Seit ich vor etwa drei Jahren angefangen habe, FuK zu studieren, bin ich immer wieder damit konfrontiert: Ob Auslandspraktikum, Forensic-Studienplatz oder Nebenjob – ständig wollen Menschen ein Motivationsschreiben von mir.

Anderen geht es ähnlich: Mittlerweile verdiene ich mein Geld mit Textarbeit und unterstütze allerlei Freunde & Bekannte, aber auch AuftraggeberInnen bei den eigentümlichen Worten zur Selbstlobpreisung. Gerade ist wieder Bewerbungsfrist für die Masterstudiengänge zum kommenden Wintersemester – dementsprechend hatte ich in letzter Zeit wieder mehrere Exemplare zur semi‑öffentlichen Selbstbeweihräucherung auf dem Schreibtisch bzw. in der Mailbox.

Und, ja, es ist ein elender Prozess. Besonders, wenn man den Schrieb selbst aufsetzt und mit sich, den Worten und der richtigen Balance zwischen Bodenständigkeit und in den Himmel heben um den goldenen Mittelweg ringt. Im schlimmsten Fall bringt einen das abgenötigte Überdenken des jungen Lebensweges gar in Selbstzweifel und Nöte, zu denen ohne diese Schikane durch Lebenswegentscheider gar kein Anlass bestünde…

Es ist gut zu wissen, dass nicht nur normal Studierende, deren vermeintlich nächster Lebensabschnitt am Schwarzen auf dem Papier hängt, sondern auch gestandendene Autoren und Journalisten mit der Selbstbeschreibung Probleme haben, wie uns Giles Turnbull dankenswerter Weise mitteilt:

Yes, it is. Already, I’ve spent longer writing the bio than Ⅰ did writing the article it is supposed to sit alongside. Ⅰ must never admit this in public.

A Writer by Any Other Name by Giles Turnbull – The Morning News.

In einer ähnlichen Situation befand ich mich vor genau einem Jahr, als ich begann, für RESET zu arbeiten. Der RESET-Account war schnell angelegt, sogar ein Kurzmotto hatte ich (mit Gandalfs „All we have to decide is what to do with the time that is given us.“) schnell gefunden. Jedoch: Alle News-Channel-Redakteure erscheinen in ihrem Einflussbereich mit Avatar und kleinem Blurb zum Thema. „Mein“ News-Channel Menschenrechte & Demokratie war schnell übernommen, ich eingearbeitet und postend was das Zeug hielt. Noch gute acht Wochen nach meinem Einstieg bei RESET hatte ich keinen Dreizeiler auf Papier oder neben dem Avatar. Beschämend, das.

Mein Prozess war ähnlich wie der von Mr. Turnbull – allerdings eher inhaltsbezogen, weniger egozentrisch, was an der Ausrichtung des betreuten Themenbereiches lag. Es ging ja nicht um mich, schlimmer, ich sollte allgemein drei bis vier Zeilen zum Thema Menschenrechte & Demokratie und warum diese Ideen so wichtig sind, schreiben. Wenn ich mich richtig erinnere, ward es Herbst, bis ich eine halbe Seite hatte, die ich auf dankbare fünf Sätze zusammenstrich. Die Chefin hat dann die letzte Anpassung vorgenommen. Jetzt steht da:

Soweit wir wissen, ist die Demokratie unter allen Regierungsformen diejenige, die es am besten schafft, ihre Bürgerinnen und Bürger an politischen Entscheidungen zu beteiligen und ihnen gleichzeitig Menschenrechte und Grundfreiheiten zu garantieren.

Damit kann ich ganz gut leben. ;) Ich sehe gerade, da is noch ein Fehler… Mal gucken ob ich morgen in der Technik wen erreiche, der ihn rausstreicht.

Als ich Motivationsschreiben anfertigen musste, war die Situation eine andere: Es ging fast immer um internationale Geschichten. Soviel sei gesagt: Die Gefühlsbarriere zwischen Dir und der Fremdsprache mildert die Schamgefühle, welche der auch nur mit durchschnittlich ausgeprägtem Selbst-Bewusstsein ausgestatteten Autorin angesichts der emphatischen Apotheose am Bildschirm/auf dem Papier selbst im stillen Kämmerlein die Röte in die Wangen treiben, doch erheblich.

Mittlerweile geht das mit dem Motivationsschreiben aufsetzen ganz gut. Man muss halt in seine Rolle finden. Ganz richtig: Wenn man so ein Schreiben erstellt, ist man besser nicht mehr die Amy. Nein, man wird zur Autobiographin. Man schreibt ein Porträt, über die Andere, die öffentliche Persona, die, die den verfluchten Studienplatz will, das Auslandspraktikum braucht, die Miete in geordneten Verhältnissen verdienen muss. So gewinnt man die notwendige Distanz, zur Darstellung des Selbst. Aber bitte: Kontextbezogen. Der potentielle Chef muss nicht erfahren, wie mich das plötzliche Ableben meines Hamsters vor 20 Jahren zum Studium der Tiermedizin getrieben hat – alles in der vagen Hoffnung, Fatty Zündhütchen im Nachhinein doch noch retten zu können. Den Studienabbruch bei den Veterinären kann man auch in andere Zusammenhänge bringen.

Motivationsschreiben bieten auch die Gelegenheit, noch mal ernsthaft zu reflektieren: Wie genau war das damals mit dem Zufallspraktikum? Wieso fand ich in meinem DeutschLK die Inspiration doch noch Literatur zu studieren? Ist es Zufall, dass ich von der ehrenamtlichen Knastarbeit, zu den Pädophilen in der Bachelorarbeit zu den Vergewaltigern in der Masterarbeit gekommen bin?

Da tun sich ganz neue Kontextualisierungen auf, wenn man die Chance wahrnimmt, sich selbst zu ergründen. Das kann schon mal erhellend sein. ;)

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Das Gefühl der Selbstzweifel oder Schamgefühle bei der Formulierung von Motivationsschreiben, Bewerbungen oder Lebensläufen kenne ich. Im Studium und bei den ersten Bewerbungen fand ich das arg. Es führte eher zu Selbstzweifeln. Vor allem Stellenanzeigen können einem zusetzen. Es ist schwierig, mit der Diskrepanz zwischen der diffusen Gestalt der eigenen Vita und den feinziselierten, sich niemals ähnelnden Stellenausschreibungen leben zu lernen. Skurril wird es, wenn man am Ende feststellt, wie sehr in der Institution, zu der man Zugang zu erlangen versucht (und in die man am Ende eventuell sogar hinein geschlüpft ist), mit Wasser gekocht wird. Nach einiger Zeit härtet man ab.

Den Begriff “Schikane” finde ich angebracht. Deshalb empfehle ich als Nerventonikum und Handlungsanweisung “Erzähle Dich selbst – Lebensgeschichte als philosophisches Problem” von Dieter Thomä – siehe meine Zusammenfassung. Die Selbsterzählung ist immer eine Fiktion. Wer in Auswahlverfahren unbedingt eine Geschichte hören will, der soll sie bekommen. Man muss nur lernen, mit dem Stoff, der sich im eigenen – unter Umständen noch so “verkorksten” – Leben findet, eine geschlossene Geschichte erzählen zu können, die den Wertvorstellungen des “Lebenswegentscheiders” schmeichelt. In diesem Zusammenhang ist auch interessant zu lesen, was Jean-Claude Kaufmann über die “Erfindung des Ich” schreibt – siehe insbesondere Kapitel 5 über zu Identität als Erzählung und Kapitel 9 – dort u.a zum Dilemma der Insitutionen, gleichzeitig Anpassung und Innovation zu verlangen, wodurch bspw. das “richtige” Hobby zum Auswahlkriterium wird.

[…] Müller schreibt in Ihrem Blog über die Konjunktur der “Motivationsschreiben” im Hinblick auf Bewerbungsverfahren für Masterstudiengänge und bei anderen Gelegenheiten. […]

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