Die Ursache für den greifbaren Engpass hat Wowereit mit einer beispiellosen Absenkung der Lehrergehälter selbst geliefert: Jungen Akademikern, die Familien gründen oder auch nur schöne Wohnungen beziehen wollen, reicht es eben nicht, 1500 Euro netto zu haben.
Das ist ja mal wieder ein höchst qualifizierter Beitrag in Richtung Bildungspolitik. Dass Bildungspolitik innenpolitische Entwicklungspolitik ist, scheint wieder vergessen—Personalkosten sind im Konjunkturpaket halt nicht wirtschaftsnah und konjunkturankurbelnd unter zu bringen.
Da kann man dann auch mal fordern, noch weniger in die Bildung zu investieren. Denn Lehrer werden ja nur Leute, die gern „mit Kindern arbeiten“. Wenn sie es sowieso von sich aus gern haben, muss man sie ja nicht dafür bezahlen, dass sie die nächsten Generation fit für die Gesellschaft machen. So bezahlt man die “Kinderaufbewahrer“ für die frühen Jahrenam schlechtesten, sodass was bis zur Schule schief gelaufen ist, auch von unterbezahlten PädagogInnen im Schuldienst nicht mehr gerettet werden kann.
Und weil dem so ist, macht man die Klassen nocht größer und stellt weniger LehrerInnen ein—das Kind ist ja eh schon in den Brunnen gefallen. Und diejenigen, die es dann trotz aller Widrigkeiten bis an die Uni schaffen, denen muss auch nicht mehr geholfen werden. Von den jungen Menschen, die sich für eine Karriere in Forschung & Lehre entscheiden, will ich gar nicht erst reden: Arbeitsbedingungen: Nachwuchswissenschaftler kämpfen mit Unsicherheit—ZEIT ONLINE
Mehr als 75 Prozent der Nachwuchswissenschaftler sind befristet beschäftigt, meistens für ein bis zwei Jahre. Seit Jahren steigt ihre Zahl rasant, die der Stellen aber nur sehr langsam. Besonders betroffen sind die Geistes‑ und Sozialwissenschaften. „Die Wissenschaftler werden hier meistens für eine halbe Stelle bezahlt und arbeiten de facto 40 bis 60 Stunden in der Woche“, sagt Neis.
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Wissenschaftler in Deutschland sein heißt demnach: Bis Mitte 40 ist unklar, ob man eine der begehrten Professorenstellen ergattern und damit langfristig in der Wissenschaft bleiben kann. Bei der momentanen Anzahl an Lehrstühlen bietet sich die Perspektive nur jedem dritten Forscher.
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Möglichst gut lehren, möglichst exzellent forschen, möglichst international veröffentlichen, Organisations‑ und Verwaltungsaufgaben übernehmen und – quasi nebenher – promovieren oder habilitieren, so sieht der Alltag vieler junger Wissenschaftler aus.
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„Die Mitarbeiter im Mittelbau werden strategisch ausgenutzt. Anders würde bei der momentanen finanziellen Ausstattung das gesamte System zusammenbrechen.“
Der Bau von Gebäuden (z.B. für die Unterbringung zukünftiger Straftäter) ist dem öffentlichen Wesen auch viel besser zu vermitteln, als eine gerechte Entlohnung von LeistungsträgerInnen.
%#$§ WTF?!
Wenn so eine Diskussion von unseren RepräsentantInnen losgetreten wird, kann ich die Eltern nachvollziehen, die mit ihren Alternativ‑ und Privatschulgründungen momentan die Presse zum Thema „neue Bürgerlichkeit“ beschäftigen.
Von anderer Seite sind dann nämlich auch die PädagogInnen in Ausbildung selbst betroffen: Lehrer werden ist nicht schwer? & Lehrerausbildung: »Das Problem ist der Beruf, nicht das Studium«
ZEIT: Können Eltern eigentlich sicher sein, dass nur die fähigen Lehrer an die Schulen kommen?
Terhart: Der Staat muss darüber wachen, dass unfähiges Personal gar nicht erst in den Schuldienst kommt. Denn Familien und Kinder können der Schule nicht ausweichen; deshalb gibt es die Pflicht für Unis, Studienseminare und Prüfungsämter, diesen Studierenden den Zugang zur Schule zu verwehren. Das Referendariat bietet die letzte Möglichkeit, ungeeignete Kandidaten zu erkennen.
Verfasst am 4. Februar 2009.
Nachtrag, 18. Februar 2009: Der Berliner Senat hat sich nun doch durchgerungen, die LehrererInnen besser zu entlohnen—wohl im Angesicht der massiv und mit Breitenwirkung selbstbewusst auftretenden Abwerbebundesländer Hessen & Baden-Württemberg. In ganz Berlin sind mittlerweile Plakatwände mit entsprechenden Werbepostern tapeziert, die die Junglehrer mit braven SchülerInnen weglocken wollen: Ist die Gehaltserhöhung für Lehrer gerechtfertigt?
Das Land Berlin zahlt angestellten Junglehrern künftig mehr Gehalt, um ihre Abwanderung in andere Bundesländer zu stoppen. Sie erhalten bis zu 1200 Euro brutto mehr im Monat, das sind etwa 46 Prozent mehr als bisher. Das beschloss der Berliner Senat am Dienstag und reagierte damit auf den Wegzug vieler Lehrer in andere Bundesländer, die höhere Einstiegsgehälter zahlen. Zusätzlich werden 300 Referendarplätze zu den derzeit 1900 Stellen eingerichtet. Auch die Zahl der Lehramtsstudenten wird von 850 auf 1000 in einem Jahrgang erhöht.
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Noch größer sind die Gehaltsunterschiede im Vergleich zu den anderen Bundesländern. Baden-Württemberg startete gerade eine große Abwerbekampagne: Dort bekommen die Lehrer neben dem Beamtenstatus auch noch bis zu 600 Euro mehr als Berlin nach der jetzigen Gehaltszulage zahlen wird. Zudem muss man im ersten Jahr weniger arbeiten. Hamburg zahlt ebenfalls mehr und hilft Neuankömmlingen sogar bei der Wohnungssuche.
Die bildungspolitischen Experten der Opposition kritisierten, dass der Senat zu spät handelt.
Während sich andernorts Eltern um das beste britische Internat für den Nachwuchs sorgen, werden im Bereich der Frühförderung und Grundschulbildung Chancen verschenkt: Frühförderung: Deutsch im Kindergarten wirkt nicht—ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE: Herr Schöler, Sie haben in Ihrer Studie herausgefunden, dass es keinen Unterschied macht, ob Kinder mit Sprachproblemen Deutschunterricht erhalten oder einfach nur einen Kindergarten besuchen, ohne speziell gefördert zu werden. War der Unterricht so schlecht?
Hermann Schöler: Das liegt nicht unbedingt an den Programmen. Wir haben etwa 500 Kinder über drei Jahre in Baden-Württemberg beobachtet. Die, die Unterricht erhalten, durchlaufen ähnliche Programme. Es handelt sich um einen altersgerechten Unterricht in spielerischer Form. Vier bis fünf Mal die Woche wird eine halbe Stunde unterrichtet, insgesamt sind 120 Stunden pro Kind vorgesehen. Aber die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Ich sage immer: Sprechen lernt man durch Sprechen. Die Gruppen müssen klein sein. Die Kinder kommen in der Lerngruppe mit sechs bis acht Kindern manchmal weniger zum Reden, als wenn sie im normalen Kindergartenalltag spielen und mit den Erzieherinnen sprechen.
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Schöler: Man muss die Kompetenz der pädagogischen Fachkräfte stärken. Wir machen in Heidelberg gerade eine Fortbildungskampagne: Alle Erzieherinnen erhalten vier Tage im Jahr Fortbildungen. Aber das reicht natürlich nicht. Die Ausbildung der Erzieher müsste mindestens auf Bachelor-Niveau sein, und nach dem Abschluss müssen die Pädagogen entsprechend bezahlt werden.
ZEIT ONLINE: Was ist der Vorteil von studierten Erziehern?
Schöler: Wir haben im Kindergarten die komplexeste Situation im gesamten Bildungsbereich, und eine der wichtigsten überhaupt. Hier können die Pädagogen viel dazu beitragen, wie sich Bildungskarrieren entwickeln. Schon allein dadurch, dass ich in der Ausbildung mit 16‑ und 17-jährigen Realschülern starte, habe ich eine andere Situation, als wenn ich mit Erwachsenen arbeite. Wenn ich beispielsweise Freud mit 16 lese, lese ich ihn ganz anders als mit 21.
Wir brauchen im Kindergarten Problemlöser, reflektierende Persönlichkeiten. Denn die Verantwortlichen haben es mit keiner homogenen Gruppe zu tun und können deshalb nicht einfach fertige Konzepte anwenden. Sie müssen mit miserablen Bedingungen umgehen können. Auch die Sprachförderung könnte so besser integriert werden.
Das alles, obwohl die Bedingungen für gutes Lernen eigentlich bekannt sind: „Lernen braucht Eigenzeit“.
Da zeigt sich wieder, dass die Schule bzw. beliebige Bildungseinrichtungen nicht ohne fokussierte Anstrengungen ausgleichen können, was im Elternhaus fehlt. Dass man an dieser Stelle nicht mit fragmentarischen Experimenten und Konzeptansätzen weiter kommt, sondern ein funktionierendes Ineinandergreifen verschiedener Angebote benötigt, ist jeder/jedem Pädagogen/In klar.
Andererseits gibt es auch positive Beispiele aus anderen Ländern. In einem der unterprivilegiertesten Stadtteile New Yorks, in Harlem, wo seit Generationen die Armutsspirale das Leben vieler Familien bestimmt, hat es sich ein Mann namens Geoffrey Canada zur Aufgabe gemacht, mit einem generationenübergreifenden Bildungsprojekt das Leben von tausenden von Kindern zu ändern: The Harlem Children’s Zone begleitet arme Familien von der Geburt der Kinder bis hin zum College-Abschluss, so das ambitionierte Ziel der PädagogInnen. Ein inspirierendes Projekt voller Zuversicht, welches im September in der Radio-Sendung von Ira Glass, This American Life, in der Episode „Going Big“ vorgestellt wurde. Der „Whatever It Takes“-Ansatz von Geoffrey Canada und seinen Kollegen wird außerdem in einem aktuellen Buch von Paul Tough vorgestellt.
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