Mit 10 hörte ich auf Kinder‑ und Jugendbücher zu lesen, denn sie erzählten von einer falschen Realität, das hatte alles nichts mit dem wirklichen Leben zu tun. Ich wusste schon, dass nicht alles wahr ist, was in der Zeitung steht und dass nicht jeder immer die Wahrheit sagt. Ich hatte eine vage Vorstellung vom Bösen und sah ein, dass Tierärztin angesichts meiner vielen Allergien wohl nicht meine Berufung sein kann.
Mit 11 steckte ich mich mit Hepatitis A an und lernte das Wort „Infektionskrankheit“ in all seinen Bedeutungsdimensionen am eigenen Leib kennen als ich sechs Wochen auf der Quarantänestation zubrachte.
Mit 12 hatte ich bereits den dritten Schulwechsel hinter mir und begriff, dass 99 % aller Menschen gleich sind, es in jeder Gruppe die gleichen Typen in etwa gleicher Verteilung gibt und es nur darauf ankommt, das eine Prozent besonderer Menschen zu finden, die einem zu Herzen gehen. Gleichzeitig wurde mir klar, dass—egal, wie sehr ich meinen aktuellen Lieblingsfeind gerade hasste—auch dieser Mensch einen besten Freund oder eine beste Freundin hat. Alles ist subjektiv.
Als ich 13 Jahre alt war, starb meine beste Freundin an Leukämie. Ich begriff, dass die, die wir lieben, nicht automatisch verschont bleiben, auch wenn wir besonders darum kämpfen. Ich lernte, dass der Tod zum Leben gehört. Ohne das Saure, kein Süßes. Shit happens.
Mit 13 sah ich auch eine Reportage über JonBenét Ramsey. Der Fall schlug damals gerade in den USA ähnliche Wellen wie zwei Jahre zuvor der Prozess gegen O. J. Simpson. Es gab keine Aufklärung, bis heute nicht. JonBenét Ramsey, im Alter von sechs Jahren am zweiten Weihnachtstag 1996 ermordet und im Haus ihrer Eltern aufgefunden, beschäftigte die Untersuchungsbehörden und Ermittlungsinstanzen in Boulder, Collorado, über alle Maßen. Monatelang hielt ein Medienspektakel an, welches bis nach Europa schwappte.
Ich verfolgte den Fall in den Medien und konnte nicht fassen, wie wenig die zuständigen Behörden ausrichten konnten. Der Fall wurde bis heute nicht aufgeklärt, eine Ermittlungspanne jagte die nächste, die Gerüchteküche und die Presse verwandelten das kleine Städtchen in Collorado in einen Hexenkessel. Wilde Spekulationen waren häufiger Thema der Berichterstattung als Ermittlungserfolge. Nachdem die Ermittlungen eingestellt wurden, ohne Prozess, ohne Schuldspruch, ohne Indiz auf den Täter oder weitere Erkenntnisse um den Tod der kleinen JonBenét war ich überzeugt davon, dass Menschen—davon gab es im Tohuwabohu in Boulder schließlich genug—keine verlässliche Möglichkeit waren, Verbrechen dieser Art aufzuklären. Jeder in diesem Verfahren schien korrupt, zwielichtig oder übereifrig, seine eigenen Ziele zu verfolgen—oder zumindest wurde es so dargestellt. Wahrheit ist immer eine ambivalente Sache, aus persönlicher Sicht. Alles ist relativ.
Was ist das für eine Welt, in der ein sechsjähriges Mädchen zu Weihnachten verschnürt und umgebracht wird? Das fragte ich mich damals und diese Frage stelle ich mir zuweilen heute noch. Damals hatte ich für mich beschlossen, dass es kein Verlassen auf Menschen gibt, die ihre eigenen Interessen wahren müssen. Schon der Fall O. J. Simpson hatte gezeigt, dass es unabhängige Experten für Beweise braucht. Beweise lügen nicht, Menschen schon.
In den nächsten Jahren wurden Bücher geschrieben und Filme gedreht. Reportagen deckten Ermittlungsfehler, zeigten aber auch, wie sehr dieser Fall alle Zuständigen an ihre Belastungsgrenzen brachte. Alles deutete sehr lange darauf hin, dass mal wieder ein Täter, der ein grausames Verbrechen begangen hatte, davon kommt. Tote gehen nicht wählen, Mordopfer erst recht nicht. Sowas macht mich unglaublich wütend.
Etwa mit 14 hörte ich auf, Mainstream-Teenie-Pop zu hören, weil mir klar wurde, dass ihn alle hören, weil er für alle gemacht wird. Der Mittelwert aus den Teenie-Tagebüchern einer ganzen Generation hat im Text halt wenig Besonderes zu bieten und eigentlich sprachen sie am allerwenigsten mich an, also: weg damit. Ich stellte fest, dass es Soundtracks gibt, die besser sind als die Filme, für die sie gemacht wurden.
Nachdem fünften Schulwechsel in die Oberstufe eines naturwissenschaftlich ausgerichteten Gymnasiums kam mein zweiter Wunschleistungskurs—Chemie—nicht zustande. Ich landete im Deutsch-LK und bekam im ersten Jahr dort gerade so eine 3 minus. Ein Jahr später schrieb ich bis zum Abi keine Klausur mehr unter 13 Punkten und wiederum zwei Jahre später wechselte ich an der RUB mein zweites Studienfach—Archäologische Wissenschaften—nach einem Semester, weil mir die Bücher so sehr fehlten, um mich im Fach Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft einzuschreiben, welches ich vier Semester später mit 1.0 abschloss.
Als ich in der 12. Klasse im Leistungskurs Biologie eine Facharbeit zum Thema „Gentechnik“ schreiben sollte, wählte ich die Einsatzmöglichkeiten der modernen molekularbiologischen Möglichkeiten in der Forensik zum Thema und beleuchtete u. a. den Fall O. J. Simpson und die Anstrengungen zur Aufklärung der Identität Kaspar Hausers anhand von Blutproben. Ergebnis: 1.0, 15 Punkte, mit einer Bemerkung, es klinge nicht so, als wüsste ich, wovon ich schreibe. Ich hatte mich damals intensiv eingelesen, um einen adäquaten Fachsprachgebrauch zu gewährleisten. In diesem Feld der Biologie ist das besonders wichtig, aber aufgrund der relevanten chemischen Grundlagen und komplexen Vorgänge im Zellkern nicht ganz einfach. Damals gab es den genialen Evolution 101-Podcast von Dr. Zach noch nicht. Der Fachsprachgebrauch war dann auch ok, allerdings eher auf Vordiplomsniveau denn auf Oberstufenanforderungen getrimmt und daher wohl etwas – overpimped. Was soll ich sagen? Ich war enthusiastisch und wusste genau, wovon ich sprach. Schule fand ich auch nie gut und an der Uni sollte schließlich alles anders werden.
Etwa in diesem Zeitraum hatte ich einen Autounfall und lernte die Grausamkeit der Presse im lokalen Rahmen am eigenen Leib kennen. Ich lernte außerdem, dass man mit einem Schädel-Hirn-Trauma sehr wohl arbeiten gehen kann und dass Dreistigkeit immer siegt.
Mit 19 bewarb ich mich für den einzigen Anthropologie-BA-Studiengang in Deutschland an der RUB. Ich zog ans andere Ende von Deutschland und unterschrieb den Mietvertrag ohne eine Zusage für den Studienplatz zu haben, aber mit dem Abi als Jahrgangszweite meiner Schule und einem Büchergeldstipendium für die ersten 4 Semester in der Tasche.
Ziel: Sozialpsychologie—als Schnittmenge zwischen Gesellschaft & Individuum, Gesetzen als verbindliche Normen einer Gemeinschaft und den Menschen in ihr, die sich davon in ihrem Handeln leiten lassen—und Sozialanthropologie studieren, um hinterher einen Master in forensischer Psychologie oder forensischer Anthropologie anschließen zu können.
Im ersten Studienjahr wurde ich Gründungsmitglied der Bochumer Kriminologischen Haftgruppe und lernte dort die Lebensrealität von jenen kennen, die teilweise einmalig, teilweise dauerhaft außerhalb der gesellschaftlichen Normen und des rechtlich Erlaubten leben.
Ich begriff, dass Zuhause nicht unbedingt eine Sache des Ortes ist und dass es Orte geben kann, an die man 100%ig passt und eben solche, wo das nicht der Fall ist, was nicht zwangsläufig an einem selbst liegen muss. Es sind die Menschen, die das eigene Zuhause zu einem solchen machen.
Ich ging also ans andere Ende von Deutschland und fand Freunde. Die regelmäßigen Besuche im Gefängnis wurden zur Normalität, alles lief gut. Mein Leben nahm Gestalt an. Für die Abschlussarbeit suchte ich mir ein Forschungsprojekt an der Uni, was total überdimensioniert war. Titel: „Wahrnehmung von Point-Light-Walkern bei (pädophilen) Sexualstraftätern.“ Nach Dauerstress von Oktober 2005 bis Mai 2006 war ich fertig, die Arbeit geschrieben und die Abschlussprüfungen lagen hinter mir. Alles pünktlich ein Semester früher, um die Bewerbungsdeadline für das Masterprogramm in Marburg zu halten. Im Praktikum hatte ich—während der Auswertung von unzähligen Akten einschlägiger Straftäter—festgestellt, dass eine Arbeit direkt im Vollzug wohl auf Dauer nichts für mich wäre. Also doch: Draußen arbeiten.
Mit 22.5 habe ich den Bachelor of Arts (B.A.) in Sozialpsychologie, Sozialanthropologie und Literaturwissenschaft. Ich kenne viele tolle neue Worte & Autoren, halte aber immer noch—trotz aller Experimentierfreude in Richtung „moderne Literatur“ im Studium—Shakespeare & Goethe (und viele bis sagen wir zur Jahrhundertwende um 1900) für die Größten. Ich verstehe trotz Menschenkundestudiums nicht, wie manche Mensche sich und anderen manche Grausamkeit zufügen können.
Also wieder: Umziehen und diesmal Friedens‑ und Konfliktforschung studieren. Mittlerweile weiß ich ja, dass das Böse nicht in Boulder, Colorado sitzt. Viel schlauer bin ich aber nicht, also muss ich weiter suchen und lernen.
Im Januar 2007 werde ich mich bei Interpol und beim DVI bewerben, um dort mein internationales Pflichtpraktikum durchführen zu können.
Alles sieht bisher ganz gut aus: Der B.A. ist—Dank harter Arbeit—gut geworden und mit meinem ehrenamtlichen Engagement und dem Forschungspraktikum werde ich gute Chancen auf einen Platz in den Masterprogrammen haben. Im Moment würde ich die forensische Anthropologie vorziehen, die Kombination mit Völkerrecht, internationalen Konfliktregionen und Friedensarbeit liegt zwar nahe, aber bei Forensik handelt es sich um eine faktenorientierte Wissenschaft, keine Diskussionsorientierung im Theorieraum ohne Anspruch der Übertragbarkeit in Alltagsrealitäten.
Und was habe ich bisher gelernt?
- Umwege verbessern die Ortskenntnis.
- Nicht immer ist das, was andere Dir raten auch das Beste für Dich.
- Nicht immer ist das Richtige ohne Opfer zu erreichen.
- Hartnäckigkeit führt zum Ziel, aber gegen Murphy ist kein Kraut gewachsen.
- Manchmal stellt sich im Nachhinein heraus, dass eine unbequeme Entscheidung goldrichtig war.
- In Deutschland darf man nicht alles erreichen wollen.
- Was heute richtig ist, kann morgen schon falsch sein.
- Du musst sehr genau wissen, was Du willst und dann mit aller Macht & Sturheit Deinen Weg durchziehen.
- Man muss Prioritäten setzen und immer einen Plan B haben.
- Das Wetter im Pott ist wechselhaft schlecht.
- Ich kann 80 Stunden pro Woche arbeiten.
- Ich bin multitasking-fähig, ein Planungs‑ und Strukturtalent, denke aber zu kompliziert um etwas auf simple Art zu tun und mache mir so durch zu viel Nachdenken über alles das Leben schwer.
- Ich bin total unpragmatisch veranlagt, zumindest was den Lebensalltag angeht.
- Manche Dinge ändern sich nie.
- Sehr kleine Dinge können mich sehr erfreuen, gelbe Wände z. B.
- Marginale Unpässlichkeiten werden durch große Worte zu Katastrophen.
- Ich will nie hinter dieser Äußerung stehen (ging mir mal per Postkarte zu): „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“
- Ich habe ein Helfersyndrom und ein Problem mit Langeweile.
- Alles muss eine Herausforderung sein.
- Nach drei Jahren an einem Ort setzt der Fluchttrieb ein.
- Friends & die Gilmore Girls sind im Originalton unschlagbar; und: einmal so (live) erlebt, sind sie in der deutschen Synchro nicht mehr zu ertragen.
- LaTeX rulez.
- Kaffee auch.
- Wenn du etwas richtig tun willst, musst du es allein tun und darfst Dich nicht auf andere verlassen.
- Schlimme Dinge passieren einfach.
- Auf das Beste hoffen und auf das Schlimmste vorbereitet sein.
- Es lohnt sich immer für das einzutreten, was einem wichtig ist.
- Besondere Menschen erfordern besondere Maßnahmen.
Nach 10 Jahren gibt es einen—wenn auch unglaubwürdigen—Verdächtigen im Fall JonBenét Ramsey.Nichts ist unmöglich.
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