Fair Trade Logo des Blogkarnevals ausgerufen von KarmaKonsum

Die Faire Woche neigt sich dem Ende und ich habe lange dar­über nach­ge­dacht, wie genau ich am Blog­kar­ne­val, gela­den hat Kar­ma­Kon­su­mer & Fair Trade Man Chris­toph Har­rach, zum Thema teilnehme.

Als ich klein war, gab es bei uns—außer den übli­chen „Verhindere,-dass-Dein-Kind-sich-selbst –verstümmelt“-Verboten, nicht viele strenge Regeln. Meine Mut­ter hatte es nicht so mit dra­ko­ni­schen Straf­maß­nah­men. Im Grunde wurde ich die ers­ten sechs Jahre mei­nes Lebens mit & nach der gol­de­nen Regel groß­ge­zo­gen: Wie Du mir, so ich Dir—oder, wie meine Mama sagen würde—“Alles beruht auf Gegen­sei­tig­keit“. Ein Anspruch an das eigene Han­deln, den ich u.a. als poli­ti­sche Kon­su­men­tin ver­su­che umzusetzen—in dem mir per­sön­lich mög­li­chen Rahmen.

Vor eini­gen Tagen habe ich dann ein Pla­kat von Brot für die Welt auf einem Bahn­hof gese­hen. Dar­auf ist in bun­ten Buch­sta­ben zu lesen:

Fair geben. Fair sor­gen. Fair teilen.“

Darum, denke ich, geht es für mich bei die­ser gan­zen Fair Trade-Geschichte: Fair­ness. Wie Du mir, so ich Dir. Nur weil ich Kaf­fee, Tee und Kakao trin­ken will, dür­fen nicht andere für meine Bedürf­nis­er­fül­lung lei­den. Ich will mich anzie­hen, aber dafür sol­len nicht Kin­der als Skla­ven zur Pro­duk­tion mei­ner Jeans gehal­ten werden. 

Ich will weder Fami­lien in Ruanda die Kar­tof­feln weges­sen, noch möchte ich das  Rooibos-Bauern in Süd­afrika ihre eigene Lebens­grund­lage durch die aktu­el­len Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen für mei­nen Rot­busch­tee schädigen. 

So viel zu mei­ner Hal­tung zu und Moti­va­tion zum Kauf von fair gehan­del­ten (Bio)-Produkten.

Nun zum Dilemma: Es ist ja bekannt­lich nicht so einfach.

Fak­tisch, weil lei­der ein Bio‑, Öko‑ und auch das Fair Trade-Siegel nicht 100 % ein­zu­lö­sen ver­mö­gen, was sie ver­spre­chen.

Bio‑ und Öko-Produkte sind halt nach­weis­lich nicht grund­sätz­lich gesün­der. Es gibt so viele Sie­gel, dass man den Über­blick verliert—die glo­ba­li­sierte Wirt­schaft ist kom­plex. Und: Es tun sich für die Ver­brau­cher immer neue Ori­en­tie­rungs­schwie­rig­kei­ten auf. Selbst wenn man bereit und in der Lage ist, sich haupt­säch­lich ethisch kor­rekt zu ver­sor­gen, gibt es eine Fülle von Schwie­rig­kei­ten im Dschun­gel der Sie­gel, Zer­ti­fi­kate und Schlag­worte. Was ist nun ethi­scher: Der Öko-Apfel aus Über­see oder das kon­ven­tio­nell gewach­sene Regio­nal­pro­dukt? Was ist bes­ser: Auf ökolo­gi­sche Pro­duk­tion zu ach­ten, oder auf „Kli­ma­neu­tra­li­tät“, das neu­este Schlag­wort sei­ner Generation?

Ist sai­so­nale Regio­nal­ver­sor­gung ver­nünf­ti­ger als der Pro­dukt­kauf nach Sie­gel­sta­tus? Oder ist unter allen Umstän­den auf Bio­pro­duk­tion zu ach­ten, gleich woher die Pro­dukte ein­ge­flo­gen oder ein­ge­schip­pert wur­den? Ist es sinn­vol­ler, beim Bau­ern und beim wöchent­li­chen Gemü­se­markt ein­zu­kau­fen oder garan­tiert kli­ma­neu­tra­les Gemüse vom Ökogroßhandel?

Und: Ist es nicht viel zu anstren­gend, in jedem Fall wirk­lich solange nach­zu­for­schen, bis man die letzte Gewiss­heit hat, dass alles in der Pro­duk­tion eines belie­bi­gen Pro­duk­tes ethisch kor­rekt gelau­fen ist?

In der Lebens­wirk­lich­keit sind Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen, die nicht zukunfts­fä­hig sind, immer noch profitabler—weil Preis“vorteile“ an die Masse der Käu­fer wei­ter gege­ben wer­den und Kauf­an­reize bie­ten, die in kei­ner Weise die ethi­schen Stan­dards der Her­stel­lung betref­fen. Sowas ist das zusätz­li­che Plus, Kom­fort fürs Ver­brau­cher­ge­wis­sen und exklu­si­ver Bal­sam für die Konsumentenseele. 

Hinzu kom­men die schon genann­ten Inkon­sis­ten­zen, gegen die offen­sicht­lich kein Kraut gewach­sen ist: Auch Bio­pro­dukte ver­un­si­chern die Ver­brau­cher mit Moge­le­ti­ket­ten. Ökopro­dukte sind nicht immer gesün­der, oder schme­cken bes­ser oder bie­ten andere, direkt erfahr­bare Anreize, die den höhe­ren Kauf­preis recht­fer­ti­gen. Mein Fair Trade-Bio-Tee bspw. kommt unnüt­zer weise dop­pelt ver­packt: Das Äußere der Tee­ver­pa­ckung gibt sich im die Ziel­gruppe anspre­chen­den, gro­bem Papierkleid—innen ist der Tee in einem zusätz­li­chen Plas­tik­beu­tel ver­packt. Con­tra­dic­tio in adiecto für 3,99 pro 100gr-Packung. Danke schön.

Und am Ende beibt immer noch die Frage, ob die gesamte Öko-Industrie nicht doch auf das schlechte Gewis­sen der Käu­fer abzielt. Man bezahlt für das reine Gewis­sen, wäh­rend die Pro­dukte am Ende doch nicht so 100%ig ethisch kor­rekt sind. Umfas­send nach­voll­zie­hen kann man es letzt­lich nicht—und im Grunde wol­len wir doch auch nicht in jedem Fall wis­sen, wie wel­ches Geschenk­gut, wel­cher Pflas­ter­stein und wel­ches Paar Schuhe genau in den Ver­kauf gekom­men sind, wel­chen Pro­duk­ti­ons­weg sie genom­men haben. Denn diese Wege sind schon bei rela­tiv ein­fa­chen Pro­duk­ten des täg­li­chen Bedarfs imens: nachhaltig Beob­ach­tet—Die Trans­port­wege der Zuta­ten eines Joghur­tes.

Der Wider­spruch in der eige­nen Nach­bar­schaft: Ein ganz ande­res Dilemma, jen­seits der Kom­ple­xi­tät glo­ba­li­sier­ter Her­stel­lungs­ver­fah­ren und Waren­wege, ist der Wider­spruch der im eige­nen Erfah­rungs­be­reich liegt. In der gro­ßen Per­spek­tive kön­nen wir es uns nicht leis­ten, nicht nach­hal­tig zu leben, zu wirt­schaf­ten und zu kon­su­mie­ren. In der All­tags­per­spek­tive gibt es bspw. in Deutsch­land immer mehr Kin­der, die von Armut betrof­fen und täg­lich von Chan­cen aus­ge­schlos­sen sind. Soziale Unge­rech­tig­keit ist Wahl­fang­t­hema der extre­men Rech­ten wie Lin­ken im deut­schen Parteienspektrum—und für die dazwi­schen auch irgend­wie. Wir küm­mern uns inner­halb unse­rer Sozi­al­staats­gren­zen nicht erfolg­reich um Migran­tin­nen und Migran­ten, haben ein hoch­se­lek­ti­ves Bil­dungs­sys­tem und EU-Richtlinien dik­tie­ren den Bau­ern, wel­che Äcker wie bestellt wer­den dür­fen und wel­che nach Anord­nung von oben brach lie­gen müs­sen. Wir ent­loh­nen Hoch­qua­li­fi­zierte in bestimm­ten Berei­chen nicht oder nicht adäquat und wun­dern uns dann, warum diese ins Aus­land abwan­dern und dem Fach­kräf­te­man­gel Vor­schub leisten. 

Ande­rer­seits wol­len wir die Armut in Afrika bekämp­fen, wäh­rend wir genieß­bare Lebens­mit­tel im Umfang von meh­re­ren Ton­nen täg­lich ver­nich­ten. In bestimm­ten Regio­nen Deutsch­lands gibt es Men­schen, die über 40 Stun­den pro Woche arbei­ten gehen und trotz­dem Unter­stüt­zung nach Hartz Ⅳ bean­tra­gen müs­sen, weil sie ihr Gehalt mit Sozi­al­hilfe auf­bes­sern(!) müs­sen. Wir bie­ten so vie­len im eige­nen Land keine Per­spek­tive, sol­len aber eine Nach­hal­tig­keis­in­dus­trie anhei­zen und Sozi­al­stan­dards in der Ferne eta­blie­ren, die uns zum Kauf ein abs­trakt gutes Gewis­sen garantiert. 

Für mich per­sön­lich hat das Fair Trade-Zeichen außer­dem einen unsym­pa­thi­schen Beige­schmack: Den Effekt der fal­schen Anschul­di­gung. Denn, wenn man den Hoch­glanz­bro­schü­ren und Öko-Zertifikaten der eta­blier­ten Sie­gel­stel­len glaubt, dann sind Pro­dukte ohne Sie­gel prin­zi­pi­ell dem Ver­dacht aus­zu­set­zen, unöko­lo­gisch und unethisch her­ge­stellt wor­den zu sein. Ein, wie ich finde, unfai­rer Generalverdacht. 

In einer idea­len Welt wür­den wir alle ers­tens in einer Welt leben, in der die Weichen—sowohl poli­tisch und wirt­schaft­lich, als auch auf indi­vi­du­el­ler Ver­brau­che­re­bene grund­sätz­lich auf ethisch kor­rekte Pro­dukte ein­ge­stellt sind. Die schänd­lich her­ge­stell­ten Pro­dukte wären die Teu­re­ren, die fai­ren Bio­pro­dukte wären die gesell­schaft­li­che Grund­ein­stel­lung, der unhin­ter­fragte Default­zu­stand. Jedes Glied der Wirt­schafts­kette wäre sich sei­ner Ver­ant­wor­tung unbe­wusst bewusst und würde Fol­ge­schä­den selbst­ver­ständ­lich rea­lis­tisch ein­kal­ku­lie­ren und so „natürlich(e)“ Pro­dukte bevor­zu­gen, die den ethi­schen Weg hin­ter sich haben. Wir wür­den auto­ma­tisch die bes­sere Wahl tref­fen und ein schlech­tes Gewis­sen wäre die Aus­nahme von der Regel, die die unöko­lo­gi­sche Ent­schei­dung erschwert—nicht umge­kehrt (das gute Gewis­sen ist mit sel­te­nen bewuss­ten Kauf­ak­ten die Ausnahme).

In einer idea­len Welt wür­den zwei­tens die eige­nen Beschäf­tig­ten als die ers­ten Kon­su­men­ten betrach­tet und selbst ange­mes­sen ent­lohnt, sodass es nicht an wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Eli­ten hinge, „den Ande­ren“ ein schlech­tes Gewis­sen in der Kas­sen­schlange zu ver­ur­sa­chen. Es würde dann an den „Öko-Sündern“ lie­gen, sich der gesell­schaft­li­chen Mehr­heit gegen­über zu erklären. 

In einer idea­len Welt hätte jeder Mensch Zugang zu Bil­dung, sozia­len Auf­stiegs­chan­cen und wür­di­gen Lebens‑ und Arbeitsbedingungen—in Afrika wie in Deutschland.

In einer idea­len Welt wür­den Poli­ti­ker grund­sätz­lich die zukunfts­fä­hi­gen Ent­schei­dun­gen zum Wohle der Men­schen treffen.

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Und dazu passt ganz wun­der­bar das Zitat oben auf der Seite: „Nichts von Wert ist jemals einfach.“

Die ideale Welt ist nicht ein­fach zu errei­chen und der ideale Kon­su­ment hat es nicht ein­fach ;-)

[…] 1.9.: In dem Kar­ne­val ist mir ein guter Bei­trag begeg­net, von jeman­dem, der sich ebenso in der Zwick­mühle sieht, auch manch­mal nicht weiss, wel­cher Honig denn nun bes­ser ist, der vom Alpen­bau­ern oder der aus der […]

Ja, des­halb geht es ja auch ums „Welt ver­bes­sern“ und nicht ums Welt idea­li­sie­ren. Ein­fach wär ja lang­wei­lig. ;)

[…] blog​.anna​ma​ria​mu​el​ler​.de Darum, denke ich, geht es für mich bei die­ser gan­zen Fair Trade-Geschichte: Fair­ness. Wie Du mir, so ich Dir. Nur weil ich Kaf­fee, Tee und Kakao trin­ken will, dür­fen nicht andere für meine Bedürf­nis­er­fül­lung lei­den. Ich will mich anzie­hen, aber dafür sol­len nicht Kin­der als Skla­ven zur Pro­duk­tion mei­ner Jeans gehal­ten werden. . […]

[…] soll­ten die Nach­hal­tig­keits­für­spre­che­rIn­nen etwas ehr­li­cher mit der Situa­tion umge­hen, mei­ner Mei­nung nach. Denn: In eini­gen Fäl­len ist nicht klar, was die nachhaltigere […]

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