Mit Büchern ist das Leben schöner. – Bildquelle: stock.xchng

Der UPLOAD-Artikel Die geteilte Medienlandschaft und die acht Kreise der Kommunikation dröselt auf, wie öffentlich unsere Kommunikationswege geworden sind, wie sehr ego-zentriert und vom Agieren des Einzelnen abhängig Informationszugänge heutzutage sind. Eine interessante Debatte dazu gibt es bei den Blogging Heads: Eugene Volokh & Cass Sunstein: Information Cocoons.

Angesichts meines Literaturstudiums empfinde ich die Anzahl echter Bücher und echter Texte, die ich in den letzten zwei Jahren wirklich aufmerksam gelesen habe, erschreckend und peinlich.

Wir—damit meine ich Computer/Web-basierte Menschen, der Digitalen Bohéme, die länger online als offline sind—lesen vermutlich mehr, als die Menschheit je gelesen hat. Twitter, IM, Weblogs, eBooks, RSS-Feeds (ich habe so um die 200 abonniert), online Zeitungen, Nachrichten, Steuerformulare – man informiert sich immer öfter, immer zeitnaher, immer selbstgesteuerter. Ich habe trotzdem das Gefühl, dass diesem medialen Grundrauschen in einem sehr eng durch den eigenen Horizont abgesteckten Informationsdschungel, teilweise die inhaltliche Nachhaltigkeit fehlt

Buch ist halt Buch und das Medium an sich spricht für den Inhalt—irgendwie. Die einfachen, leicht zugänglichen uns sehr flexiblen online Informationsangebote haben doch dazu geführt, dass ich weniger Bücher lese—sowohl fachlicher Natur als auch Unterhaltungsliteratur. Der schnelle und aktuelle Informationsfix via Internet übt halt doch eine besondere Anziehung aus.

Ich bin nun den neuen Medien sehr aufgeschlossen gegenüber—allerdings mit dem Hintergrund und der „alternativen“ Erfahrung der Liebe zum Buch.

Liebe zum Buch
Liebe zum Buch

Und während sich selbst gestandene Literaturphilosophen und Kenner wie Gumbrecht1 fragen, ob das Lesen von Büchern einen inhärenten Wert darstellt, so stellt sich bei mir doch gleich der konservativ anmutende Reflex pro-Buch ein.

Ein Buch ist ein besonderer Text.

Das Buch ist portabel.
Das Buch ist portabel.

Ein Buch bietet Verbindlichkeit, sowohl im Medium als auch inhaltlich. Das Lesen von Büchern bildet, schafft unvermittelteren Zugang zu anderen Erfahrungen, Identitäten und Erinnerungen. Es ermöglicht das Eintauchen in ganz neue Welten. Das Internet ist zwar immer da – wie eigentlich auch der Text – aber es muss ein Zugang vorhanden sein: Technisch vermittelter Text ist etwas anderes als die Konfrontation mit der Physis eines Buches, der Haptik des Papiers, der Möglichkeit, sich zurückzuziehen und im eigenen Bett in ferne Welten zu entschwinden, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Das Buch bietet gedankliche Interaktion—nicht Interaktion der Fingerspitzen, die sich über die Tastatur und mit der Maus zum Selbstausdruck oder zur nächsten Informationsquelle bewegen.

Das Buch bietet Schwarzes auf Weißem, einen konzentrierten Fokus auf eine Sache oder Geschichte und einen schönen Rücken, der das Bücherregal zieren kann. Die physische Repräsentanz der Inhalte ist wie eine Versicherung in der Gegenwart: Das Objekt Buch ist ein Gedankenanker, die Inhalte werden immer da sein. Immer werden auf Seite 106 die Zeichen und Zeilen und Worte und Sätze der Seite 106 sein. Eine sehr beruhigende Angelegenheit, in einer Zeit, in der man heute verlinkt, was übermorgen nicht mehr erreichbar ist.

Bücher können schön sein: Typographie, CoverArt, die Magie des letzten Wortes – Bücher sind in ihrer Endgültigkeit schön und wenn man nicht gerade der VS Verlag ist, dann sind die Texte meist schön gesetzt, auf manchmal gar großartigem Papier, ganz manchmal sogar in zwei Textfarben. Ich habe schon viel Geld für Bücher ausgegeben, die ich nur des Satzes wegen gekauft habe. Keine dieser Anschaffungen habe ich je bereut.

Bücher lösen das Buchgefühl aus: Man kann sie mitnehmen und überall wieder einsteigen, in die auf Seiten festgehaltene Welt. Ein transportables rabbit whole, in eine andere Welt, ein anderes Universum, eine andere Zeit, einen anderen Jemand.

Mit Büchern fühlt man sich nicht im Konflikt.

Bücher haben keinen jetzt-kaufen-Button um den Impulskauf zu ermöglichen. Einmal erstanden (und gelesen) sind sie legitim, man muss sich nicht mehr um sie kümmern, kann sie aber mehrmals lesen und sich neu wieder finden, es anders verstehen oder sich ein zweites mal amüsieren. Im Internet gibt man den Dingen selten eine zweite Chance. Habe ich erwähnt, dass man Webseiten zwar in den Feedreader legen, nicht aber ins heimische Wohnzimmerregal stellen kann? Der ästhetische Mehrwert von Büchern in ihrer physischen Präsenz ist schon was Feines. Ein Buch bereitet kein schlechtes Gewissen.

Bücher brauchen Zeit, d.h. man muss sich Zeit nehmen, um sie zu genießen. Gleichzeitig ist Papier geduldig: Das Buch nimmt es nicht übel, wenn man es weglegt und erst später darüber nachsinnt—man ist nicht die Erste, die es gefunden hat und liest, man muss nicht als Erste den re-publish-Button drücken.

Thou who stealest fire, \\ From the fountains of the past,\\To glorify the present; oh, haste,\\Visit my low desire!\\ Strengthen me, enlighten me!—Ode to Memory (1830)

Bücher kann man annotieren.

Eselsohren, zarte Marginalien (in Extraexemplaren), Schokokrümel und Kaffeeflecken verleihen einem Buch, welches sich in persönlichem Besitz befindet, Charme. Ein Buch kann eine Geschichte haben. Wann sagt man schon mal: Damals, als ich das erste mal bei Daring Fireball gesurft bin, habe ich xy kennengelernt.

Bücher kumulieren also nicht nur an sich sondern auch um sich Erinnerungen, Notizen, Anmerkungen und manchmal auch Weiterführendes.

Bücher bieten das letzte Wort.

Ein Buch ist nicht ohne Grund ein Buch: Jemand befand die Aussagen des Autors oder der Autorin für druckbar und den Aufwand einer Veröffentlichung wert. Schwarzes auf Weißem ist durch einige Revisionsprozesse gegangen und hat es trotzdem geschafft.

Jeder Kosmos zwischen zwei Buchdeckeln ist endlich: Alles, was dazu gehört befindet sich zwischen diesen. Es geht nicht endlos weiter, es wird nicht ewig rumgefrickelt, umgestellt, gestrichen, ergänzt, verlinkt. Du bekommst das Buch und das ist es dann auch, damit muss man Arbeiten.

Fazit

Es gibt kein Entweder Oder: Bücher erfüllen ganz andere Aufgaben und Bedarfe als die Blogosphäre und das Interweb. Sie bedienen sich des gleichen Werkzeugs: Text, haben aber die Eigenart, eine ganz besondere Patina ansetzen zu können. Bücher sind gleichzeitig geschichtsträchtig und zukunftsbeständig. Ein Buch werden wir immer nutzen können, während sich die technischen Zugänge zum World Wide Web verändern werden.

Ich liebe beides und weil ich mittlerweile bemerkt habe, dass mir die Bücher fehlen—während der Internetkonsum groß ist—, werde ich wieder mehr lesen.

Nachdem ich das Buch von Randy Pausch an einem Nachmittag gelesen habe, habe ich begonnen Maxine Hong Kingstons The Fifth Book of Peace zu lesen. Sehr dicht, daher nicht so einfach, aber sehr schön – inhaltlich und sprachlich. Als nächstes werde ich ein seit einem Jahr gehegten Lesewunsch erfüllen: Truman Capotes In Cold Blood.

Trotzdem ist es eine Zeit kultureller Verluste. Wenn wir uns nur auf Informationshäppchen und Kommunikationsschnipsel verlassen und das Suchergebnis von Google mit Wissen verwechseln, dann riskieren wir ein dunkles Zeitalter. Was ich damit sagen will: Wir laufen Gefahr, uns nur an der Oberfläche unseres Lebens zu bewegen.

Maggie Jackson über den „Homo connectus“ und das Leben in Informationsruinen—futurezone.ORF.at

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  1. Im iTunes U-Podcast Why Read Books?

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Ein sehr guter Beitrag. :)

Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, zumindest ein Buch pro Woche zu lesen. Soweit klappt es ganz gut, manchmal besser, manchmal schlechter.

Danke für das Kompliment! WOW ein Buch pro Woche – eigentlich nicht viel und zu schaffen, für mich aber momentan mit wenig Fahrzeit und viel Arbeit irgendwie schwierig. Manchmal bin ich dann doch faul und schlafe lieber oder höre Podcasts …

Liest Du denn hauptsächlich Belletristik oder eher Fachliches?

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