Wie wir alle wissen, müsste ich jetzt an meiner MA Thesis schreiben, daher halte ich mich so kurz wie möglich, aber nicht kürzer: Es kocht gerade (mal wieder) die – in den USA fast schon gefühlt alte – Diskussion zum Thema Journalismus, paid content, User Generated Content und die Print vs. online-Debatte hoch.

Dazu muss ich mal meine paar Gedanken loswerden, zusammen mit einigen in den letzten Wochen erschienenen, lesenswertesten Artikeln und Kommentaren.

Nur mal zur Klarstellung: Es wird selten dazu gesagt, aber…
Erinnern wir uns, …

  • dass wir schonmal häufig paid Content-Konzept-Versuche hatten, die an mangelndem Zuspruch gescheitert sind. Ich erinnere an die kostenpflichtigen Archive und älteren Meldungen bei der NY Times und bei Spiegel online, um nur zwei zu nennen. Die FAZ hat immer noch spannende Dossiers etc., die nicht (mehr) brandaktuell sind hinter Bezahl-Schloss & -Riegel.
  • wie iTunes die Musikgeschäfte revolutioniert hat – indem Einzelstücke und Musikpakete gekauft werden konnten UND indem das ganze in der Masse einem adäquaten Preismodell unterlag, dass am Ende zu MEHR Käufen geführt hat.
  • dass die Druckpresse auf Gutenberg zurück geht und die Informationstechnologie zur Verbreitung von Inhalten mittlerweile über 560 Jahre alt ist. IMHO darf man da jetzt schon laut über Neuerungen nachdenken…
  • dass die Verbreitung von Informationen und gedruckten (journalistischen) Inhalten heute im Wesentlichen dem Stand von vor 200 Jahren entspricht. Ja, alles ist schneller und globalisierter und Echtzeit und Abo-Hotlines und überhaupt…

ABER: Die Printmedien haben es lange, lange, lange Zeit bei üppigsten Profitraten verschlafen – und wollen es jetzt nicht wahr haben –, dass ihr Produkt dem technischen und kulturellen Wandel unterliegt und damit nicht für immer das non-plus-ultra Medium sein kann.

Video killed the radio star…, internet kills TV…

Durch bisher jede massenmediale Neuerung wurden die älteren Medienformen und –formate „herunter geschrumpft“, auf einen post-Hype-post-No.1-Platz verwiesen, wo sich die Sache dann stabilisiert hat. Aus Sicht der abgelösten Eliten ist das immer Kannibalisieren. Alles nix Neues.1

Weil aber die Verlage, die Journalisten und die einzelnen großen Tagesmedien bisher im politischen wie gesellschaftlichen Betrieb eine Deutungshoheit inne hatten, die sie zumindest in eigener Wahrnehmung zur vierten Macht im Staate erhob, gibt es jetzt Grabenkämpfe unter denen, die die Macht nicht teilen mögen, den Abstieg nicht wahrhaben wollen und deren Verweis auf die Ränge der gewöhnlich-sterblichen Medien dem institutionalisierten Ego schadet. Die Situation stellt sich für mich ähnlich dar, wie die Konfrontation der Generation C64 vs. Politiker 0.0.

Einen äußerst selbstkritischen, sehr pointierten und auch optimistischen Artikel zur „Medienkrise“ gibt es gerade auf SPON von Jürgen Neffe: Ein Text für den Preis einer Kippe

Herr Neffe schreibt ganz richtig vom „Web-Bashing“ (wir wissen, was gemeint ist…) und diagnostiziert sehr sympathisch die von der Diskussion zu den Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Printmedien überdeckten, eigentlichen Probleme einer Branche im Strukturwandel:

Der aufgewirbelte Staub, verdichtet durch die Wirtschaftskrise, verschleiert ihnen allerdings bisweilen den Blick aufs eigene Spiegelbild: Die Branche steckt unabhängig vom Zustand der Weltwirtschaft in ihrer eigenen tiefen Strukturkrise. Durch den Abschwung hat sie sich nur verschärft. Dabei droht nicht der Journalismus unterzugehen, sondern „nur“ sein Medium, bedrucktes Papier, von Widersachern ohnehin längst als Holzweg verhöhnt. Das Internet bedroht die Zeitung auch nicht vornehmlich durch rechtswidrige Machenschaften, sondern im Rahmen des Rechts durch völlig neue Formen des Publizierens, denen die Zukunft gehört.

Außerdem sieht er die Rettung der Medien in einem Public Broadcasting-Presse-Unterstützungssystem:

Anders als sonstige Konsumgüter stehen Presseerzeugnisse aber unter dem Schutz unserer Verfassung. Wenn also irgendwo der Staat als Retter gefragt ist, dann hier. Um eines der ältesten und stabilsten Standbeine der Demokratie zu stützen, werden wir auf kurz oder lang über Formen öffentlich-rechtlicher Presse sprechen müssen – bei der sich die Politik allerdings nicht so einmischen dürfte wie bei Radio und Fernsehen. Der Zeitpunkt war nie günstiger als jetzt, da aus Printmedien Textmedien werden, die im multimedialen Konzert der elektronischen Medien ihren Platz suchen.

[Quelle: Wenn irgendwo der Staat als Retter gefragt ist, dann hier]

Das Problem, welches ich mit der „Kulturflatrate“ oder wie auch immer man es nennen möchte, sehe, ist – neben einem Bündel anderer Probleme – die Konservierung von Informationen.

Die Öffentlich-Rechtlichen haben in Sachen Nachrichten im Netz m.E. ihre Hausaufgaben so gründlich gemacht, wie man das von ihnen und ihrer Zielgruppe im besten Sinne erwarten kann. Sie bieten seriöse und integrierte Nachrichten auch online an, dabei gibt es nicht selten Redaktionsblogs wie bspw. das der Tagesschau, dass auch einige Einblicke hinter die Journalismuskulisse erlaubt. Jetzt kommt allerdings mit dem Rundfunkstaatsvertrag ein echtes Problem für die öffentlich-rechtlichen Netzinhalte auf uns zu, denn die werden jetzt netzfeindlichst reguliert2: Alexander Stock, 46, Unternehmenssprecher des ZDF, gab in einem Interview der taz Auskunft: Netzangebot der Öffentlich-Rechtlichen: „Guido Knopp bleibt“

Den Verlegern waren immer zu viele Rezepte aus ZDF-Kochshows im Netz. Nun trifft die Löscherei aber auch Auslandsreportagen und politische Dossiers. Ist das sinnvoll?
Die Frage nach der Sinnhaftigkeit müssen Sie anderen stellen, dass ist nicht unsere Idee gewesen. Es werden viele interessante Angebote aus dem Netz verschwinden. Eine der Grundregeln des Netzes – die langfristige Recherchierbarkeit von Inhalten – können wir nicht mehr bieten. Da wird aber nichts weggeschmissen, wir archivieren das natürlich.

[…]

Hand aufs Herz: Ist das wirklich so schlimm? Im Internet wird doch sowieso alles kopiert, da geht nichts verloren.

Das ist nicht unsere Perspektive: Wir wollen unsere Inhalte unter der Marke ZDF präsentieren. Und es wird ja längst nicht alles kopiert: Dass man im Netz Schnipsel aus unserem Programm findet, bereitet uns keine schlaflosen Nächte.

Neffe nennt außerdem eine Reihe von längst überfälligen, technisch bereits ohne Probleme machbaren und flexiblen Lösungen, die die Zukunft der journalistischen Medien Generation Web 2.0-kompatibler gestalten könnten, wenn, ja wenn die Verlage endlich begreifen würden, dass es nur mit den und nicht gegen die LeserInnen geht.

Eine hochspannende Angelegenheit, die auch im ZEIT-Artikel von Eva Schweitzer diskutiert wird. Allerdings dort in wenig visionärer, dystopisch‑deutscher Jammer Schwarzseher-Manier: Medien – Und, wer bezahlt Journalismus?

Schweitzer erliegt in ihrem Nachruf auf den Recherchejournalismus der Wirtschaftskrisen-Illusion, die Neffe in seinem Beitrag in den ersten Absätzen aus dem Blick räumt:

Im Internet funktioniert das nicht mehr. Wer lesen will, wie viel Geld Lobbyisten von AIG an den Kongress gegeben haben, klickt noch lange nicht auf die Fotostrecke mit Paris Hilton. Das ist der Kern der Krise.

Die Zukunft der Finanzierbarkeit des investigativen Journalismus erfährt Frau Schweitzer auch bemerkenswert negativ, wobei sie die Medienlandschaft und kritische Berichterstattung durch Heuschrecken ohne Herzblut bedroht sieht:

Inzwischen hat Murdoch das Wall Street Journal gekauft. Dessen Wendi-Geschichte findet man nur noch auf einem semilegalen chinesischen Server. Leser sagen, sie würden für gründlich recherchierte Geschichten gern etwas bezahlen. Liebe Leser: Wenn es möglich wäre, mit Recherchen im Internet Geld zu verdienen, täte es längst jemand. Aber angeklickt wird im Internet vor allem sex and crime.

Das apokalyptische Fazit lautet:

Was geschieht, wenn sich Recherche nicht mehr lohnt? Ganz einfach: Teure Artikel stehen nicht mehr in der Zeitung.

Ich will jetzt nicht sagen, dass Schweitzers Einschätzungen nicht der Realität entsprächen. Man kann aber die Einschränkung machen, dass nicht eben eine ausgewogene Sicht der Dinge dargestellt wird. Dass die Medien und Verlagshäuser nämlich selbst in der Pflicht stehen, sich zu modernisieren, Produkte zu kreieren, die den heutigen Konsumenten ansprechen… Das alles wird selten diskutiert. Apropos Diskussion: Frau Schweitzer stellt sich im Gegensatz zu vielen KollegInnen den kommunikativen Massen – die Kommentare zu ihrem Beitrag sind lesenswert!

Was steht bspw. einem Zeitungs‑ und Printmedienzugang a la iTunes entgegen? Technisch wäre das sicher längst machbar. Eine Oberfläche – tausende Abo‑ und Abrufmöglichkeiten. Wenn man mal in so einem Rahmen denkt, da kommt man auf die tollsten Produktideen.

Zum Thema Finanzierung des Journalismus und Umsetzung von ehemaligen Printinhalten in den Domänen des WorldWideWeb las ich gestern einen großartigen Beitrag von Thomas Knüwer, der die Sache in Google Wave-Perspektiven rückt und auch die Linearität/Chronologie des Textes problematisiert, mit der die meisten online Präsenzen traditioneller Printmedien versuchen, ihre Printinhalte online zu „stellen“/re-publizieren – mehr geschieht ja oft nicht: Indiskretion Ehrensache –  Produktjournalismus vs. Prozessjournalismus

Zwischen Produktjournalismus und einer globalalisierten und immer schneller drehenden Nachrichtenwelt besteht ein Konflikt. Bisher hat ihn noch niemand wirklich auflösen können.

Eine spannende Diskussion, die auch die Frage nach unserem veränderten Schreib‑ und Leseverhalten im digitalen Zeitalter aufwirft. Dazu hat sich vor Kurzem Philip Greenspun in einem Essay geäußert: How the Web and the Weblog have changed Writing

Das KoopTech-Blog hat vielfältigste Berichte und Einschätzungen zum Thema – u.a. aber einige fundierte Informationen zum Thema Kulturflatrate: Schweden, Großbritannien, Polen: Auf dem Weg zur Kulturflatrate?

Im Interview mit den Blogpiloten schildert Christine Schulzki-Haddouti dann auch ihre Perspektive auf den Medienwandel – eine Stimme, die verfolgt gehört, denn sie ist als online Journalistin nicht nur Insider und Betroffene, sondern hat zum Thema auch geforscht: Blogpiloten – Interview: Ich vermisse das Nachhaken im Journalismus

Bei welchen wichtigen gesellschaftlichen Themen im Zusammenhang mit medialen Veränderungen versagt der Journalismus aktuell?

Hier gibt es unterschiedliche Ebenen – zum einen die thematische, zum anderen die methodisch-praktische. Bei den Themen vermisse ich das Nachhaken. Vieles wird nur vermeldet, aber man bleibt dann nicht mehr wirklich am Ball. Entsprechend gefallen mir natürlich Formate wie “Was macht eigentlich xy?” oder “Nachgehakt”. Ich vermisse auch im politischen Raum eine Vorfeldberichterstattung. Oft habe ich schon gehört, dass man das Thema erst machen möchte, “wenn es aktuell ist” bzw. wenn die Entscheidung kurz bevorsteht. Aber dann ist der Entscheidungsprozess ja schon so gut wie abgeschlossen. Die Medien können so nicht wirklich einen öffentlichen Diskurs gestalten.
Was den Umgang mit digitalen Medien anbelangt, finde ich manches Verhalten in sozialen Netzwerken verantwortungslos. Wenn hier nach Katastrophen wie etwa dem Amoklauf von Winnenden die Bilder von minderjährigen Opfern einfach verwendet werden, ist das eine Art von digitalem Witwenschütteln, die nicht mehr akzeptabel ist.

Ich bin überzeugt davon, dass die neuen Technologien den Journalismus reformieren ist ein böses Wort, sagen wir: erneuern könnten. Auch bin ich der Meinung, dass Blogger weder Recherchejournalismus ersetzen wollen, noch dass es jemals soweit kommen wird. Es geht hier um komplementäre Ansätze, Bereicherungen einer demokratischen Diskussionskultur – nicht um einen Kulturkampf, bei dem es um die Vernichtung einer Darstellungs‑ und Schreibform geht. Blogosphäre und journalistische Berichterstattung sind interdependent aufeinander bezogen ‹/den Luhmann abschalt‘›

So viel erst mal dazu. Evtl. später mehr. Zurück zur Masterarbeit…

Nachtrag, 10.06.2009: Der Herr Niggemeier hat da mal was zu Thema vorbereitet: Geht sterben (7)

Nachtrag, 11.06.2009: Der noch vor wenigen Tagen als Vorreiter der Journalismusapokalypse von Frau Schweitzer gefürchtete Medienmogul Rupert Murdoch hat sich zu Wort gemeldet. Die taz berichtet, halb zitierend, halb einschätzend von Plänen zur weitgehenden Auspreisung von journalistischen online-Inhalten unter Murdochs Regime: Zukunft der Medien: Murdoch prophezeit Tod der Zeitung – taz.de.

„Die digitale Welt wird Zeitungen verändern“, sagt Murdoch, 78, weiter, „aber wenn man eine Zeitung mit einem guten Namen und einem guten Ruf hat, eine Marke, der die Menschen vertrauen, brauchen sie auch weiterhin Zugang zu deren Journalismus, zu deren Informationen und Quellen.“

[…]

Die Nutzer seien durchaus bereit, für Onlineinhalte zu bezahlen, wie man am Beispiel der Musik sehen könne, heißt es bei der News Corp. Da ist etwas dran: Die meisten Zeitungsverleger beklagen, dass die Menschen im Internet nicht für Informationen bezahlen wollten – ohne dass jemals ernsthaft versucht wurde, sie wirklich bezahlen zu lassen.

Dabei hängt Steffen Grimberg auch Gesprächsfetzen aus dem an anderer Stelle diskutierten Interview der FR mit Jakob Augstein an.

_________________________

  1. Für Autoren und Verleger von Literatur im Buchformat sieht es im Übrigen nicht besser aus – dir Herausforderungen sind skalierbar: Bruce Sterlin – Eighteen Challenges in Contemporary Literature
  2. Die Wettbewerbs‑ & Urheberrechtsproblematik und den ganzen anderen Rattenschwanz, lasse ich hier mal raus – die käme aber mit der Kulturflatrate noch ganz anders auf uns zu.

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Danke für diesen Artikel! Eine solche Zusammenfassung dieses Themas, die auch die Chancen im Blick behält sucht man zur Zeit im Rest des Netzes vergeblich. Andere schauen nur auf den Aspekt des „Kulturkampfes“. Dass es auch schon gute Vorschläge zur Zukunft des Journalismus gibt, geht meist in der Feindseligkeit der Diskussion, die zwar von den Printmedien ausgeht, aber von Bloggern fröhlich weitergetragen wird, unter.
Dieser Artikel bestätigt nebenbei auch meine Vermutung, dass Blogger dann am kreativsten sind, wenn sie eigentlich etwas anderes zu tun haben. Viel Erfolg weiterhin bei deiner MA-Arbeit!

Hi Knut – Dankä. :)

Ja, die thematische Alternative lautet für mich gerade „Vergewaltigung im Völkerstrafrecht“ *hust* – ick sach mal so: Im Themenvergleich erscheinen die Probleme der vierten Macht wie der reinste Kindergarten.

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