Einen sehr interessanten Artikel zum Thema Blogosphäre, ihre Entwicklung, Entstehungs‑ und Wirkungsbedingungen habe ich im Tagesspiegel entdeckt: Der Blogwart
Nach einem kritischen Blick auf die Macht der Blogospäre und Beispiele aus Konfliktregionen, widmet sich die Autorin den Bedingungen, die der Blogosphäre auf die Beine geholfen haben:
So würden das viele Blog-Freunde selbstverständlich nicht stehen lassen, sie hegen mitunter hohe Ansprüche: „Ein einziges Posting in der Blogosphäre kann einen Wandel in der echten Welt bewirken“, heißt es in dem Buch „Who let the blogs out“ des US-Amerikaners Biz Stone. Der Siegeszug des Blogs ist eigentlich George W. Bush zu verdanken. Mit seinem Beschluss, in den Irak einzumarschieren, wurde der Blogger zum David gegen Goliath, zum Korrektiv des Mainstreams—fernab von narzisstisch gefärbten Einträgen à la Hall. Der umstrittene Krieg wurde die Daseinsberechtigung der Blogger. Da die etablierten Medien es versäumten, die Berechtigung dieses Krieges zu hinterfragen, sprangen die Blogs ein. […]
Besonders stark ist die Blog-Resistance in arabischen Ländern. 2008 stellte ein tunesischer Blogger ein Luftbild des Präsidentenpalastes ins Netz, neben dem sich nach und nach Sprechblasen öffnen und politische Gefangene von Folter erzählen. Doch selbst in einem europäischen Staat wie Italien, wo Silvio Berlusconi den Medienapparat kontrolliert, sehen Kritiker keine andere Möglichkeit, als ins Netz abzuwandern. „Wer die Information kontrolliert, hat die Macht“, sagt der Komiker Beppo Grillo. „Was bleibt? Das Netz, das Internet, die Blogs.“
Im Anschluss wird die Wirkung und Medienrelevanz von Blogs eingeordnet. Von amerikanischen Watch-Blogs geht es zum deutschen BILDblog und zur deutschen Blogosphäre im Allgemeinen; auch über das angespannte Verhältnis von Bloggern und Journalisten wird berichtet, wobei auch die traditionellen Medien ins Visier geraten.
Was medial funktioniert, kann in Politik und Wirtschaft nicht falsch sein: Die Politisierung & Kommerzialisierung der Blogosphäre ist ein heikles Thema, dass von Bloggern häufig mit Kritik begleitet wird. Die Blogosphäre versteht sich als unabhängiges Perspektivenspiel individueller Subjekte—Authentizität ist wichtiger als Objektivität—eine Leitdistinktion über die sich die gesamte Bloglandschaft mehr oder minder profiliert.
Die schwierige Einbettung der Blogosphäre in rechtliche Zusammenhänge ist im Abschluss des Artikels ein Thema:
Die Frage, wie kommerziell man werden darf, ist ein häufiges Problem, wenn eine Bewegung erwachsen wird. Und noch mit einer anderen Schwierigkeit, typisch für Professionalisierung, haben Blogger zu kämpfen. Sie müssen rechtlich verankert werden, aus dem „Alles geht, nichts muss“ der ersten Jahre wird ein „Es geht zwar, es muss aber auch“. Noch haben die Blogs ihre Grenzen nicht gefunden. Nicht nur ihr Ton ist oft wüst, es sind auch viele Hilfssheriffs in Blogs unterwegs.
Außerdem liefert der Bericht einen Hinweis, warum die Blogosphäre in Deutschland kaum eine Rolle im Medienzirkus spielt:
In Sachen Internet sei Deutschland zumindest in Europa der meistregulierende Staat, sagt Hoeren. „Als Blogger muss man journalistisch denken: Es gilt im Prinzip das Presserecht. Werturteile sind in Ordnung, wer falsche Tatsachenbehauptungen verbreitet, ist dagegen dran.“
Passend zum ersten Artikel ist dieser Hinweis auf eine Folge des Digital.Leben Podcasts/der Radiosendung bei futurezone: Bloggen aus Krisenregionen: Weblogs als Alternative zu Massenmedien. [via Schockwellenreiter]
In den vergangenen Jahren hat sich u.a. das Upload-Magazin immer wieder mit dem Thema eines Bloggerkodex‘ (iSd Pressekodex‘) und des Presserechtes für Blogger beschäftigt.
Während die Medienkrise nun auch Deutschland erreicht, spekulieren andere, wie man Google die Zeitungen retten kann: Wired— Five Things Google Could Do to Save Newspapers.
Thomas Knüwer bietet einen Überblick zum Thema in Indiskretion Ehrensache [via: MediaCoffee] und im KoopTech Blog gibt Christiane Schulzki-Haddouti Auskunft und Einschätzungen zu 16 Entwicklungstendenzen im Medienwandel und den vielschichtigen Gründen Warum die Medien die Wirtschaftskrise verschliefen.
Im vergangenen Oktober ließ der Christian Science Monitor verlauten, dass er ab April 2009 seine Printedition komplett ein‑ und auf online Betrieb umstellt: NY Times— Christian Science Paper to End Daily Print Edition & Golem— Nur noch digital: US-Tageszeitung stellt Printausgabe ein. Kurz darauf wurden dann die „fehlenden“ bzw. sich neu verteilenden Werbeeinnahmen nach dem Ende von Printzeitungen thematisiert: When A Newspaper Stops Publishing In Print, What Happens To The Print Advertising Dollars?
Das Post-Print-Zeitalter ist in allenr Munde (einschlägigen) Blogs präsent und auch die Magazine wollen sich nicht mehr mit Spekulationen zurück halten: The Atlantic— End Times. Und während sich Wired, Olav Anders Øvrebø & Co. überlegen, was getan werden kann, um die Zeitungen im Online-Zeitalter zu retten, überlegt sich Matthias Schwenk, wie echter online Journalismus sich finanzieren könnte: bwl zwei null— Gebührenfinanzierte Internetinhalte: Die Zukunft für den Journalismus? [via Textdepot]
Dass Journalismus und Blogosphäre koexistieren und sogar voneinander profitieren können, zeigt seit einigen Jahren der Themenblog Publishing 2.0. Für online tätige Journalisten gibt es ja mittlerweile eine ganze Reihe von Informationsmöglichkeiten (Lost and Found: Zur Toolbox des Onlinejournalismus Katalog und Gebrauchsanleitungen; siehe u.a. die letzte re:publica) und auch die Reporter aus der Graswurzelrichtung haben in der Citizen Journalism-Nische ihren Platz in der Medienlandschaft gefunden: Center for Citizen Media & Citizen Media: A Progress Report und sogar das Pulitzer Center kümmert sich—gemeinsam mit YouTube im Project:Report—um die „Untold Stories“ [via: Undercurrent].
In Deutschland befasst sich mittlerweile sogar die BpB und unsere Bundeskanzlerin mit Lokal‑ und online Journalismus —obgleich es bei uns—soweit ich weiß—Projekte wie ProPublica noch nicht gibt (dafür aber eine „Mitmach“-Zeitung).
Etablierte Journalisten reagieren auf diese Entwicklungen nicht eben erfreut: Man denke nur an Josef Joffes journalistischen Qualitätsbeitrag zum (künstlichen Journalisten-Aufreger‑) Thema Blogger vs. Journalisten. Dass aber auch der Wandel in den konventionellen Medien Qualitätsjournalisten erschreckt, zeigt Otmar Hersche in seinem Buch «Erinnerungen an den Journalismus» [via Archivalia]: Züritipp—Als Journalisten noch nicht im Supermarkt arbeiteten
«Was bleibt?», fragt Hersche im Schlusskapitel. Die Zeitungsartikel sind vergilbt, die Radiosendungen verstauben im Archiv. Das Selbstverständnis, mit dem Hersche ein Leben lang den Journalismus betrieb, ist ausser Kurs: «Das Medium wurde noch verstanden als vermittelnde Instanz zwischen einer vielschichtigen Realität und einem vielschichtigen Publikum, verbunden mit dem Ehrgeiz, Eigenständiges zu schaffen.» Die Privatisierung bei Radio und Fernsehen, die anhaltende Zeitungskrise, der mediale Geschwindigkeitswahn, der die Unterschiede zwischen Wichtigem und Unwichtigem einebnet, der globale Mediensupermarkt, sie lassen Hersche resignativ und kleinlaut werden: «Unsere journalistischen Ambitionen von einst wirken dagegen schwerfällig, breitgewalzt, im wörtlichen Sinn‹überholt›.»
1. Christiane
23/01/2009 10:37 pmDanke für die schöne Zusammenfassung
2. Anna-Maria
24/01/2009 02:47 amGern geschehen—Danke für die phantastischen Beiträge im KoopTech-Blog. Ist immer wieder eine Erkenntnis dort vorbei zu lesen
3. Christiane
25/01/2009 12:57 pmOh, Danke! Na, erkenntnisfreie Räume gibt es ja schon genügend
4. Journalismus, Verlage – die Diskussion um die Zukunftsfähigkeit des Publikationswesens — Amys Welt
09/06/2009 05:25 pm[…] und Schreibform geht. Blogosphäre und journalistische Berichterstattung sind interdependent aufeinander bezogen ‹/den Luhmann […]