Videospiele ermöglichen allerlei phantastische virtuelle Erlebnisse, denen man im echten Leben selten begegnet: Man kann Formel 1-Autos fahren, auf alle erdenklichen Weisen fliegen, durch (Welt‑)Raum & Zeit reisen, Zivilisationen planen, die großen Kinder können Krieg spielen, die kleinen Kinder Puzzles, Malen nach Zahlen, was auch immer.

Ich mochte Videospiele nie. Als Kind hatte ich keine und entwickelte so die Haltung „Alles Zeitverschwendung“. Bücher waren meine Videospiele, eine Einstellung, über die ich nicht traurig bin, es ist ja trotzdem was aus mir geworden. Heute habe ich eine PSP und fühle mich damit auf dem Gipfel der Videospielebegeisterung. Alle sechs Monate hole ich das Gerät raus und spiele eines der zwei Games, die ich besitze: Tetris Lumines oder manchmal auch Loco Roco.

Und während sich die PolitikerInnen immer noch um ein sinnloses Killerspiele/Ego-Shooter-Verbot bemühen – wir haben das schon mal in anderem Zusammenhang erörtert – da lese ich heute über ganz andere Dinge, die offenbar auch mit Videospielen möglich sind. Vergewaltigungsszenarien durchspielen zum Beispiel.

WTF denkt ihr?! Ja richtig, es gibt wohl Videospiele, eins davon im Besonderen, das all die Horroszenarien virtuell nachspielt, über die ich in meiner Masterarbeit schreibe, die aber für Frauen und Mädchen in Friedens‑ und Kriegszeiten seit jeher bedrohlichster Alltag sind.

Dr. Isis bei den ScienceBlogs machte auf einen Artikel im Intersections-Blog aufmerksam: Rape Is NOT A Game

Unfortunately, the Japanese production house Illusion seems to think it provides quality entertainment. In 2006 they released ‘RapeLay,’ after the previous titles ‘Battle Raper‘ and ‘Artificial Girl.’ The premise… well, ready for this?

Players stalk a female character as she waits for a train in the subway station. Apparently, you can even virtually pray for a gust of wind that blows up her skirt to peek at her underwear and fondle her body while she tries to fight back. Sure sounds familiar so far–can anyone say post-traumatic stress?

Next, the goal is to rape the woman… followed by her two virgin daughters (pictured on the cover above). […]

It still gets worse.  Players invite friends to participate in gang-raping the children and if the woman becomes pregnant, she must be forced to have an abortion. Otherwise, she becomes more visibly pregnant with each subsequent rape. Should she finally have the baby… GAME OVER.

According to a spokesman for the company:

We believe there is no problem with the software, which has cleared the domestic ratings of an ethics watchdog body.

Seriously? There’s a big problem. And Ⅰ can’t decide which is worse–that this abomination was created or that there’s enough of a market to distribute it. Although words fail me, Ⅰ will not be silent.

Wie der Telegraph im Februar berichtete, war das Produkt wohl kurzfristig über den Amazon Marketplace verfügbar, wurde dann aber von den Amazonmanagern aus dem Programm entfernt: Rapelay virtual rape game banned by Amazon – Telegraph

The game was intended for release just in Japan, but was on offer to British buyers through Amazon Marketplace, the section of the online store’s website open to third-party sellers.

But Amazon has now withdrawn the game after complaints from users, deeming it to be inappropriate. „We determined that we did not want to be selling this particular item,“ a spokeswoman said.

Laut Schnittberichte​.com trat Anfang diesen Monats die japanische Ethikkommission für Computersoftware zusammen und sprach sich gegen derartige Spiele aus: Schnittberichte​.com – Vergewaltigunsspiele in Japan abgeschafft

Die japanische Organisation für Ethik in Videospielen (Ethics Organisation of Computersoftware – kurz EOCS) hielt am 2.6.2009 eine Notstandssitzung an der gut 100 Leute von verschiedenen Firmen, welche Videospiele mit erotischem Inhalt herstellen, teilnahmen. Dort beschloss man gemeinsam, dass die Herstellung von Spielen deren Inhalt Vergewaltigung, in der Form wie sie RapeLay und ähnliche hatten, gestoppt werden sollte.

Bloomberg hat entsprechende Hintergrundinformationen zum Bann der Simulationen: Japanese Software Group Bans Rape Games After Protest (Update1) – Bloomberg​.com.

Die Japanes Times erläutert die (politische) Situation auch für Außenstehende verständlich: Anything goes in virtual pornography | The Japan Times Online

Okumura’s concern is shared by Equality Now, an international female rights group. „Although we are glad that the EOCS has taken this step, they are still a voluntary body and we continue to encourage the Japanese government to take legal measures,“ member Anber Raz said in an e-mail.

Japan is often criticized for being too lenient on pornography, and rights groups are frustrated with Japanese politicians for their inaction.

Politicians listen to some Japanese who think anime does not victimize anybody because no one is videotaped or photographed in it. But those people overlook the right of children who are forced to see what they do not want to see or the right of parents who want to prevent their children from seeing such material on the Internet,“ said UNICEF Japan official Hiromasa Nakai.

Currently in Japan, the child pornography law and Article 175 of the Criminal Code regulate pornography.

However, Justice Ministry officials say anime, manga and video games are not covered by the laws because they have no photographic or live-action video content.

Anna Gielas berichtet im Freitag, wie die Gesetzeslücke von der Videospielindustrie ausgenutzt wird und verweist auf mögliche Ursachen für die starke Nachfrage nach derartigen Simulationen: Kranke Spiele — Der Freitag

Die juristische Lücke dient als lukrative Quelle für Unternehmen wie „Illusion Software“, die Macher von „Rapelay“. Sie versuchen den Eindruck zu erwecken, dass es bei „Rapelay“ weniger um sexuelle Gewalt gehe, als vielmehr um die „Eroberung“ der Frau und der Töchter. Die virtuellen Opfer werden darauf programmiert, nach dem anfänglichen Leid auch Lust an der Vergewaltigung zu zeigen. So werden sexuelle Übergriffe krass verharmlost. […]

Die hohe Nachfrage nach den Simulationen erklärt sich aber nicht nur durch kulturelle Eigenheiten Japans, sondern auch durch die soziale und wirtschaftliche Lage des Landes: Denn die Vergewaltigungssimulationen sind besonders bei der so genannten „Lost Generation“ beliebt. […]

Viele von ihnen leben bei ihren Eltern und werden unverhohlen als „Parasite Singles“ bezeichnet. […] Die Stigmatisierung schürt Unzufriedenheit, die sich dann Ventile wie „Rapeplay“ sucht.

Ich hab hier jetzt nicht die Zeit, das ethische, das juristische, das moralische,… das humanwissenschaftliche Argument zu bemühen. Reicht auch so schon. Ganz furchtbar.

Es ist ja gut und richtig, dass Institutionen wie die Emma sich mit dem Thema Männlichkeitskonstruktion, Feindbild Frau und Ausblendung von gezielter Gewalt gegen Frauen in den Medien auseinandersetzen. Aber im Gegensatz zu der immer wieder bemühten Debatte um Medienverwahrlosung und Interviews mit Herrn Prof. Pfeiffer muss man doch auch mal die Frage nach der gesamtgesellschaftlichen Dimension stellen.

Denn: Was den Einen Zensur von Gewalt ist, ist den Anderen die Beschränkung der Redefreiheit. Die #Zensursula Diskussionen ist nur ein Beispiel der Bekämpfung von vermeintlichen Symptomen. Dass sich niemand an die Dekonstruktion der Ursachen dieser Manifestationen von Hassideologie & stereotypen Rollenbildern traut, ist bezeichnend. Aber nein, es ist ja so viel leichter, das böse Hollywood anzuklagen, moralisierend einzuschreiten, Autoren mit ihren Werken zu verwechseln und so zu tun, als sei die Filmindustrie dazu da, unsere Jugend mit Vorbildern auszustatten.

Das Alles offenbart Bekanntes über die menschliche Natur, die immer wieder aufs Neue in der Lage ist, mir Schauer über den Rücken zu jagen.

Wild animals never kill for sport. Man is the only one to whom the torture and death of his fellow creatures is amusing in itself.
—James Anthony Froude

Ähnliche Artikel:

Eine Vergewaltigung wird für mich wohl immer nicht nachvollziehbar sein.. Ebenso wenig ein Spiel welches eine solche simuliert. Warum begeistern sich aber so viele Männer in Japan für ein Vergewaltigungsspiel? Asiatische Gesellschaften gelten als patriarchal, teils als frauenfeindlich. Aber das ist glaube ich etwas kurz gegriffen. Erklären kann ich es mir trotzdem nicht. Zurück bleibt ein großes WTF?!

Ich denke, dass zumindest zum Teil die „Naturalisierung“ von sozialen Hierarchien dahinter steht.

Gilligan (1997) schreibt dazu sinngemäßg, dass sich die soziale Stratigraphie u.a. dadurch erhält, dass für die unteren Schichten in der Sozialstruktur immer noch eine „tiefere Ebene“ simuliert/kreiiert wird. Im Klartext: Die weiße Unterschicht in Amerika wird sich nicht gegen soziale Ungerechtigkeit mobilisieren lassen, weil es auch noch die unter ihnen angesiedelte schwarze Unterschicht gibt, und die ist bekanntlich noch viel „gesellschaftsschädlicher“. So werden innerhalb der Gesellschaft lähmende Feindbilder geschaffen, die die eigentlichen Profiteure sozialer Ungleichheit ausblenden, weil das „Fußvolk“ voll und ganz mit dem Kampf gegeneinander beschäftigt ist.

Abgesehen von den ganzen Theorien zur Frustrationsabbau scheint es mir doch zumindest angebracht, in diesem Rahmen zu überlegen, ob nicht immer noch das Bild von der Frau als natürlicher Beute, Besitz, Kontrollbereich was auch immer des Mannes ein gewisser Bezugsrahmen mit Deutungsmacht ist. Ähnliche Szenarien findet man an ja u.a. in Untersuchungen häuslicher Gewalt. In diesem Sinne ließe sich wohl überlegen, ob da nicht über negative Faktoren Identitäten aufgebaut/gestützt werden, weil es keine positiven Identitätsstifter (Erfolg im Arbeitsleben, Zuspruch im Freundes/Familienkreis… etc.) gibt. Frau Gielas weist ja in diese Richtung.

Eine besonders hierarchische Gesellschaft wie die japanische, scheint doch dafür prädestiniert, zumal man spekulieren könnte, dass diese Spielekonsumenten in der japanischen Gesellschaft schon an sich einen schlechten Stand haben, weil dort insbesondere die Senioren in den Familien einen prestigeträchtigen Status haben, von dem diese jüngere Generation ausgeschlossen ist. Wenn sie dann auch nicht den sozialen Fahrstuhleffekt erfährt, der über die positiv sanktionierten Mittel & Wege zu Statuserhöhung und Prestige führen, müssen sie sich also gegen andere abgrenzen (um die eigene Identität aufzuwerten).

Wie gesagt, ich hab es noch nicht so ganz durchdacht, es scheint mir aber ein mögliches Szenario zu sein.

[…] Rape „Games“ – hier wäre die Diskussion angebracht — 3:43pm via […]

Die Kommentare sind geschlossen.