Es geht ein Ruck durch die deutsche Blogosphäre: Nachdem Bürgerrechtsaktivist Markus Beckedahl von der Deutschen Bahn abgemahnt worden ist, gibt es neue und intensive Diskussionen zur Gründung eines Interessenverbandes für Bürger, die am digitalen Zeitalter und seinen Technologien aktiv teilhaben wollen.

Via UPLOAD Magazin bin ich auf die aktuelle Debatte gestoßen, es hat aber auch die Netzeitung in ihrem Anhang zum aktuellen Blogblick.

Ich halte das ganze für einen demokratischen Reflex, den es auszubauen gilt! Ich bin auch der Meinung, man sollte sich nicht auf Blogger beschränken—einmal so ein Netzwerk aufzubauen ist schon ein hartes Stück Arbeit, das will man in 5 Jahren wenn XYZ der neueste Zustand im Web 4.5 ist, nicht aufgeben, weil man sich auf eine zu spezialisierte und zeitkritische Zielgruppe festgelegt hat.

Außerdem besteht für so einen Interessenverband in Deutschland, wie ich finde, eine hervorragende Infrarstruktur. Es ist ja nun nicht so, dass sich die einschlägigen Leute zum Thema nicht kennen oder gar vermeiden würden.

Ganz im Gegenteil: Sogar mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) trifft sich die nationale und internationale Szene jährlich auf der re:publica und anderen, themenbezogenen Konferenzen, die Community hat schon verschiedene Projekte gestemmt, die anderweitig mit Bürgerfreiheiten zu tun haben (Stichwort: Vorratsdatenspeicherung) und es gibt mittlerweile Anküpfungspunkte „zum richtigen Leben“, wie bspw. BarCamps, SocialBars usw., die produktiven Mehrwert für die Community bieten. Wenn man an dieser Stelle dann auch Projekte wie iRights.info u.ä. einbezieht, könnte daraus dann wirklich ein endnutzernahes Informations‑ und Aufklärungsangebot werden, welches zusätzlich die Möglichkeit der Vernetzung bietet. Amnesty arbeitet so ähnlich ja auch schon sehr lange und erfolgreich—und macht im Übrigen die Öffentlichkeitsarbeit über Einzelfälle und individuelle Geschichten. Ein solches Vorgehen ist also nicht ohne Beispiel.

Dennoch folgt(e) auf den ersten Schreck der DB vs. Netzpolitik-Begegnung ein kollektives sich in den digitalen Armen liegen und ein virtuelles Aufatmen, nachdem die Bahn sehr schnell klein bei gegeben hat und die Situation nun entschärft ist.

Was viele nicht in den Blick nehmen, reflektiert Ralf Bendrath sortiert und geordnet auf Netzpolitik: Deutsche Bahn vs. Netzpolitik—Was lernen wir daraus?

Mit dem sehr lesenswerten Artikel wird noch mal präsentiert, in welch vergleichsweise günstiger Position sich Netzpolitik.org bzw. Blogger Markus Beckedahl befunden haben. Die aktuelle Skandalberichterstattung der Medien, die sehr klare Frontenbildung (der saubere Bürgerrechtsaktivist vs. dem bösen Überunternehmen, personifiziert in der immer unsympathischer wahrgenommenen Person des aktuellen DB Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehrdorn  –), der hohe Vernetzungsgrad einerseits, die unsensible nicht abgestimmte und vermutlich unbeabsichtigte Öffentlichkeitswirksamkeit des Schreibens der DB Rechtsabteilung, die kritische Masse einerseits bei gleichzeitig skandalumwitterter Präsenz andererseits – 

Das Zusammentreffen all dieser glücklichen, z.T. hart erarbeiteten Umstände im Unglück und die Unplanbarkeit und das relativ große Überraschungsmoment der Aktion machen den Vorfall nicht zum errungenen Präzedenz‑ sondern eher zum Glücksfall. Wie auch Ralf Bendrath schreibt: 

Ein großes Unternehmen, das nicht gerade einen Skandal an der Backe hat, könnte wesentlich einfacher mit so einer Sache durchkommen als die Bahn in ihrer derzeitigen Situation. Da gibt es kein solches Medieninteresse, da gibt es keine so große Solidarisierung der Blogger, da gibt es keinen politischen Druck. Und ein kleiner Betrieb in einer Kleinstadt, der einen lokalen Blogger abmahnt, hätte andersherum auch nie diese Art von Aufmerksamkeit bekommen.

Die Begegnung zwischen Otto-Normal-Blogger/ –Citizen-Reporter/ –Bürgerjournalist und einer entlarvte Regionalgröße/ –persönlichkeit/– wird mit höchster Wahrscheinlichkeit anders aussehen.

Nachdem wir also alle aufatmen, gilt es gleichzeitig, den „Katastrophenschutz“ in der deutschen Blogosphäre nicht zu vernachlässigen. Oder, wie mein Geologie-Professor immer zu sagen pflegte: Die nächste Katastrophe beginnt mit dem Vergessen der Vergangenen.

In dieser Hinsicht schließe ich mich dem Blogboten Jens Stoewhase an, und spreche mich noch mal emphatischst für die Gründung eines solchen Interessenverbandes aus:

Ich habe das Gefühl, dass sich eine Menge Leute wieder mal gerne hinstellen und sagen „Da muss mal was gemacht werden!“ Wenn es aber darum geht, die bürgerlichen, rechtsstaatlichen Wege und Mittel einzusetzen, dann ist das immer gleich piefig, spießig und so deutsch. Vereins‑ bzw. Verbandsgründungen sind nun mal die sinnvollen und üblichen Wege um eine Lobby für eine Gruppierung oder ein Thema aufzubauen. Diese Art der Interessensvertretung ist eine dringende Grundlage einer bürgerlichen Gesellschaft. In einer Demokratie wie dieser, muss sich die Bürgerschaft selbst um ihre Belange kümmern. Und um einen möglichst großen Effekt dabei zu erzielen, werden Lobby-Organisationen gebraucht. Ich verstehe deshalb nicht, wie man das Gründen einer Verbandes für so falsch halten kann.

Aber zurück zu Roberts Vorschlag: Ich sehe auch, dass es nicht nur um BloggerInnen gehen kann. Im Prinzip geht es um die Bildung einer Lobby für das freie und sichere elektronische Publizieren für alle BürgerInnen in Deutschland.

BloggerInnen-Verband reloaded : Der Blogbote.

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