Archivs rückdatiert.

Ähnliche Artikel:

[…] 6. August 2008 | Druckversion | Trackback Wir erinnern uns: Meine alte Lumix-Digi-Cam ist durch einen Sturz mit mir in Paris versehrt und eine neue DSLR ist nach wie vor nicht im Budget […]

Die Kommentare sind geschlossen.