The belief in a supernatural source of evil is not necessary. Men alone are quite capable of every wickedness.

—Joseph Conrad

Edvard Munch (1893) — Der SchreiEdvard Munch (1893) — Der Schrei

 

Der letzte Freitag sollte das Ende einer siebenjährigen Reise für mich werden. Der Graduation Day für mein letztes Masterprogramm stand an. Der dritte Abschluss, der nicht zu einem Job führt. Mein finales Vollzeitbildungsunterfangen.

Seit Jahresende gibt es eine private Suboptimalität nach der anderen zu überstehen. Mittlerweile geht es mir recht gut, nachdem ich mich im Januar aufgerafft hab, meine eigenes Geschäft anzukurbeln (statt händeringend nach einem Job zu suchen für den mich zumindest kein Brite einstellt). Ich bin einfach nicht für den ganzen Recruitingzirkus gemacht.

Nachdem ich letzte Woche auf einer Mini-Konferenz in Bristol und bei einem Networking-Event in Oxford war, wollte ich die Woche (und die Studienzeit in England) mit den Kommilitonen aus dem zweiten Master ausklingen lassen.

Zur Graduation Ceremony hab ich es nicht geschafft. Zu der Zeit als ich die Tickets hätte bestellen und mich anmelden müssen, dachte ich, ich wäre um diese Jahreszeit in Deutschland bei einem Trauerfall. Das hatte sich glücklicherweise erledigt. Allerdings hab ich nicht schnell genug reagiert um mich doch noch um die Abschlussfeiertickets kümmern zu können. Jedenfalls war dann, als endlich klar war, dass ich vor Ort bin und teilnehmen könnte, natürlich schon alles zu spät. Egal, so Feiern sind ja auch eher für die Familie als für die, die stundenlang darauf warten 200 Namen vorgelesen und ein Papierchen in die Hand gedrückt zu bekommen.

Am Freitag Nachmittag ging es also kurzfristig in den Pub nach Watchfield, in dem sich einige der Frischabsolventen trafen. Es war gut zu hören, wie es den anderen ergangen ist und was sie jetzt machen. Bis auf zwei KommilitonInnen hat meines Wissens nach niemand einen Job im Forensik-Bereich gefunden. Da ich furchtbar schlecht im Kontakt halten und Facebooken bin, hab ich einiges Neues im Pub erfahren. Unter anderem von einem tragischen Todesfall mit kriminalistischen Anklängen im Umfeld unseres Studiengangs. Krasse Sache.

Die Teilnahme am Umtrunk (für mich, zwecks Eigentransport, ohne Alkohol) war allerdings keine so grandiose Idee: Ich war nach einer anstrengenden Woche total übermüdet und einfach nicht mehr in der Lage, mir anzuhören wie phantastisch erfolgreich (oder auch nicht) die lieben Mitstudierenden aus der für mich schlimmsten Bildungsentscheidung meines Lebens hervorgegangen sind. Entsprechend war ich kein guter Sportskamerad unter Trinkern mit der Lizenz zum neuen Titel.

Jedenfalls ist es jetzt vorbei. Fast 12 Monate nach der Abgabe der zweiten Masterarbeit ist es mit der Uni-Affiliation endgültig vorbei.

What a long, strange trip it’s been.

Und dann die Sache in Norwegen.

Kurze Rekapitulation

Vor über 15 Jahren hab ich mich für Forensik & Anthropologie als Betätigungsfelder entschieden. 2003 habe ich angefangen Anthropologie und die menschliche Kapazität für das Böse zu studieren. Nach drei Jahren unter Psychologen, Sozialwissenschaftlern, Neurobiologen, Büchern, Inhaftierten und Pädophilen war ich nicht viel schlauer.

Das nächst größere Böse musste her. Konflikt‑ und Genozidforschung führten nach Südafrika, Rwanda, Kambodscha und ans Massengrab. Strafrecht und Theologie eröffneten einen neuen Rahmen für die Suche nach der Ursach’ allen Übels, wobei mir aber erst nach drei Jahren und dem Lesen von James Gilligan wirklich ein wenig das Licht flackerte.

Weiter zum nächst konkreteren Bösen, in die Forensik. Land gewechselt, Mann und Hund im Schlepptau, aber dem Bösen nicht wirklich weiter auf der Spur. Das Studium in England, ein kafkaesker Unwirklichkeitstrip und unter den Top 5 der schwersten Dinge, durch die ich mich je gequält habe.

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich

Vor einer Woche diskutierte ich mit einer Freundin in einer Skype Konversation:

ich mag ja die philosophie und sozialphilosophen etc.
aber die tatsache dass philos ueber jahrhunderte davon ausgehen, dass wir einen gesellschaftsvertrag ueberhaupt brauchen, sagt fuer mich so viel ueber die natur des menschen

darueber bin ich sehr im konflikt mit mir

ich wuerd schon sehr sehr sehr gerne daran glauben, dass wir alle gut sind, innen drin
aber gedanklich halt ich es doch eher mit Goethe & Herrn Faust
(und J.K. Rowling natuerlich)

Zwey Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

It is not our abilities that show what we truly are, it’s our choices

(Unsere Natur-des-Menschen‑ und Glauben-an-die-Menschheit-Debatte war aufgehangen an einem wirklich… unerfreulichen Kundenkontakt, von dem mir die Freundin vorher erzählt hatte, zwecks emotionaler Hygiene. Aber das ist eine Geschichte für sich und es ist nicht an mir, sie zu berichten.) Der Potter-Verweis lag nahe, da ich die Woche zuvor täglich drei Stunden im Kino verweilte, zur Vorbereitung auf den letzten Teil. (Auch eine Geschichte für ein anderes mal…)

Jedenfalls erstaunt mich folgender Fakt: Mit dem ersten Lesen der Faust-Tragödie vor etwa 10 Jahren habe ich irgendwie alles zur Beurteilung der menschlichen Natur in Hand & Hirn gehabt, was ich heute brauche, um zu dem Schluss zu kommen, dass es doch im Entscheidungsbereich des Einzelnen liegt, das Richtige zu tun. Tolkien, Kästner und Mutti hatten Recht:

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Erschreckend, aber wahr. Agency & freier Wille, viel mehr ist da nicht, wenn wir es herunterbrechen mögen.

Und dann kam Norwegen.

Das Land wurde von einem in Friedenszeiten nicht gekannten Terrorakt erschüttert. Um das Ganze in den Kontext zu setzen: Was ein Einzelner dort angerichtet hat, die ungekannten Verluste, die zu beklagen sind, das Ausmaß der Trauer, die Norwegen erfasst… Das Drama ist auf jede nur erdenkliche Weise tragisch, traurig und traumatisch. Man schämt sich, zur gleichen Art zu gehören, wie das Exemplar, das dachte über Leben und Tod von Mitmenschen walten zu dürfen.

Angesichts der unrühmlichen journalistischen Berichterstattung beeindruckte mich die souveräne, sehr “skandinavische” Reaktion des Bürgermeisters von Oslo:

We will punish the guilty. The punishment will be more generosity, more tolerance, more democracy.

Fabian Stang

Auch als Konfliktforscherin, Anthropologin und Psychologin möchte ich bei solchen Ereignissen “hinschmeißen” und den Glauben an die Menschheit verlieren.

Und dann geht doch recht fix die Kompartimentierung los: Mikro, Meso‑, Makro-Ebenen. Denn

  1. Wen interessiert es, ob man den Glauben verliert?
  2. Analytisch betrachtet, ist ein „Ausreißer“ in über 60 Nachkriegsjahren kein schlechter Schnitt für eine Gesellschaft.

1. Die Welt dreht sich weiter.

Im Bett verkriechen, heulen und zum Trotz gegen die Welt die Haare nicht mehr waschen, hilft erwiesenermaßen in keiner Situation weiter. Die Sachlage bleibt unverändert, diese Haltung ist unproduktiv.

2. Wenn Makro und Mikro kein Venn-Diagramm ergeben.

Es wird immer Leute geben, die – aus welchen Gründen auch immer – die Kontrolle verlieren und sich nicht an die Spielregeln innerhalb einer Gemeinschaft halten. Das Grauenhafte an solchen Massaker‑ und Amok-Fällen ist, dass diese Täter in der Lage und bereit sind, so viele andere Menschen mit sich in den Abgrund zu reißen.

lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.[1]

Homo, sacra res homini,…[2]

Q.E.D.

Anders als bei Naturkatastrophen und Ereignissen höherer Gewalt sind bei menschenverursachten Katastrophen Verantwortliche sichtbar. Schuld kann zugewiesen werden.

Man will ihn eigentlich nur hängen sehen, den Bastard.

Da spricht die Amygdala & das limbische System aus uns. Für solche Fälle wünschen wir uns Lex talionis, cruel & unsual punishments und die “gute alte Zeit” zurück. Und dann kommt uns der Rechtsstaat (und Aristoteles) zu Hilfe:

Darum ist das Gesetz eine Vernunft ohne Streben.[3]

Errare humanum est

Menschen sind fehlerbehaftet, by default. Einen Zustand 100%iger Sicherheit vor den Verfehlungen und unkontrollierten Impulsen unserer Mitmenschen gibt es nicht. Insbesondere, wenn mehr als einer von uns diesen Planeten bewohnt.

Dass ein Mitmensch uns ans Leben will, seinem Gegenüber Gewalt antut, das widerspricht dem impliziten zwischenmenschlichen Vertrag, dem Vertrauen, das wir einander entgegenbringen. Einmal erschüttert, ist es schwer, sich von diesem Vertrauensbruch zu erholen. Der Mitmensch wurde zum gefährlichsten Tier, der unberechenbare Unbekannte.

In Norwegen hat man bereits angefangen nach den Ursachen, den systematischen Problemstellen und gesellschaftlichen Bruchstellen zu suchen:

If he could be defined as crazy, the political brunt is removed. He becomes a causa sui, his own cause. Norway could lift from US 9⁄11 speeches about “evil”, “nothing to do with anything we have done”. But maybe “something we have not done”, like not spotting him?

Johan Galtung, Norway 7⁄22. What? And Then What?

Dennoch: Der einmalige Supergau in der Nachkriegszeit ist – so man in diesem Fall davon sprechen kann – statistisch gesehen, eine “gute Bilanz”. Das heißt, grundsätzlich macht die norwegische Gesellschaft etwas richtig, ansonsten gäbe es mehr “Ausreißer”.

Die Frage, wie ein Land die Aufruhr und die Welle der Angst verkraftet, die durch diesen Vertrauensbruch ausgelöst wurde, ist eine andere.


  1. Titus Maccius Plautus: Asinaria, 495. ↩
  2. Lucius Annaeus Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, XCV, 33. ↩
  3. III.1287a32, Übersetzer Gigon (1996, S. 133, Z. 32f.); oder, treffender auf Englisch: The law is reason unaffected by desire. Law is reason free from passion. ↩

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