Die letzte Woche – eine, zu der ich fast nicht in die Uni gegan­gen wäre, weil momen­tan das ganze Unter­fan­gen diese Mas­ters reich­lich über­pro­por­tio­niert wirkt, im Ver­gleich mit dem Ver­such, mal was nicht-Universitäres zu ver­su­chen. Letzte Woche stand also die ulti­ma­tive Prü­fung der Zukunfts­vi­sion Mas­sen­grab an.

Die Vision sieht ja vor, dass ich mein Berufs­le­ben im Mas­sen­grab ver­brin­gen möchte. dass ich am Fun­da­ment von Frie­dens­ent­wick­lung mit­ar­bei­ten will. Frie­den durch Auf­ar­bei­tung, Frie­den durch Doku­men­ta­tion, Frie­den durch Fak­ten, Frie­den durch Trau­ern. Tran­si­tio­nal Justice, so meine zarte Theo­rie, kann nur pas­sie­ren, wenn es tat­säch­lich etwas gibt, über dass Eini­gung, Dis­kus­sion und Geschichts­schrei­bung mög­lich ist.

Gleich­zei­tig ist die Auf­gabe, Opfern von Mas­sen­ver­bre­chen den Weg von ihren „Lager­stät­ten“ zur letz­ten Ruhe zu ebnen, eine Mög­lich­keit, unmit­tel­bar Frie­den zu ermög­li­chen, für die Fami­li­en­mit­glie­der und Gemein­den, die zurück­ge­blie­ben sind. So ward die­ses poli­ti­sche und gleich­zei­tig sehr prag­ma­tisch anzu­ge­hende Betä­ti­gungs­feld mein Wunscheinsatzgebiet.

Letzte Woche, in der wir die erste simu­lierte Mas­sen­gra­baus­gra­bung im Rah­men eines MSc-Programmes durch­ge­führt haben, wurde diese Vision dem Rea­li­täts­test unter­zo­gen. Bis auf die Ske­lette, die aus Plas­tik und in draht­ge­stütz­ter Arti­ku­la­tion vor­han­den waren, war alles echt: Das bri­ti­sche Janu­ar­wet­ter – nass, kalt, fros­tig, reg­ne­risch, grau. Die Whi­te­suits, die uns alle wie kleine Miche­lin­männ­chen eine volle Woche lang im kal­ten Schlamm wan­deln lie­ßen. Die Latex-Handschuhe in vier Lagen, die zehn Lagen Zwie­bel­look unter dem Whi­te­suit. Der 360er Bag­ger, der uns das zweite Übungs­grab aus­hob. Die Hacken, Schau­feln, Spach­teln, Scha­ber und Eimer, die täg­lich vom schwe­ren Wiltshire-Lehmboden befreit wer­den muss­ten. Der Papier­kram Die Doku­men­ta­ti­ons­for­mu­lare, die nach foren­si­schen Stan­dards geführt, aus­ge­füllt und abge­legt wer­den muss­ten. Der Schlamm, der unwei­ger­lich die For­mu­lare, Stifte, Kame­ras… deko­rierte und am Ende über­all war. Die Beweis­si­che­rungs­beu­tel, die Geschoss­män­tel und die impro­vi­sier­ten Zelte. Die 10 Leute auf engs­tem Raum in einem Erd­loch, je über ein, zwei, drei Ske­lette gebeugt, gehockt, gestreckt, gelegen…

Simulation of a Mass Grave Excavation: Our "Crime Scene"

Simulation of a Mass Grave Excavation: "Grave B"

Simulation of a Mass Grave Excavation: People excavating a "Mass Grave"

Nach eini­gen Tagen der Ein­ge­wöh­nung beka­men wir Flut­lich­ter, um auch im Dun­keln arbei­ten zu kön­nen und das ganze ent­wi­ckelte sich zu einer erfreu­li­chen Bonding‑ und Teamwork-expierience. Wir waren in Zwei­er­teams ein­ge­teilt und zusätz­lich gab es ein Rota­ti­ons­sys­tem, wel­ches sicher­stellte, dass zu den 28 Gra­bungs­stun­den jede/r zusätz­lich 9 Stun­den andere Pflich­ten erfüllte, die mit dem Auf­recht­er­hal­ten der Beweis­kette, der Gra­bungs­do­ku­men­ta­tion und der Wah­rung der Inte­gri­tät unse­rer „Crime Scene“ im Zusam­men­hang stan­den. So war jede/r drei Stun­den lang Sur­veyor (an so einer Ver­mes­sungs­sta­tion wie wir sie aus der Stadt­pla­nung ken­nen und im Ein­satz auf den Stra­ßen und Bür­ger­stei­gen die­ser Welt sehen), Pho­to­graph und Crime Scene Mana­ger, der Beweis­num­mern ver­teilt, den Papier­kram in Ord­nung hält und sich um die ver­schie­de­nen Logs kümmert.

Alles in allem war es ein gro­ßer Spaß. Das Gra­ben an sich war anstren­gend, keine Frage. Aller­dings ist es irgend­wie befrie­di­gen­der, am Abend mit Glie­der­schmer­zen heim­zu­kom­men und sich müde ins Bett zu packen, weil man den Erd­hau­fen den man heute bewegt hat, vor Augen sieht; oder man genau weiß, dass man „sei­nem“ Ske­lett heute 50 cm näher gekom­men ist – in die Tiefe gehend. Die Mis­sion ist klar, das Feed­back gibt es in Echt­zeit und trotz all der Tra­gik, die man zum Arbei­ten aus­blen­den muss, gibt es Sand­kas­ten­fee­ling. Wem unwohl im Umgang mit Regen­wür­mern wird, hatte da lei­der keine Chance. Das alles ist deut­lich ange­neh­mer, als 8 Stun­den pro Tag in der Uni zu sit­zen, PPTs durch­zu­rau­schen und am Ende schein­tot ins Bett zu fal­len, ohne wirk­lich etwas „getan“ zu haben. Hirn und Hände sind glei­cher­ma­ßen okku­piert und die typi­schen Gra­bungs­schmer­zen, der sonst ver­nach­läs­sig­ten Gra­bungs­mus­keln, sind die Schmer­zen der guten Art, der Mus­kel­ka­ter den man bekommt, wenn man wirk­lich was geleis­tet hat.

Die Stim­mung und Betrieb­sam­keit der Leute hellte sich in den weni­gen Son­nen­stun­den merk­lich auf und am Sams­tag konn­ten wir dann vor­zei­tig unsere Ske­lette kom­plett ber­gen und zum Abbau antre­ten. Die Aus­rüs­tung von 20 Grab­grä­bern musste geputzt, getrock­net und ver­staut, die gesamte Site geräumt und mit mit Sicher­heits­tape ein­ge­zäunt wer­den. Die Grab­gru­ben gibt es noch – in eini­gen Wochen, wenn das Wet­ter wie­der ange­neh­mer ist, wer­den wir die Grä­ber für die nächs­ten Mas­ter­stu­die­ren­den wie­der her­rich­ten. Am Sonn­tag war dann nur noch die Wash-up-Session und Papierkram-Distribution zu erle­di­gen, damit nun unse­rer Reporte geschrie­ben und ein­ge­reicht wer­den können.

Auf Face­book gibt es reich­lichst Bild­ma­te­rial der Woche – ich sehe aber zu dass ich auch hier noch eini­ges ein­stelle.

Fazit nach einer Woche Rea­li­täts­test: Gute Woche, gute Berufs­wahl. Ich suche nach Stel­len­aus­schrei­bun­gen für genau DAS. Aber bitte da, wo es warm ist.

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Warum warm? Im Per­ma­frost hast du auch noch nach 50 Jah­ren was von den Lei­chen ☺ Aber cool das du es inter­es­sant findest!

Naja, Per­ma­frost ist nicht so meins… Ich bin eher für warm. Bei 40℃ hätte mir die Übung nix aus­ge­macht, so aber waren wir doch zart am Zit­tern, was nicht so gut kommt, mit manch emp­find­li­chem Instru­ment. Ansons­ten war es hoch­in­ter­es­sant, jawohl :)

PS: Die Permafrost-Leichen sind auch sehr span­nend, siehe Ötzi. Aber ist halt frisch da.

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