Malcolm Gladwell – Autor der Bücher The tipping point: how little things can make a big difference & Blink: The Power of Thinking Without Thinking – nimmt uns mit seinem neuen Buch Outliers. The Story of Success auf eine gar abenteuerliche Reise ins Land der Sozialpsychologie:

Er tritt an den Mythos jener Erfolgsgeschichten zu entzaubern, die Anekdoten des Amerikanischen Traums ebenso bevölkern wie die populäre Idealisierung von Naturtalenten, Originalgenies, AutorInnen, kreativen MacherInnen & SchafferInnen – kurz um jene Erfolgreiche, die für die Öffentlichkeit mit einem Knall in der Populärarena erscheinen und auf einen Schlag reich, berühmt und beliebt werden. Für Kulturschaffende und engagiert Kreative aus allen Bereichen ist klar, dass es sich bei solchen „Über-Nacht-Wundern“ meistens um den Autor handelt, der nach der 250. Ablehnung seines vierten oder fünften Manuskriptes der letzten fünf bis zehn Jahre Glück mit der Veröffentlichung, dem Zeitgeist, der Großwetterlage in den Medien oder einfach seinem Sujet hatte. Ähnlich beschreibt es auch Bestsellerautor Gladwell:

In Outliers, Ⅰ want to convince you that these kind of personal explanations of success don’t work. People don’t rise from nothing. We do owe something to parentage and patronage. The people who stand before kings may look like they did it all by themselves. But in fact they are invariably the beneficiaries of hidden advantages and extraordinary opportunities and cultural legacies that allow them to learn and work hard and make sense of the world in ways others cannot. It makes a difference where and when we grew up. The culture we belong to and the legacies passed down by our forebears shape the patterns of our achievement in ways we cannot imagine.“

–Gladwell, S. 19

Dabei bedient er sich nur einmal aus dem Fundus der Wunderkinderzählungen einer Geschichte, die wohl jedem Leser bekannt sein dürfte: Der Erfolgsstory und der Zufälligkeit des Supportnetzwerkes von Bill Gates.

Gladwells Mission ist es die „special effects“ jener Erfolgsgeschichten aufzuzeigen, die allzu oft vergessen werden, wenn die „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Leistungen einzig und allein einem ganz besonderen Individuum zugeschrieben werden. Dieses „Individualisieren von persönlichen Erfolgsgeschichten“, so Gladwell, kreiert allerdings den falsche Eindruck, es sei allein den speziellen Eigenschaften der Erfolgreichen und ebenso den Charakterfehlern der Nichterfolgreichen geschuldet, dass aus dem potentiellen Versagen ein persönlicher Erfolg werde.

Gladwell zeigt die sozial-strukturellen Verhältnisse und sich immer wieder reproduzierenden self-fulfilling prophecy (nach Robert K. Merton) auf, welche dafür sorgen dass jene, die sowieso schon einen Anfangsvorsprung haben, am Ende am meisten von Maßnahmen profitieren, die nach dem Matthäus-Effekt (Merton) voraussagbar Erfolgsgeschichten & soziale Versager produzieren.

Neben den differenziert organisierten Auswahlstrukturen für Eishockey-Talente in Kanada – die, wie es sich herausstellt, nicht differenziert genug sind – geht Gladwell am Beispiel von vermeidbaren Flugzeugabstürzen ohne primär fatale, externe Faktoren seiner zweiten großen Hypothese nach: Culture matters.

Gladwell illustriert vor dem Hintergrund der Culture of Honor-Theorie, deutlicher als
James Gilligan, das Verhältnis unserer Herkunft (und Familiengeschichte unserer Ahnen) zu den heutigen sozio‑ökonomischen Verhältnisse (in den USA).1 Gladwell zeigt auf, wie die Culture of Honor nicht nur das Leben der europäischen Einwanderer vor 200 Jahren, sondern das Schulsystem ihrer Nachfahren im 21. Jahrhundert bestimmt. Beeindruckende Zusammenhänge, die sich so weitreichend niederschlagen, dass man geneigt ist, in Fatalismus zu verfallen. Die Kummer gewöhnte Sozialkritikerin allerdings liest weiter.

An einer handvoll Beispielen von Erfolg und Misserfolgen beleuchtet Gladwell, wie teilweise unvorhersehbare, teilweise aber im Nachhinein auffällig offensichtliche biographische Umstände über Erfolg und Misserfolg Einzelner bestimmen und welchen Einfluss unsere Kultur und Geschichte haben. Der Autor macht den Einfluss von Generation, Ort, Zeit, Demographie und kulturellem Hintergrund – d.h. also den zufälligen Lebensumständen – so schmerzhaft transparent, dass die vermeintlichen Erfolgsfaktoren einer Generation (und die Misserfolgsfaktoren einer Anderen) die Leserin in verzweifelten Nihilismus ausbrechen lassen möchten – wenn da nicht die immer wieder auftauchende Erfolgsformel2 „richtiger Charakter“ trifft auf die „richtigen Umstände“, wäre. Ähnlich der heiligen Dreifaltigkeit in einer Mordanklage – means, motive, opportunity – ist tatsächlich die opportunity oft, so Gladwell, die entscheidende Ingredienz, die bei ansonsten optimalen Voraussetzungen zur conditio sine qua non für persönlichen Erfolg, gleich welcher Art, wird.

Insbesondere die Erkenntnis, dass manche Generationen einfach Pech gehabt haben, lässt einen doch recht pessimistischen Nachgeschmack beim Wenden der Seiten. Dies zeigt Gladwell an einigen Biographien aus Generationen auf, die wenige Jahre zu früh oder zu spät geboren wurden, und daher komplett andere Bedingungen vorfanden, als die Generation nach oder vor ihnen:

To have been born before 1911 is to have been demographically unlucky. The most devastating events of the twentieth century hit you at exactly the wrong time.

–Gladwell, S. 132

Selbst wenn ein System vorhanden ist, welches das Los der biographischen Zufälligkeiten für Menschen auszugleichen versucht, wird dem Schicksal nicht unbedingt intuitiv ein Schnippchen geschlagen: Am Beispiel der selektiven Begabtenförderung im Sport und in Schulen berichtet Gladwell, wie minimale (aber zufällig vorhandene) Vorteile Einzelner belohnt werden und am Ende den großen Unterschied zwischen Erfolgreichen und Aussortierten herstellen:

Das Problem mit Begabtenförderung, wie der Autor herausstellt, ist die Förderung nach dem Matthäus-Prinzip, wobei jene gefördert werden, die bereits begabt sind – aber niemand danach forscht, warum. In vielen Fällen spielen willkürliche Ausschlussdaten eine entscheidende Rolle bei der Auswahl von Erfolgskandidaten.

Beispielsweise ist das Ausschlussdatum für den kanadischen Hockeyspielernachwuchs der 1. Januar. Ergo landen sehr viele der Kinder, die im ersten Quartal geboren wurden, in den speziellen Nachwuchsförderprogrammen für Hockeytalente. Denn: Die Kinder werden in einem Alter ausgewählt und selektiert, in dem ein wenige Monate Altersunterschied Körpergröße und Koordinationsvermögen entscheidend beeinflussen. Die älteren Kinder, welche früher im Jahr geboren wurden, haben somit deutlich bessere Chancen in die Förderprogramme aufgenommen zu werden.

Ähnliches gilt für das Bildungswesen. Gladwell zitiert als einziges Land, in dem solche Auswahlverfahren nicht vor dem 10. Lebensjahr durchgeführt werden, Dänemark. Das Argument: Im Alter von 10 Jahren etwa seien die Unterschiede zwischen im Jahr früh und später Geborenen ausgeglichen.

Wer jetzt denkt, die willkürliche Setzung von Ausschlussdaten und deren immenser Einfluss auf die Art und Weise, wie wir unsere nachwachsenden Generationen einschätzen, ist ein Nachteil, der sich irgendwann auswächst, irrt gewaltig. Gladwell berichtet wie diese Selektion von vermeintlichen Talenten mit geringen Vorsprüngen sich fortsetzt und summiert, weil eben diesen Talenten eine Ressource zugänglich gemacht wird, die die Erwählten am Ende des Entwicklungsprozesses tatsächlich um Längen besser werden lässt als ihre Altersgenossen, denen kein Talent bescheinigt wurde.

Kontrastiert wird dieses doch recht schwere Urteil mit Erfolgsgeschichten der etwas anderen Art, die in Teilen zur Nachahmung anregen oder zumindest Alternativen für die nächste Generation aufzeigen. Das Vermächtnis des Buches ist also durchaus positiv: Zunächst sei Talent nicht das limitierende Erfolgselement.

Diese Message ist nun nicht neu, aber wird hier noch einmal in den größeren empirischen Gesamtzusammenhang eingebettet: Lernen, Expertentum und meisterhaftes Beherrschen wovon auch immer, benötigt vor allem eins: Qualitätszeit. Qualitätszeit, also Zeit zum Lernen, Trainieren, Üben und das unter Schaffung oder Nutzung von besten Bedingungen sei der Erfolgsgarant – egal wohin man sehe: Sportlerinnen, Musiker, Kreative oder Experten in Physik und Medizin. Forscher auf diesem Gebiet seien auf die „magische“ Zahl von etwa 10.000 Stunden, also ca. 10 Jahre, des Praktizierens der Kunst, in der man zum Experten gereichen möchte, gestoßen. D.h. 10.000 Stunden Üben trennen den Klavierschüler der ersten Stunde von der Konzertpianistin. 10.000 Stunden Training trennen die dreijährige Tututrägerin vom Ballettstar auf den Bühnen dieser Welt. 10.000 Programmierstunden trennen den Hobbyscripter vom professionellen Softwareentwickler – bei Google, Apple oder Microsoft.

Die positive Nachricht: Es ist nicht Talent, welches den entscheidenden Unterschied macht. Es ist nicht das Los der Gene, welches den Hobbyphotographen vom Künstler trennt. Es ist die Möglichkeit zu praktizieren und die Fähigkeiten zu entwickeln. Die bittere Pille dieses Szenarios ist die inhärente sozial-Dimension, die Gatekeeper-Funktion erfüllt:

It’s all but impossible to reach that humber [10.000 hours of practice] all by yourself by the time you’e a young-adult. You have to have parents who encourage and support you. You can’t be poor, because if you have to hold down a part-time job on the side to help make ends meet, there won’t be any time left in the day to practice enough. In fact, most people can reach that number only if they get into some kind of special program […] or if they get some kind of extraordinary opportunity that gives them a chance to put in those hours.“

–Gladwell, S. 42

Oder, wie Randy Pausch sagen würde: „Brick walls are there for other people“. Bei Pausch ist allerdings auch ausgeblendet, wie die Trennwände selektiv zu unüberwindbaren Glasdecken für jene werden, die die Möglichkeiten a) nicht haben oder b) nicht ergreifen können. Bei Gladwell wird diese Nutzung der gebotenen (zufälligen) Möglichkeit dann zum Erfolg gewandelt, wenn harte Arbeit, „persistence“  und praktische Intelligenz hinzutreten.

Persistence, eine Tugend für viele, die als Über-Nacht-Erfolge gefeiert werden, unterscheidet wer sich einem Problem bis zu Lösung widmet und wer lange vorher aufgibt. Es unterscheidet welche Nationen gut im vergleichenden Mathetest (TIMSS) abschneiden (die asiatischen Länder) und wer vorher aufgibt. Im Deutschen haben wir das Sprichwort „Hartnäckigkeit führt zum Ziel.“ und genau diese Eigenschaft in Kombination mit pragmatischer Intelligenz ist es, die Viele über so manche Hürden zum Erfolg trägt, während ungleich Intelligentere im Sinne eines besonders hohen IQ scheitern können.

Nach einem Ausflug in die Welt der Intelligenzquotienten, deren Bedeutung und der wichtigen Rolle der praktischen oder pragmatischen Intelligenz (manchmal auch soziale Intelligenz genannt), zeigt Gladwell auf, wie wichtig gewisse Schwellen sind und wie unerheblich die Spitzenpositionen für den Verlauf der Erfolgsbiographie sein können. Im Wesentlichen stellt der Autor klar, dass es nicht unbedingt immer „das Beste“ – also die besten Schulen, die besten Lehrer, der beste Zugang zur besten Bildung – ist, die Erfolgsgeschichten garantieren. Es gehe vielmehr darum gut, bzw. intelligent, schlau, sozial kompetent genug zu sein, um es zum Erfolg zu schaffen, wobei sich oft anfängliche Schwierigkeiten und Katastrophenerfahrungen später als rettenden und wegweisende Lernmöglichkeiten herausstellen.

In diesem Teil des Buches macht Gladwell erfreulicherweise nicht den Fehler, mit purem Optimismus aus jedem Unglück eine positive Erfahrung und Hoffnungsbotschaft destillieren zu wollen. Er stellt jedoch dar, wie genau jene Faktoren, die im ersten Hinblick als Zeichen des drohenden Misserfolgs gewertet werden konnten, 10 Jahre später – nach technischem Fortschritt oder einem Paradigmenwechsel im betreffenden Feld – zu Erfolgsgaranten wurden.

Die Grundbotschaft: Die wahrhaft Erfolgreichen sind jene, die Glück hatten und für die Randy Pausch schrieb: Luck is truly where preparation meets opportunity.

Für die opportunity, das wird bei Gladwell implizit deutlich, kann niemand etwas. Wir können nicht das Jahr beeinflussen, in dem wir geboren werden, in dem unsere Eltern zufällig zur richtigen Zeit an den richtigen Ort ziehen, wo wir im richtigen Moment die richtigen Menschen treffen, die unser Leben auf ungeahnt positive Weise beeinflussen werden. The next best thing – sei es nun die nächste technologische oder sozial-gesellschaftliche Revolution – lässt sich nicht vorhersehen und in die eigene Biographie einplanen.

Allerdings: Die Vorbereitung, die es uns ermöglicht nach dem Motto Carpe Diem das Beste aus unseren Umständen zu machen, diese Vorbereitung sollte möglichst vielen zuteil werden.

Als ein Beispiel dies zu erreichen, zitiert Gladwell das Knowledge is Power Program. Das KIP Programm ist eine Initiative, die es sich vorgenommen hat, den ärmsten und unterprivilegiertesten Kindern in den USA (im Beispiel des Autors New York) die Chance zu geben sich aus der Armut herauszuarbeiten. Dazu ist ein rigides und strukturiertes Programm am Start, welches den Kindern Tagesabläufe  abverlangt, die vom Umfang mit denen von Junganwälten und Ärzten in Ausbildung vergleichbar sind. Die Erfolge des Programms sprechen für sich und die Kinder erhalten neben der Chance tatsächlich den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen die notwendige Qualitätszeit, um zu Lernen und sich mit den Einstellungen auszustatten, die ihnen später zum Erfolg verhelfen.

Die Berichte aus dem KIPP erinnern stark an Geoffrey Canadas Harlem Children’s Zone und weisen in einen Problemkreis, der uns auch in Europa nicht fremd ist: Die Bedeutung des sozialen Kapitals für die Entwicklung von Kindern.

Daran geknüpft sind zwei Strategien zur Kindererziehung. Die Strategie der „konzertierten Kultivierung“ für Kinder der Mittelklasse‑ und Oberschichtfamilien, welche durch die Eltern gefördert, gefordert und letztlich vorbereitet werden auf ein erfolgreiches Leben als selbstbewusste Erwachsene. Gleichzeitig werde in unterprivilegierten Familien eher die Strategie der „Erfolgs durch natürliche Entwicklung“ (accomplishment of natural growth) verfolgt, so Gladwell, der sich auf die Studie von Annette Lareau bezieht.

Während also für Kinder aus der Mittel‑ und Oberschicht in der schulfreien Zeit Lern‑ und Entwicklungsmöglichkeiten organisiert würden, seien Kinder aus der Unterschicht nicht in organisiertes Lernen eingebunden, was ihnen einen akkumulierten Nachteil im Vergleich zu Altersgenossen aus privilegierteren Familien verschaffe. Das Urteil Gladwells: Nicht die Schulen sind das grundsätzliche Problem, sondern die Zeit, die die Kinder nicht beschult werden.

An dieser Stelle stimme ich nicht ganz mit dem Autor überein: Sein gesamtes Buch ist gut recherchiert und fundiert argumentiert, allerdings behandelt er häufig seine exemplarischen Anekdoten als gäbe es nur eine Moral der Geschicht‘, nämlich jene, auf die er hinaus will.

In diesem Fall: Die Umstände in ihrer Gesamtheit sind wichtig, und der Einzelne muss in den richtigen Umständen landen, um erfolgreich zu werden. Während an dieser Hypothese nichts zu bemängeln ist, suspendiert Gladwell die Gesamtheit aber in manchen Beispielen um rasch zu einer pointierten Aussage zu kommen. Als es bspw. um die öffentlichen Schulen in den USA geht, schreibt er:

Marita doesn’t need a brand-new school with acres of playing fields and gleaming facilities. She doesn’t need a laptop, a smaller class, a teacher with a PhD, or a bigger apartment. She doesn’t need a higher IQ or a mind as quick as Chris Langan’s. All those things would be nice, of course. But they miss the point. Marita just needed a chance.“

–Gladwell, S. 269

Meiner Meinung nach lässt Gladwell nicht nur in diesem Beispiel die akkumulierten positiven Effekte dessen, was die – u. a. von Bourdieu beschriebenen – diversen Kapitalformen mit sich bringen, unter den Tisch fallen. Allerdings liegt er mit der grundsätzlichen Gewichtung richtig: Ohne opportunity keine Chance und kein Erfolg. Dennoch ist insbesondere in dem für mich sehr gut nachvollziehbaren Schulbeispiel deutlich, dass Gladwell zumindest in dieser Anekdote ceteris paribus vorgeht und andere Faktoren zwar nicht als unwichtig einstuft, aber zumindest voraussetzt, dass sie die schon beschriebenen Mindesthürden zum Erfolg nehmen.

Um kurz bei dem Bildungbeispiel zu bleiben: In diesem Fall gibt es auch nachgewiesenermaßen Erfolgsfaktoren, die für sich genommen ähnlich großen Einfluss haben wie die Bildungsmöglichkeit für SchülerInnen. Im New York Times Magazine las ich vor zwei Tagen einen faszinierenden Artikel über den aktuellen Stand dessen, was im US-amerikanischen Raum versucht wird, um „gute Lehrer“ auszubilden: Building a Better Teacher. Auch dieser Artikel räumt mit einem Mythos auf, dem nämlich, zum guten Lehrer sei man notwendigerweise „geboren“. Der fatale Umkehrschluss ist häufig: Entweder man ist ein guter Lehrer, oder man ist eben nicht zum Lehren geboren. Die empirischen Sozialforscher versuchen dem gerade auf den Grund zu gehen und haben verschiedenen Ansätze entwickelt, zu kondensieren wie Lehrer zu guten Lehrern trainiert werden können.

Dies nur als einen Einschub, der zeigen soll, dass es nicht (nur) einer non-plus-ultra Theorie bedarf um Komplexitäten wie das Bildungssystem zu reformieren.

Wieder zurück zu Gladwell: Dieser hangelt sich von der Gesundheit einer ausgewählten Community über Flugzeugabstürze, den Erfolg jüdischer Einwanderer in New York mit Berufen in der Textilindustrie und verschiedene Bildungssystem und deren Zusammenhang mit unseren Vorfahren und deren Agrarkultur geradewegs zu den frühesten Wunderkindern der Technologien des 21. Jahrhunderts.

Bestechend ist die klare und einleuchtende Argumentation: Der Autor arbeitet sich von komplexen sozialen Strukturen zu den Einzelgeschichten und zurück zu Problemlösungen. Mit bewunderswerter Leichtigkeit3 beschreibt er ein großes Tabuthema unserer Zeit und verknüpft es mit eingängigen Szenarien, die die Tragweite der zugrunde liegenden, kulturellen Unterschiede verdeutlichen: Er bespricht eine „Ethnic Theory of Plane Crashes“ (Kapitel 7, S. 177–223) und adressiert die unbequeme soziale Wirklichkeit, die zu oft das Opfer gängiger Politial Correctness wird.

Mit Hofstedes Arbeit zu kulturellen Unterschieden (Culture’s Consequences) kontextualisiert Gladwell wie Flugzeugabstürze durch für die Beobachterin qualvoll offensichtliche Fehlkommunikationen verursacht statt verhindert werden. In einem nächsten Beispiel zeigt der Autor die Verbindung von Sprache (natürlicher, d.h. zufälliger Voraussetzung/Umgebung) und den herausragenden mathematischen Fähigkeiten asiatischer Nationen auf. Er endet seine Abenteuerreise mit einem Ausflug in die eigene Familiengeschichte, der eben solche kulturellen Fallstricke, Erfolgsgeschichten und historische Zufälligkeiten eigen sind, dass man glauben möchte, es sei Ironie des Schicksals, dass uns gerade Malcolm Gladwell ein Buch über die Gewöhnlichkeit des Außergewöhnlichen, die Gesetzmäßigkeiten des Kuriosen und die Macht der serendipity geschrieben hat.

Fazit:
Dieser höchst spannende, amüsant und gleichzeitig fundiert argumentierte Beitrag zur Entzauberung von Erfolgsgeschichten konzentriert sich auf wesentliche Grundbotschaften:

  • (Persönlicher) Erfolg ist kein Zufall. (Gladwell, 155)
  • Wir tendieren dazu, Erfolgsbiographien dem Individuum und seinen speziellen Charakterzügen, Fähigkeiten und speziellen, außerordentlichen Begabungen zuzuordnen – und nicht den Umständen, die zum Erfolg geführt haben.
  • Erfolg erwächst aus voraussagbaren und einflussreichen Umständen und Möglichkeiten. (Gladwell, 155)
  • Biographien sind mit einflussreichen Ressourcen ausgestattet: Kultur, Generation und Familiengeschichte sind entscheidende Einflussfaktoren auf Erfolgschancen.
  • Der kulturelle Hintergrund ist ein Vermächtnis welche die Zukunftschancen von vielen Generationen beeinflusst, auch wenn die kulturelle Praxis nicht mehr die aktuellen Gegebenheiten und Notwendigkeiten widerspiegelt.
  • Bereitschaft & Wille (motive, means) zur harten Arbeit sind notwendige Charaktereigenschaften – die Möglichkeit (opportunity)
  • Neben persönlichen Charaktereigenschaften gibt es Faktoren in unserer Community, welche Einflussgrößen auf unseren individuellen Erfolg sind.
  • Unser soziales und kulturelles Vermächtnis, die Zufallsgrößen auf die wir keinen Einfluss haben, müssen nicht über unseren Erfolg oder Misserfolg entscheiden: Man kann die negativen Auswirkungen begrenzen, neutralisieren und sogar ins Positive transformieren – so die entscheidenden Umgebungsvariablen beeinflusst werden.
  • Die Tätigkeit oder Arbeit, die in einen Erfolg münded, wird von den Ausführenden als bedeutsam (meaningful) empfunden.

Gladwell kontextualisiert diese Hypothesen anhand von derart signifikanten und gleichzeitig differenzierten Beispielen, dass man ihm die teilweise zart einseitige Blickrichtung nicht übel nehmen kann. Er präsentiert seine Anekdoten in einer Art und Weise, die den Denkprozess des Publikums leitet, welches sodann wie von selbst die Thesen destilliert, mit denen er seine Argumentation aufbaut. Seine Beispiele wirken als perfekt abgestimmte Brennpunkte, die Einblicke in das Gewebe der Sozialstruktur erlauben, welches sonst verborgen bleibt.

Outliers ist ein Lese‑ und Lernvergnügen für die interessierte Öffentlichkeit wie die Sozialwissenschaftlerin. Gladwell versteht es die Zahnräder zu enthüllen, die hinter der Fassade werkeln, die gesellschaftliche Zeiger in Bewegung versetzten – vorwärts, rückwärts und beschleunig.

Wer allerdings einen Ratgeber zum persönlichem Erfolg oder einen Selbsthilfeband zur Erweckung des inneren Genies sucht, wird mit dem neuesten Gladwell Band enttäuscht sein – obgleich das Buch unter Psychology & Self-help gelabelt zu sein scheint. Der Untertitel des Buches lautet nicht ohne Grund The Story of Success – nicht „to“ Success.

Die Moral des Buches ist ähnlich frappierend wie viele Wegweiser der Neo-Zen‑ & GTD-Kultur, die momentan im Web allerorten kursieren: Persönlicher Erfolg ist nicht 100%ig auf individuelle Anstrengungen zurückzuführen. Viele Dinge müssen glücklich zusammentreffen um zum Ziel zu kommen. Aber Hartnäckigkeit und die Bereitschaft zu ehrlicher und harter Arbeit sind Grundvoraussetzungen ohne welche es kein nachhaltiges Erfolgserleben gibt.

Interessant in diesem Kontext dürfte das Framework sein, welches von Gladwell benannt und auch oft genug herausgestellt wird: Der Zusammenhang von harter, als sinnvoll empfundener Arbeit und erwartbar eintretendem Lohn. Der unfehlbare Zusammenhang von Anstrengungen und Belohnungen, der ersehbare Fortschritt für den Einzelnen, der sich aus den Leistungen ergibt.

Was aber, wenn in einer Generation, wie es auch Gladwell beleuchtet, keine noch so großen Anstrengungen auf die opportunity treffen, die Möglichkeit welche der fruchtbare Boden ist, auf den die langjährige Vorbereitung, die harte Arbeit und die hartnäckige Verfolgung des Zieles fallen? Oder: Was passiert wenn, wie in der Wirtschaftskrise von der wir uns nur langsam erholen, Umgebungsbedingungen vorherrschen, die eben nicht die erfolgversprechenden, die nachhaltigen, die unbequemen aber wünschenswerten Entscheidungen belohnen. Teile dieser Entwicklungen im gesellschaftlichen Bereich hat James Gilligan abgedeckt. Im Bereich der ökologischen Entwicklung sind Denker & Macher wie Ted Nordhaus, Michael Shellenberger und Michael Braungart zu nennen, die sich nachhaltigen Zukunftsentwicklungen widmen.

Gladwells Text, der zuerst 2008 bei Little Brown erschienen ist, wurde vermutlich fertiggestellt, bevor die Wirtschaftskrise in ihrem vollen Ausmaß zutage trat. Dennoch wäre es spannend diesen Text, der heute umso zutreffender ist, vor dem Hintergrund der Systeme und Gesellschaftsbereiche zu diskutieren, die eben genau falsche Anreize setzen und somit zu unerwünschten Erfolgen führen. Außerdem kann ich mich vorstellen, dass sich vor diesem Hintergrund Entwicklungsprojekte und Entwicklungszusammenarbeit im Hinblick auf deren Nachhaltigkeit fruchtbar diskutieren ließen.

Malcolm Gladwell (2009): Outliers. The Story of Success. Penguin: London.

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Wenn Du nach dem Lesen dieses Beitrags denkst Malcom Gladwells Outliers. The Story of Success. könnte Dich interessieren, hier einige andere Lesevorschläge & Quellen, die diesem Interesse entsprechen könnten:

  1. Zuerst beschrieben von Richard E. Nisbett & Dov Cohen (1996) in Culture of honor: the psychology of violence in the South.
  2. – mit dem Begriff möchte ich vorsichtig umgehen, da auch Gladwell ihn in seinem Buch vermeidet –
  3. – und es hat sicherlich viele viele Entwürfe und Revisionen gebraucht, bis es sich leicht liest –

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