OK, die Frist der MA The­sis rückt näher aber die Blo­go­sphäre mag komi­scher­weise nicht auf meine per­sön­li­chen Dead­lines Rück­sicht nehmen.

‹Traum eini­ger Poli­ti­ke­rIn­nen an>Da muss man sich doch über­le­gen, ob es nicht viel­leicht bes­ser wäre und die Bür­ge­rIn­nen schüt­zen würde, wenn man da so einen Knopf hätte und das Inter­netz ein­fach so aus­schal­ten könnte. Bei Bedarf. Cyber­Com­man­der in Chief mäßig oder so.</Traum eini­ger Poli­ti­ke­rIn­nen aus›

Zum Ernst der Sache zurück: Der Schock­wel­len­rei­ter ver­wies auf inter­es­sante Defi­ni­tio­nen und es gibt neue Mel­dun­gen zur Qua­li­täts­jour­na­lis­mus­de­batte, die ver­brei­tet gehören.

Dar­un­ter u.a. ein eini­ger­ma­ßen vor­bild­li­ches Inter­view mit dem Spröss­ling von Herrn Augs­tein, sen., der sich um den Frei­tag küm­mert und die­sen gerade augen­freund­lichst (man muss es dazu sagen, es ist nicht selbst­ver­ständ­lich!) und mit pflicht­be­wuss­tem Beta-Batch ins Web 2.0 beför­dert hat – und direkt für einen Grimme Online Award nomi­niert wurde: der Frei­tag online.

Jeden­falls gibt der Herr Jakob Augs­tein im FR Inter­view sym­pa­tischst Aus­kunft zum Medi­en­wan­del (die Mitte ist die größte Ziel­gruppe, daher haben wir wenig Über­ra­schen­des in der aktu­el­len Land­schaft tra­di­tio­nel­ler Medien) und zum Sie­ges­zug der digi­ta­len Informationsverbreitung:

Ist online die neue Tageszeitung?

Ja, abso­lut. Dass hier das Netz im Prin­zip gewon­nen hat, steht für mich außer Frage. Die Tages­zei­tun­gen machen mei­ner Mei­nung nach jetzt schon kei­nen Sinn mehr, weil auf den ers­ten zwei, drei Sei­ten nur Nach­rich­ten ste­hen – das ist völ­li­ger Schwach­sinn! Ich kenne auch nie­man­den, der das in Wahr­heit für klug hält. Doch die Leute, die das machen, kön­nen sich offen­bar nicht davon lösen. Weil sie auch kein ande­res Kon­zept haben. […]

Da macht mal ein Insi­der die rich­tige Dia­gnose. Sehr anspre­chend auch, dass er direkt in den ers­ten Sät­zen ein­räumt, dass der Ein­stieg ins Web für die Print­zunft ein Lern‑ und Aus­ein­an­der­set­zungs­pro­zess ist. Ach was, digi­tal funk­tio­niert nicht wie Papier ohne Zeilenbegrenzung?!

Und dann fängt er doch tat­säch­lich von Luh­mann an. Da war es natür­lichst um mich gesche­hen, was soll ich gegen so viel Charme und Weit­sicht haben?

Wel­chen Nut­zen hat die Gesell­schaft vom Boulevard?

Ich glaube, dass ich über das, was tat­säch­lich in der Gesell­schaft los ist, aus der Bild mehr erfahre als aus der Süd­deut­schen. Dort erfahre ich viel­leicht etwas über Par­teien und Ver­bände, aber in der Bild lese ich dafür etwas über das Arbeits­le­ben der Leute oder über merk­wür­dige Bezie­hungs­si­tua­tio­nen. Das könnte die Bild sicher auch noch bes­ser machen, der Bou­le­vard müsste gene­rell noch viel bes­ser sein. Ich bin ein gro­ßer Freund vom Bou­le­vard, weil ich glaube, dass er genau dahin geht, wo die gan­zen arri­vier­ten Jour­na­lis­ten nicht mehr hin­ge­hen, und sich wirk­lich an die Leser wen­det. Bei der Süd­deut­schen und der FAZ sind die ers­ten Sei­ten nicht für die Leser geschrie­ben, son­dern nur für Par­teien, für Ver­bände und für andere Jour­na­lis­ten. Das ist ein Haupt­pro­blem des Jour­na­lis­mus, er ent­fernt sich von den Men­schen und bleibt in einem selbst­re­fe­ren­ti­el­len Sys­tem hängen.

Am Ende aller­dings, da kommt das Salz in die Suppe, da dachte ich mir dann: Lie­ber Schus­ter, bleib bei dei­nen (digi­ta­len) Leis­ten, denn… Herr Augs­tein spielt die Extrem­ver­sion der jet­zi­gen Ent­wick­lung durch und geht offen­bar davon aus, dass die Wirt­schafts­krise so viel Ein­fluss auf die Medien ent­wi­ckeln könnte, dass ein gesell­schaft­li­ches, Infor­ma­ti­ons­va­kuum ent­steht… und wer stellt sich sei­ner Mei­nung nach an, die tra­di­tio­nel­len Medien und die jour­na­lis­ti­sche Zunft abzulösen/aufzufangen/zu erset­zen und deren Nach­folge anzu­tre­ten? … ja rich­tig, schlimmst anzu­neh­men­der Fehl­schluss: Die Blogger?!

Augs­tein, jn., hat sich näm­lich auf die re:publica bege­ben – Glück­wunsch zu & Hoch­ach­tung vor so viel Ein­satz – und dort „die Blog­ger“ befragt:

Ange­nom­men, ihr tragt bald das ganze Gewicht der vier­ten Gewalt, wenn jetzt die gesamte klas­si­sche Presse den Bach run­ter gehen sollte, wie von man­chem pro­phe­zeit – seid ihr dar­auf vor­be­rei­tet? Habt ihr die Dis­zi­plin, habt ihr die Reife und die Pro­fes­sio­na­li­tät dazu, könnt ihr das?“ Dar­auf bekomme ich keine befrie­di­gende Antwort, […]

Abge­se­hen davon, dass es den/die Blog­ger gar nicht gibt – das wäre eine infame Gene­ra­li­sie­rung qua Medium –  … wie kann man diese Medi­en­ma­cher, auch die sym­pa­thi­schen, nur davon über­zeu­gen, dass die (meis­ten) Blog­ger gar keine Jour­na­lis­ten sein wol­len? Und dass sie auch nicht die Welt­herr­schaft den vier­ten Platz im Staate anstreben?

Der Schock­wel­len­rei­ter ver­weist sehr pas­send zur aktu­el­len Dis­kus­sion auf eine hilf­rei­che Defi­ni­tion von Qua­li­täts­jour­na­lis­mus der  Frank­fur­ter Neuen Presse, die iro­ni­scher­weise in der Aus­ein­an­der­set­zung mit falsch über­nom­me­nen Infor­ma­tio­nen in einer dpa Agen­tur­mel­dung zur Pira­ten­par­tei, gege­ben wurde: FNP – Schwe­di­sche Pira­ten­par­tei auf Erfolgs­welle (dazu in den Kommentaren)

Anm. der Red.:
――――――――――
Als ob wir diese Mel­dung wider bes­se­res Wis­sen ver­öf­fent­licht hät­ten. Wie sol­len Kun­den von Nach­rich­ten­agen­tu­ren, also Zei­tun­gen, jede ein­zelne Mel­dung über­prü­fen? Hun­derte, tau­sende täg­lich. Die Agen­tu­ren sind dazu da, dass sie uns kor­rekt recher­chierte Mel­dun­gen und Arti­kel zukom­men las­sen. Der Umstand, dass DPA diese Mel­dung bis heute nicht zurück­ge­zo­gen hat, sollte eben­falls zu den­ken geben

wir­res destil­liert im Ange­sicht sol­cher Äuße­rungn eine eigene Defi­ni­tion von Qua­li­täts­jour­na­lis­mus: _wie defi­niert man qua­li­täts­jour­na­lis­mus nochmal?

ganz ein­fach: qua­li­täts­jour­na­lis­mus ist so eine art durch­lauf­er­hit­zer für agenturmeldungen.

[…]

das ergibt die ein­fa­che formel:

qual­ti­täts­jour­na­lis­mus = agen­tur­mel­dun­gen + arroganz

ich würde das auch nicht mehr „geht ster­ben“ über­schrei­ben, wie ste­fan nig­ge­meier das tut, son­dern: „oh: die sind ja mausetot!“

Von dem Medium in die Politik

Im o.g. Frei­tag übri­gens spricht Fried­land von „der Fort­füh­rung des Inter­nets mit poli­ti­schen Mit­teln“ durch die „Neue Digi­tale Bewe­gung“ und sieht die Sache IMHO damit sehr viel rea­lis­ti­scher, als die Jour­na­lis­ten, die sich von Blog­gern ver­folgt und um ihren Rang gebracht sehen: Die Neue Digi­tale Bewegung

Diese vie­len Online-Arbeiter bal­len nun aber nicht län­ger die Faust in der Tasche, son­dern hauen in die Tas­ta­tur – ganz offen und ganz öffent­lich. Denn nichts ist schlim­mer, als Regu­lie­run­gen von Poli­ti­ke­rIn­nen ertra­gen zu müs­sen, die anschei­nend rein gar nichts von den Funk­ti­ons­me­cha­nis­men des Inter­nets ver­ste­hen (und offen­bar auch keine Bera­tung in die­sem Bereich zulassen).

Am letz­ten Sonn­tag ist nun die Neue Digi­tale Bewe­gung fol­ge­rich­tig im Europa-Parlament zu Sitz und somit Stimme gekom­men – und wird prompt von zahl­rei­chen, sogar eta­blier­ten Medien in einen Topf mit ille­ga­len File­sha­rern gewor­fen. Das Wort „Pira­ten“ macht wohl viele nicht bloß auf einem Auge blind.

Es ist schon ganz erstaun­lich, auf wel­che Hyper­re­fle­xie der Ein­zug der Piraten-Partei ins Euro­pa­par­la­ment stößt, ich habe da ges­tern schon was nach­ge­tra­gen, ver­weise aber gerne noch mal auf ent­spre­chende Kom­men­tare: Indis­kre­tion Ehren­sa­che – Ein Skan­dal namens Demokratie

Und wäh­rend in der ZEIT die Ver­lags­lob­by­is­ten die betrof­fe­nen Jour­na­lis­tIn­nen vom Kul­tur­kampf ums Urhe­ber­recht schrei­ben, bemü­hen sich die Blog­ge­rIn­nen um Klar­stel­lun­gen zum Hei­del­ber­ger Appell und all den Ver­laut­ba­run­gen der Ver­lage: Spree­blick – Björn Grau: Die Trag­weite der Copyright-Wars

Im Extrem­fall wer­den also in drei Schrit­ten Steu­er­gel­der dafür aus­ge­ge­ben, dass ein Ver­lag Geld ver­dient und Wis­sen in Klein­auf­lage nur in Fach­bi­blio­the­ken steht, statt bei­spiels­weise all­ge­mein­frei online ver­füg­bar zu sein. Die Wis­sen­schaft­ler als Urhe­ber die­ser Texte ver­die­nen aber meist kein Geld an dem System.

Arme Biblio­the­ken kön­nen sich nur wenige sol­che Bücher leis­ten. Men­schen, die kei­nen Zugang zu rei­chen Biblio­the­ken haben, haben also kei­nen Zugang zu die­sem Wis­sen. Das gilt ins­be­son­dere in armen Län­dern. Dabei wis­sen alle, das Bil­dung und Wis­sen wich­tige Ent­wick­lungs­hel­fer sind.

Blog­bar hat zum Zusam­men­hang von Urheberrechtsgeschrei(b) Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen einen Insi­der­be­richt, der hilft die Nöte der Ver­lage und Ver­lags­ab­hän­gi­gen nach­zu­voll­zie­hen: Don Alfonso – Die kor­ri­gierte Reso­lu­tion im Wortlaut

Zahl­rei­che Anbie­ter ver­wen­den die Arbeit von Auto­ren, Ver­la­gen und Sen­dern, ohne dafür zu bezah­len. Wir dage­gen klauen die Bil­der von Unglücks­op­fern wie die Raben bei Stu­diVZ und Co. in der Hoff­nung, dass die Hin­ter­blie­ben andere Sor­gen haben, als uns den Arsch bis zum Sprech­loch auf­zu­reis­sen. Das bedroht auf die Dauer die Erstel­lung von Qualitäts-Inhalten und von unab­hän­gi­gem Jour­na­lis­mus. Der ist lei­der nicht im Min­des­ten so gewinn­brin­gend wie unsere gekauf­ten Schmie­re­reien, siehe Reise, Auto, Strom, Inter­net, Bücher, Anzei­gen, kos­ten­lo­ses Fin­ger­food und so weiter.

Wir tre­ten des­we­gen ent­schie­den dafür ein, den Schutz geis­ti­gen Eigen­tums im Inter­net wei­ter zu ver­bes­sern.Solange uns kei­ner ver­bie­tet, bei Wiki­pe­dia zu kopie­ren oder ame­ri­ka­ni­sche Zei­tun­gen zu plündern.

Im Tages­spie­gel bemüht sich David Har­nasch mit Engels­ge­duld noch ein­mal, in einem als Kom­men­tar ein­ge­ord­ne­ten Bei­trag, die Unter­schiede zwi­schen OpenAc­cess, dem Hei­del­ber­ger Appell und Google Books zu erläu­tern und kommt im Prin­zip zu einer Erkennt­nis, die ande­ren Orts die „Angry young men“ zum Kreuz­chen für die Pira­ten ver­an­lasst hat:  Die intel­lek­tu­elle Elite weiß nichts vom Internet

Dass aus­ge­rech­net ein Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler sich mit einem der­art schlam­pi­gen Text expo­niert, ist bizarr. Wer den „Hei­del­ber­ger Appell“ unter­zeich­net, hat ihn offen­kun­dig nicht ver­stan­den. Dass hun­derte habi­li­tierte Aka­de­mi­ker ihn unter­stüt­zen, zeigt das volle Aus­maß eines ver­nach­läs­sig­ten Pro­blems: Wäh­rend die intel­lek­tu­elle Elite des Lan­des die Dis­kur­s­ho­heit über den gesetz­li­chen Umgang mit Zukunfts­tech­no­lo­gien behal­ten will, ist sie offen­sicht­lich unwil­lig, sich mit den tech­ni­schen Grund­be­grif­fen ver­traut zu machen. Wenn Leute, die sich Texte aus dem Inter­net prin­zi­pi­ell von ihrer Sekre­tä­rin aus­dru­cken las­sen, die Spiel­re­geln für den Cyber­space auf­stel­len möch­ten, kann das nicht gut gehen. Der stüm­per­hafte Gesetz­ent­wurf zur Kin­der­por­no­gra­fie dürfte nur ein Anfang sein.

Die Kol­le­gIn­nen in den Redak­tio­nen gehen der­weil auf Ursa­chen­for­schung zum Krank­heits­bild im Kon­text Euro­pa­wahl: Adrian Pickshaus – Auf der Piratenwelle

Fakt ist, ob in Schwe­den oder in Deutsch­land, die Pira­ten­par­tei besitzt ein Allein­stel­lungs­merk­mal, einen „uni­que sel­ling point“: Keine eta­blierte Kraft setzt sich so vehe­ment für die­Be­woh­ner digi­ta­ler Räume ein. Die 15‑ bis 35-Jährigen, auf­ge­wach­sen mit Com­pu­tern und Inter­net, heute teil­zeit­zu­hause in vir­tu­el­len Lebens­wel­ten, füh­len sich von den im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­teien nur wenig repräsentiert.

[…]

Die gro­ßen Fünf geben sich inno­va­tiv: Sonn­tag eröff­nete das ZDF den „Open Reichs­tag“, in dem Spit­zen­kan­di­da­ten per Video­clip Fra­gen an die Web-Community rich­ten. Pro­file bei Face­book und MeinVZ sind inzwi­schen Stan­dard. Aber Anwe­sen­heit ist nicht gleich Erfolg.

[…]

Bun­des­weit gaben ihnen nur 0,9 Pro­zent der Wäh­ler ihre Stimme. Aber: In Ber­li­ner Sze­ne­vier­teln wie Kreuz­berg und Fried­richs­hain hol­ten sie 1,4 Pro­zent – mehr als alle ande­ren nicht im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­teien. Da die Haupt­stadt­kieze als Hoch­bur­gen der krea­ti­ven Elite gel­ten, könn­ten die Pira­ten bei den nächs­ten Urnen­gän­gen auch in ande­ren deut­schen Städ­ten sichere Häfen finden.

Und die taz sieht die Pira­ten dort inhalt­lich über­zeu­gen, wo die ande­ren Par­teien nicht ein­mal ihr Stamm­wäh­ler­po­ten­zial abru­fen konn­ten: Stärkste Par­tei bei jun­gen Schwe­den: Pira­ten­par­tei entert Euro­pa­par­la­ment – taz​.de.

Das große Plus der Pira­ten­par­tei aber war, dass sie auch viele Wäh­ler anspre­chen konn­ten, die sich bis­lang kaum für die in vor­he­ri­gen Wahl­kämp­fen dis­ku­tier­ten Fra­gen inter­es­sier­ten – und ver­mut­lich auch dies­mal nicht zur Wahl gegan­gen wären. „Viele haben ver­stan­den, dass es nicht reicht, die Faust nur in der Tasche zu bal­len, wenn der Staat uns abhört, son­dern dass es Zeit ist Stel­lung zu neh­men“, erklärt Rick Falk­vinge. Dabei war der Erfolg der Pira­ten­par­tei kei­nes­wegs ein städ­ti­sches Phä­no­men: Ihre Stim­men ver­tei­len sich gleich­mäs­sig über das gesamte Land.

Ganz dem Milieu der Inter­net­be­we­gung ent­spre­chend, wird Koope­ra­tion denn wohl auch der Modus vivendi der Pira­ten im Europaparlament:

Ein Par­la­men­ta­rier macht natür­lich nicht den gro­ßen Unter­schied“, ver­suchte der neue Euro­pa­ab­ge­ord­nete Engs­tröm dem­ge­gen­über zu hohe Erwar­tun­gen gleich etwas zu dämp­fen: „Aber ich werde mit den Netz­ak­ti­vis­ten aus allen Frak­tio­nen zusam­men­ar­bei­ten und ich glaube, dass sind nicht zu wenige.“

Folke Schi­man­ski schreibt auf Tele­po­lis gar von der kana­li­sie­ren­den Wir­kung der Pira­ten­par­tei (in Schwe­den) in Bezug auf die Young Angry Men:

Befra­gun­gen zei­gen, dass rund ein Drit­tel der Pira­ten aus der schwe­den­de­mo­kra­ti­schen Ecke kom­men, also wer­den sie eher koop­tiert als über­holt. Die meis­ten der Pira­ten­par­tei­ler sind young angry men im Alter 18 bis 30, nur etwa zehn Pro­zent sind weib­lich, was dem aus­ge­spro­chen männ­li­chen Nerd-Milieu ent­spricht. Die Ener­gie der jun­gen Pira­ten wird in fried­li­che­ren Bah­nen abge­lei­tet als in das Ran­da­lie­rer­mi­lieu der kahl­ge­scho­re­nen Skins, wovon es auch in Schwe­den recht viele gibt.

Kein Wun­der, dass die „Alt­par­teien“ in Schwe­den im Grunde ziem­lich froh sind, dass es eine so starke Pira­ten­par­tei gibt .

Momen­tan erhal­ten Pira­ten, OpenAccess-Aktivisten und Copyright-Moderate außer­dem Auf­wind und positve Signale über andere demo­kra­ti­sche Kanäle: Golem – Fran­zö­si­sches Ver­fas­sungs­ge­richt stoppt Inter­net­sper­ren: Inter­net­zu­gang gehört zur Kommunikationsfreiheit

Das fran­zö­si­sche Ver­fas­sungs­ge­richt hat das Gesetz Hadopi für nicht ver­fas­sungs­kon­form dekla­riert. Das Gericht brachte zwei Haupt­ar­gu­mente vor. Zum einen impli­ziere die in der Men­schen­rechts­er­klä­rung garan­tierte Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei­heit heut­zu­tage auch die Mög­lich­keit, das Inter­net zu nut­zen, heißt es laut fran­zö­si­schen Medi­en­be­rich­ten in der Mit­tei­lung des Gerichts.

Des Wei­te­ren ist die Wert­schät­zung für Infor­ma­ti­ons­frei­heit in Europa nun nicht nur im Par­la­ment reprä­sen­tiert: Golem – Euro­pa­rat sieht Grund­recht auf Inter­net­zu­gang (Herv. i.O.)

Gibt es ein Grund­recht auf Inter­net? Vom Euro­pa­rat gibt es auf diese Frage ein vor­sich­ti­ges ja als Ant­wort. „Der Zugang zu [Inter­net­diens­ten] betrifft ebenso die Men­schen­rechte und Grund­frei­hei­ten wie die Aus­übung demo­kra­ti­scher Bür­ger­rechte“, stel­len die für Medi­en­fra­gen zustän­di­gen Minis­ter der Mit­glied­staa­ten des Euro­pa­ra­tes in der Abschluss­er­klä­rung ihres Tref­fens vom 28. bis 29. Mai 2009 in Reyk­ja­vik fest.

Die Euro­päer wür­den das Inter­net zuneh­mend als „grund­le­gen­des Werk­zeug für all­täg­li­che Akti­vi­tä­ten zur Ver­bes­se­rung ihrer Lebens­qua­li­tät nut­zen“. Sie erwar­te­ten des­halb, dass „Inter­net­dienste leicht zugäng­lich, sicher, zuver­läs­sig und dau­er­haft ver­füg­bar sind“. Aus die­sen Grün­den emp­feh­len die Minis­ter den Mit­glied­staa­ten, Maß­nah­men zu ergrei­fen, um den „öffent­li­chen Nut­zen des Inter­nets“zu erhö­hen.

[…]

Alle Ein­griffe in die Frei­hei­ten der Bür­ger müss­ten durch Gesetze begrün­det wer­den, klar abge­grenzt sein und die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit wah­ren. Um das sicher­zu­stel­len, soll­ten „alle zustän­di­gen Behör­den… mit den Stan­dards des Euro­pa­rats ver­traut gemacht werden“

Wun­der­bar­lich.

Ein ganz phan­tas­ti­scher Arti­kel, der die Krise der (poli­ti­schen) Eli­ten in einen Zusam­men­hang mit Demo­kra­tie­mü­dig­keit und der Haus­ma­chung des (Legitimations‑) Pro­blems mit der Par­tei­en­po­li­tik zusam­men­bringt, ist von Wer­ner A. Per­ger gerade in der ZEIT zu lesen: Euro­pas Linke –  Büßen für die Kapitalismuskrise

Dazu gehört seit län­ge­rem die wach­sende Ent­frem­dung zwi­schen Wäh­lern und Gewähl­ten, das zuneh­mende Des­in­ter­esse an den Par­teien, die „demo­cracy fati­gue“, Demo­kra­tie­mü­dig­keit, wie ame­ri­ka­ni­sche Poli­to­lo­gen das Phä­no­men bezeich­nen. Die tra­di­tio­nel­len Par­teien ins­ge­samt – nicht nur die Links­de­mo­kra­ten – haben dazu selbst wesent­lich beige­tra­gen: mit ihrem Orga­ni­sa­ti­ons­stil, ihrer kom­mu­ni­ka­ti­ven Abge­schie­den­heit, ihrer Bür­ger­ferne, ihrer funk­tio­närs­haf­ten „Pro­fes­sio­na­li­tät“, ihrem teil­weise vor­de­mo­kra­ti­schen Hoheits­an­spruch und, vor allem bei schwe­ren Pro­ble­men, mit Unge­nau­ig­keit, Unauf­rich­tig­keit, Feig­heit und Abwehrhaltung.

Die Folge – näm­lich den Ver­trau­ens­ver­lust der Bür­ger gegen­über den Par­teien als Agen­tu­ren der reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie – ist längst bekannt und rauf und run­ter dis­ku­tiert. Aber ebenso lange haben die Par­teien sich die­ser Ein­sicht in die eigene Rolle als Teil des Pro­blems verschlossen.

Meine Reden.

Nach­trag, 12.06.2009: Der Herr Nig­ge­meier hat ein Inter­view mit der Net­zei­tung gemacht (also umge­kehrt): NETZEITUNG | MEDIEN BLOGBLICK NACHRICHTEN: Wenn die SPD-Twitterer plötz­lich schweigen

Hast du eine Beiß­hem­mung, was Feh­ler in ande­ren Blogs angeht? Oder legst du bei denen andere Maß­stäbe an?

Nig­ge­meier: Ich habe da keine Beiß­hem­mun­gen, aber ich bin davon über­zeugt, dass wir pro­fes­sio­nel­len Jour­na­lis­mus brau­chen, und zwar «pro­fes­sio­nell» in dop­pel­tem Sinne: als Beruf und als Arbeits­weise. Blog­ger kön­nen recher­chie­ren und trans­pa­rent sein; Jour­na­lis­ten müs­sen es.

_________________________

N.B.: Wie die „Gene­ra­tion C64“ schon zum Schlag­wort mutiert ist…

Verwandte Artikel

[…] Grim­berg auch Gesprächs­fet­zen aus dem an ande­rer Stelle dis­ku­tier­ten Inter­view der FR mit Jakob Augstein […]

[…] Qua­li­täts­jour­na­lis­mus, Europa & die Chan­cen des Net­zes — 1:54pm via […]

Post a comment

RSS Feed Amy Welt Amy @ Twitter Amy @ tumblr