Das Land der Text­ver­ar­bei­tun­gen kennt viele Völ­ker­stämme, Loya­li­tä­ten, Mino­ri­tä­ten und Anhängerschaften—und doch ist nur einer König.

Nicht nur der Mensch ist ein Gewohn­heits­tier, auch höhere Aggre­ga­ti­ons­for­men mensch­li­chen Han­delns sind anfäl­lig für Über­ho­lung und bevor­zu­gen gewohnte Arbeits­um­ge­bun­gen & Werk­zeuge: Info­world— Report: Com­pa­nies use Word out of habit, not necessity

The report, „Brea­king Up Is Hard to Do: The Micro­soft Word Love Story,“ by ana­lyst Sheri McLeish, sug­gests that busi­nes­ses may still be using Word because it is fami­liar to users or because they have a legacy invest­ment in the app­li­ca­tion, not because it is the best option.

Sheri McLeish, Ana­lys­tin bei For­res­ter, hat einen Report zusam­men­ge­stellt, der zeigt, dass Unter­neh­men die über­teu­er­ten „Dienstleistungen“ & Produkte des M$-Konzerns unter Umstän­den nur des­halb benut­zen, weil sie es schon immer getan haben. Mitt­ler­weile rückt dem gemüt­li­chen Mono­pol aber eine Reihe von online Diens­ten auf die Pelle, die unter güns­ti­ge­ren Kon­di­tio­nen Mehr­werte für die Mit­ar­bei­te­rIn­nen und Nut­ze­rIn­nen bieten.

Ins­be­son­dere nach der anre­gen­den Dis­kus­sion bei Apfel­quak letzte Woche, und im Anschluss an zwei Arti­kel aus dem letz­ten Jahr1, scheint mir diese Situa­tion eine sehr wahr­schein­li­che in Bezug auf die Stan­dard­soft­ware zu sein.2 Kennt man sich halt selbst nicht aus, wird einem die 0815-Softwaremischung vor­ge­setzt: An Uni-Rechnern, im Rechen­zen­trum, am Arbeits­platz. Ich frage mich, wie lange die­ser Vor­sprung der Weni­gen noch anhält—dass die Mono­po­lis­ten in die­sem Bereich nicht immer die fle­xi­bels­ten sein müs­sen und so mit Inno­va­tio­nen teil­weise auf sich war­ten las­sen, ist ja bekannt. 

Aller­dings finde ich immer noch bemer­kens­wert, dass freie Soft­ware­pro­jekte oder Pro­jekte, die sich im All­ge­mei­nen als Alternativen/Konkurrenten zu Soft­ware XY verstehen/vermarkten, dann häu­fig allzu schnell in die Mimikry-Falle tap­pen. So ver­mei­det es das OpenOffice.org-Projekt bis heute, eigene und neue Wege bspw. in der Nut­zer­füh­rung, im Human Inter­face Design usw. zu gehen, die merk­lich vom Vor­bild MS Office abwei­chen. Man will durch den ober­fläch­lich nied­rig­schwel­lig gehal­te­nen Ähnlich­keits­ef­fekt zum Wech­sel über­zeu­gen. („Huch, das sieht ja genauso aus wie mein Wörd.“) Ich kann mich an die Zeit der Ein­füh­rung des „neuen“ MS Office erin­nern, wel­ches mit kom­plett neuer Menü­struk­tur daher kam. OO.o hat damals (ich weiß nicht mehr, ob indi­rekt oder ganz kon­kret) damit gewor­ben, dass der Umstieg auf OO.o von einer älte­ren MS Office-Version wegen der ähnli­chen Menüs etc. weni­ger pro­ble­ma­tisch sei, als der Ver­si­ons­sprung inner­halb der MS Office-Produktreihe.

Klei­nere Projekte—im Text­ver­ar­bei­tungs­be­reich für den Mac seien mal Mel­lel, Papy­rus Office und Nisus Wri­ter (Pro) genannt—schaffen es da eher, sich durch beson­dere Leis­tun­gen (ökono­misch kor­rekt wohl als Allein­stel­lungs­merk­male bezeich­net) und inno­va­tive Benut­zer­füh­rung als selbst­be­wusste Alter­na­ti­ven zu ver­ste­hen und auch zu präsentieren.

Fazit?!

Ich zitiere mich mal selbst aus den o.g. Apfelquak-Kommentaren: #1

Ich merke das immer wie­der hier im Tuto­rium: Nach 4–5 jäh­ri­gem Stu­den­ten­da­sein (und Word Miss­brauch?!) kön­nen viele immer noch nicht For­mat­vor­la­gen benut­zen oder auto­ma­tisch ein Ver­zeich­nis ein­fü­gen und aktua­li­sie­ren lassen.

Die Leute gehen schein­bar an Text­ver­ar­bei­tungs­auf­ga­ben heran, als müsste der Umgang damit mit der Mut­ter­milch auf­ge­nom­men wor­den sein. Ist er aber nicht. Daher muss ich pepe & ande­ren Handbuch-EmpfehlerInnen in einem Punkt auf jeden Fall recht geben: Man muss — egal wel­che — Text­ver­ar­bei­tungs­soft­ware ken­nen und bedie­nen ler­nen; das erle­digt sich nicht intui­tiv über die GUI und beim Kli­cken. Das soll jetzt nur nicht als Argu­ment für schlechte Interface-Gestaltung miss­ver­stan­den wer­den (die schon bei ein­fa­chen Sach­ver­hal­ten offen­bar selbst­ver­ständ­lich ist –—ein Bei­spiel hatte neu­lich der Lin­gu­ist Geoff Pul­lum im Lan­gua­ge­Log gepos­tet.)

#2

Ich hab da so meine ganz per­sön­li­che (unge­tes­tete) Theo­rie vom Mogelpackungs-Phänomen: Die Leute sehen die Ober­flä­che, kli­cken ein biss­chen auf den But­tons herum und spie­len mit den Schie­be­reg­lern, Drop&Downs, sehen sofort ein Ergeb­nis. Alles ganz easy und sim­ple. Und vor allem (zumin­dest wird es gepre­digt): WYSIWYG. Dann erfolgt der fatale Fehl­schluss: OK, so ein­fach (und unsys­te­ma­tisch) kann das also so und soaus­se­hen und die­ser „Lern­ef­fekt“ wird dann auf kom­ple­xere Pro­jekte 1 : 1 übertragen.

So wer­den dann die „Tricks und Kniffe“ gelernt, damit alles so aus­sieht als ob – im Hin­ter­grund legt man aber das Fun­da­ment für kor­rupte Dateien, nicht vor­han­dene Struk­tur etc. pp., das Rezept zum Desas­ter im CopyShop.

Würde die Ein­stiegs­hürde bei sol­chen Pro­gram­men mit ver­meint­lich „intui­ti­ver Ober­flä­che“ erst­mal als sol­che wahr­ge­nom­men, käme (so meine milde Hoff­nung) auch die Erkennt­nis sich erst­mal mit der Sache zu beschäf­ti­gen. Aber im Wer­be­film­chen setzt sich auch der leicht ange­graute Senior vor den PC und klickt ganz schnell die Geburts­tags­ein­la­dung fürs Enkel­kind zusam­men. Diese Bot­schaft, dass jedeR ganz ein­fach sofort los­le­gen kann, mag für den infor­mel­len Bereich ganz gang­bar sein. Wenn man aber Leute mit ihrer kaput­ten Diplom­ar­beit vor sich sit­zen hat, die es (noch) nicht bes­ser wis­sen, dann ist die Mes­sage mei­ner beschei­de­nen Ansicht nach eine falsche.

Daher bin ich per­sön­lich auch eher für die Tren­nung von „Werkzeugen“—mit Pages & Co. den Aus­hang und die bunte Ein­la­dung zwi­schen­durch, die Text­pro­fis für auf­wän­di­gere Aufgaben.

Aller­dings bin ich mir auch voll dar­über im Kla­ren, dass das ein gewis­ses Maß an Com­pu­terskills vor­aus­setzt, das halt nicht jedem/r gege­ben ist und viele wol­len sich das auch ein­fach nicht aneig­nen (müs­sen) und wursch­teln sich auch wider bes­se­res Wis­sen durch. Eine Ein­stel­lung, die man nicht tei­len aber zumin­dest hin­neh­men muss (wenn man in sol­chen gemisch­ten Umge­bun­gen arbeitet).

Die Kom­men­tare bezo­gen sich in die­sem Fall zwar auf den kon­kre­ten Ein­satz der Soft­ware im aka­de­mi­schen Bereich, aller­dings sehe ich da keine beson­ders ande­ren Aus­wahl­me­cha­nis­men am Werk (im Ver­gleich zu Pri­vat­haus­hal­ten, Unter­neh­men etc.). In jedem Fall steht ja die Bedürf­nis­ana­lyse vor der Ent­schei­dung für ein System—wenn man sich denn dazu ent­schlos­sen hat, sich bewusst zu entscheiden.

Die Infor­ma­tio­nen schwir­ren also im Netz herum, aber viele kom­men ein­fach nicht auf die Idee, nach einer Alter­na­tive zu suchen, son­dern quä­len sich wei­ter mit inad­äqua­ter Soft­ware herum. (Das ist kein Textverarbeitungs‑ son­dern ein all­ge­mei­nes Pro­blem.) Um sich in der libe­ra­len Netz­welt u.a. über Alter­na­ti­ven zur Stan­dard­soft­ware­aus­stat­tung zu infor­mie­ren, muss man an Infor­ma­tio­nen a) inter­es­siert sein und b) sich infor­mie­ren wol­len.

Das in letz­ter Zeit immer wie­der zur Abwehr von Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen genutzte Stich­wort der Eigen­in­itia­tive trifft hier aus­nahms­weise mal zu: Nur ich selbst kann meine Bedürf­nisse ein­schät­zen, nur ich selbst kenne mei­nen Arbeits­stil genau genug, um abschät­zen zu kön­nen, wel­che Werk­zeuge zu mir, mei­nem Work­flow und mei­nen Anfor­de­run­gen pas­sen. Ich muss über den Tel­ler­rand des default 2.0 gucken & Alter­na­ti­ven ken­nen ler­nen wol­len, um da etwas zu bewegen.

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  1. Wenn der PC wie eine Schreib­ma­schine genutzt wird –, Erst­se­mes­ter & MacU­ser: Text­ver­ar­bei­tung im Griff: Etwas mehr als 10 Gebote
  2. Meine per­sön­li­che Erfah­rung mit Stu­die­ren­den der Geistes‑ und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, sowie die erschre­cken­den Zustände, der mir zur Kor­rek­tur vor­ge­leg­ten Stu­di­en­ar­bei­ten, lässt nur Schlim­me­res ver­mu­ten.

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