Auffallend und geradezu realitätsblind bei der Analyse der Gründe für die „akademische Selbstreproduktion“ ist, dass mit keiner Silbe auf die Frage der Finanzierbarkeit eines Studiums eingegangen wird und im Survey keine Nachfrage nach dem Zusammenhang der Ausbildungsförderung oder von Stipendien mit der Studierbereitschaft aufgenommen wurde.

Nach allen anderen vorliegenden Werten, erhöht jedoch eine Verbesserung des BaFöGs und die Erhöhung der Einkommensgrenzen für die Eltern für eine Förderung, die Studierbereitschaft signifikant.

Dass im Survey nicht danach gefragt wurde, inwieweit die Einführung von Studiengebühren eine zusätzliche Barriere zum Hochschulzugang für Jugendliche aus sozial (und finanziell schlechter gestellten) Schichten darstellt, ist geradezu sträflich. Offenbar wollten Auftraggeber und die Durchführenden der Studie hier keine Diskussion auslösen.

D.h. die Hebel, an denen man ansetzen müsste um beim Studium eine größere Chancengerechtigkeit zu erreichen, bleiben unberücksichtigt. So wird der Eindruck verfestigt, als würde die Studierfähigkeit bzw. die Studierbereitschaft sozusagen „vererbt“.

NachDenkSeiten – Die kritische Website » An den Hochschulen bleibt die „Elite“ unter sich.

Der Survey wurde 2005 freigegeben und hat 10.000 Studierende in den Jahren 2003⁄04 befragt. Auch im am vergangenen Donnerstag herausgekommenen Nachfolger der Umfrage wird die Bedeutung von der sozialen Herkunft im Zusammenhang mit höheren Bildungswegen deutlich—trotz Initiativen wie Arbeiterkind.de.

Aktuell ist der 10. Studierendensurvey, der u.a. einen Fragenteil zur Erwerbstätigkeit neben dem Studium enthält. Bildungsklick hat eine Zusammenfassung. In Bezug auf das Bachelorstudium kommt das Papier zu folgendem Schluss:

Bachelor-Studium: kein höherer zeitlicher Studieraufwand

Das angegebene Zeitbudget mit 34,6 Stunden pro Semesterwoche ist in den Bachelor-Studiengängen an den Universitäten etwas geringer als in den analogen Diplom-Studiengängen (35,5) oder den Lehramts-Studiengängen (35,4); an den Fachhochschulen besteht im Bachelor‑ wie im Diplom-Studium ein gleicher zeitli­cher Studieraufwand (35,5 und 35,8 Std.). Nur wer das „Staatsex­amen“ anstrebt, als Mediziner oder Jurist, hat ein erheblich höhe­res Arbeitspensum zu bewältigen (42,9 Std.).

Der von Bachelor-Studierenden angeführte Zeitaufwand un­terscheidet sich im Umfang weder nach Veranstaltungsbesuch noch nach dem Selbststudium. Besorgnisse, dass im Bachelor-Stu­dium die zeitliche Beanspruchung der Studierenden übertrieben sei, können nach den Angaben der Studierenden nicht bestätigt werden.

BMBF – 10. Studierendensurvey (pdf), S. 22

Ich weiß nicht, wo und wen sie da befragt haben – ich kann dem jedenfalls nicht zustimmen. Im Schnitt 20 Stunden pro Woche Präsenzveranstaltungen? In Bochum habe ich die ersten vier Semester an der RUB etwa 4 Veranstaltungen pro Tag gehabt—durchgängig. Mal nur 2, mal auch 5 oder 6 Veranstaltungen. In den Wintersemestern sind wir in aller Regel früh im Dunkeln in die Uni und im Dunkeln aus der Uni. Inklusive Referatsgruppentreffen, Bibliotheksbesuchen und Kopiersessions waren das immer so um die 50 h‑ Wochen—da erscheinen mir die Umfragedaten geradezu niedlich.

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Es ist ja nicht jeder so motiviert wie du ;)

Ich hatte meistens so 15 Veranstaltungen pro Woche. Zumindest im Vergleich zu meinen magisterstudierenden Freunden kam ich mir schon beschäftigt vor.

Dito – so sehe ich das auch: Im Vergleich mit den Magister‑ und Diplomleuten, haben wir mehr Veranstaltungen gemacht. Zum Thema motiviert sein: Ich war sicher motiviert, allerdings gab es bei uns auch extremen Listenzwang. Zweimal nicht da gewesen, gab es keinen Schein. Schöne neue Bologna-Welt halt. ;)

Herzlichen dank für die lobende Erwähnung unserer Initiative ArbeiterKind.de, deren Wirkung mit Studien leider noch nicht gemessen werden kann, da wir erst seit Mai diesen Jahres existieren. Aber natürlich hoffen wir sehr, dass wir in den nächsten Monaten und Jahren diesbezüglich etwas bewegen können.

„Auch im am vergangenen Donnerstag herausgekommenen Nachfolger der Umfrage wird die Bedeutung von der sozialen Herkunft im Zusammenhang mit höheren Bildungswegen deutlich—trotz Initiativen wie Arbeiterkind.de“

Hallo Frau Urbatsch,

ich habe ArbeiterKind.de durch einen Porträtartikel in der ZEIT (Geschlossene Gesellschaft) kennengelernt und finde die Initiative nicht nur notwendig sondern auch überaus mutig!

Ich glaube, dass solche kleinen Initiativen mehr bewirken können, als die längst überfällige Erhöhung des BAföGs, dass nicht einmal die gestiegene Inflationsrate auszugleichen vermag.

Die persönliche Ansprache und Ermutigung zum Studium, bei Anerkennung der Schwierigkeiten, die bestehen wenn man sich seine Ausbildung allein gestalten und finanzieren muss, sind stärkere Motivatoren—trotz aller Schwierigkeiten in die eigene Ausbildung zu investieren. Das müssen viele Studierende nämlich schon längst – auch ohne Studi-Kredite, die die neuen „Studienbeiträge“ auffangen & schmackhaft machen sollen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Initiative viel Erfolg – und denke nicht, dass Studien im größeren Umfang exakt bemessen können, was individuelle Gespräche oder die Vermittlung von persönlichen Erfahrungen für die oder den Einzelne/n auszumachen vermögen!

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