Wie ich von den NachDenkSeiten erfahre (und zwecks Arbeit im Überfluss bisher nicht mitbekommen habe): Die Ausstrahlung des Putin-Interviews in der zuschauerreichen Sendezeit der ARD war eher nach sensationsjournalistischen zuschauerorientierten Erwägungen der knappen Sendezeit denn nach den Regeln ethischer Berichterstattung komponiert. Leider hat die ARD das Material nur zögerlich online gestellt bzw. das vollständige Interview unglücklich zu unprominentester Sendezeit ausgestrahlt und steht nun unter Zensur-Verdacht.

Und: Die Blogger wollen es mal wieder herausgefunden haben: Die ARD hat manipuliert, und die Medien schwiegen

Das ist nämlich die positive Nachricht: Die deutsche Blogosphäre hat einen wichtigen Erfolg erzielen können. Ohne die Aufklärungsarbeit von Bloggern wie Azot und Blogs wie Spiegelfechter, NDS und anderen hätte die inhaltlich falsche Wiedergabe des Putin-Interviews die Wahrheit in der öffentlichen Wahrnehmung ersetzen können. Erst als sich die Proteste im Tagesschau-Forum häuften, wobei wiederholt auf die Rechercheergebnisse der Blogger verwiesen wurde, gab die ARD zögernd nach. Das Interview in ganzer Länge sollte zunächst nur einmal früh morgens um 06:20 Uhr gezeigt werden. Später erst folgten eine Downloadmöglichkeit des Videos und das Transkript.

Die ARD hat sich dank der Blogger einer Gegenöffentlichkeit beugen müssen. Und die deutschen Leitmedien schweigen dazu.

Kommentar von Herrn Roth im Interview des Deutschlandfunks:

Klein: Nach welchen Kriterien, Herr Roth, haben Sie die Kurzfassung, diese 10 Minuten aus dem längeren Interview ausgewählt?

Roth: Nach den üblichen Kriterien, indem man sagt: was ist an diesem Abend das journalistisch Interessante? Was ist das journalistisch Neue, was die Zuschauer interessieren könnte, und was verzerrt insgesamt nicht den Inhalt des Interviews? Da waren viele Stellen drin, die wir an dem Abend leider nicht senden konnten. Wenn Sie sich die Langfassung zu Gemüte führen, werden Sie auch wissen, was ich meine. Aber wir haben uns darauf konzentriert, was nachrichtlich das Wichtigste sein könnte. Ich weiß nicht, ob zwei Journalisten dann jeweils die gleiche Variante wählen würden. Das ist die journalistische Freiheit und hoffentlich auch Kompetenz, daraus auszuwählen. Schauen Sie, das ist ähnlich, wie wenn Sie zu einer Pressekonferenz gehen, die eine Stunde, zwei Stunden oder vielleicht gar noch länger dauert, und am Ende dann darüber berichten. Dann werden Sie zwei, drei O-Töne auswählen, in der Hoffnung, dass Sie die richtigen treffen. Das ist da natürlich auch so, aber ich war deshalb dort auch ganz beruhigt, weil mir von Vornherein klar war, dass wir natürlich die Langfassung dieses Interviews auch senden werden. Insofern haben wir, glaube ich, wirklich das ganze Bild geliefert, im Fernsehen und im Internet. Mehr kann man, glaube ich, nicht tun.

Für mich klingt das ganze nach Redaktionsalltag—es gibt nun mal Leute, die Inhalte liefern und Programmentscheider, die das Programm bestimmen. Dass die Inhaltsgestalter die „Leckerbissen“, die es in die gekürzten Sendematerialien schaffen, nach journalistischen und subjektiven Gesichtspunkten aussuchen, ist doch klar—läuft beim Reader’s Digest auch nicht anders. 

Ich sehe das ganze—ähnlich wie Spreeblickblogger Malte Welding & wirres-Schreiber Felix Schwenzel—etwas relativer: Die ARD hätte das vollständige Interview in den 10 zuschauergesegneten Minuten anteasern und später in einer eigenen Sendung oder einem anderen Format vollständig senden können. Mit der Situation geht der Sender jetzt transparent und katastrophenbegrenzend um: Herr Roth steht persönlich Rede und Antwort, schreibt einen offenen Brief an die ZuschauerInnen und berichtet zeitnah im tagesschau-Blog, die Mediathek ist gut bestückt[1. Das gesamte Interview kann man in der ARD Mediathek anschauen: Thomas Roth im Gespräch mit Wladimir Putin]—außerdem gibt es ein Dossier zum Konflikt.

Was sollen die Damen und Herren denn nun noch lostreten, um volle Offenlegung zu gewährleisten?

Als Digestiv empfehle ich hier noch die Artikel der BpB zum Thema Internet & Zensur:

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