Amy auf Læsø 2005

Mit 10 hörte ich auf Kinder‑ und Jugend­bü­cher zu lesen, denn sie erzähl­ten von einer fal­schen Rea­li­tät, das hatte alles nichts mit dem wirk­li­chen Leben zu tun. Ich wusste schon, dass nicht alles wahr ist, was in der Zei­tung steht und dass nicht jeder immer die Wahr­heit sagt. Ich hatte eine vage Vor­stel­lung vom Bösen und sah ein, dass Tier­ärz­tin ange­sichts mei­ner vie­len All­er­gien wohl nicht meine Beru­fung sein kann.

Mit 11 steckte ich mich mit Hepa­ti­tis A an und lernte das Wort „Infek­ti­ons­krank­heit“ in all sei­nen Bedeu­tungs­di­men­sio­nen am eige­nen Leib ken­nen als ich sechs Wochen auf der Qua­ran­tä­ne­sta­tion zubrachte.

Mit 12 hatte ich bereits den drit­ten Schul­wech­sel hin­ter mir und begriff, dass 99 % aller Men­schen gleich sind, es in jeder Gruppe die glei­chen Typen in etwa glei­cher Ver­tei­lung gibt und es nur dar­auf ankommt, das eine Pro­zent beson­de­rer Men­schen zu fin­den, die einem zu Her­zen gehen. Gleich­zei­tig wurde mir klar, dass—egal, wie sehr ich mei­nen aktu­el­len Lieb­lings­feind gerade hasste—auch die­ser Mensch einen bes­ten Freund oder eine beste Freun­din hat. Alles ist subjektiv.

Als ich 13 Jahre alt war, starb meine beste Freun­din an Leuk­ämie. Ich begriff, dass die, die wir lie­ben, nicht auto­ma­tisch ver­schont blei­ben, auch wenn wir beson­ders darum kämp­fen. Ich lernte, dass der Tod zum Leben gehört. Ohne das Saure, kein Süßes. Shit happens.

Mit 13 sah ich auch eine Repor­tage über Jon­Be­nét Ram­sey. Der Fall schlug damals gerade in den USA ähnli­che Wel­len wie zwei Jahre zuvor der Pro­zess gegen O. J. Sim­pson. Es gab keine Auf­klä­rung, bis heute nicht. Jon­Be­nét Ram­sey, im Alter von sechs Jah­ren am zwei­ten Weih­nachts­tag 1996 ermor­det und im Haus ihrer Eltern auf­ge­fun­den, beschäf­tigte die Unter­su­chungs­be­hör­den und Ermitt­lungs­in­stan­zen in Boul­der, Col­l­orado, über alle Maßen. Mona­te­lang hielt ein Medi­en­spek­ta­kel an, wel­ches bis nach Europa schwappte.

Ich ver­folgte den Fall in den Medien und konnte nicht fas­sen, wie wenig die zustän­di­gen Behör­den aus­rich­ten konn­ten. Der Fall wurde bis heute nicht auf­ge­klärt, eine Ermitt­lungs­panne jagte die nächste, die Gerüch­te­kü­che und die Presse ver­wan­del­ten das kleine Städt­chen in Col­l­orado in einen Hexen­kes­sel. Wilde Spe­ku­la­tio­nen waren häu­fi­ger Thema der Bericht­er­stat­tung als Ermitt­lungs­er­folge. Nach­dem die Ermitt­lun­gen ein­ge­stellt wur­den, ohne Pro­zess, ohne Schuld­spruch, ohne Indiz auf den Täter oder wei­tere Erkennt­nisse um den Tod der klei­nen Jon­Be­nét war ich über­zeugt davon, dass Menschen—davon gab es im Tohu­wa­bohu in Boul­der schließ­lich genug—keine ver­läss­li­che Mög­lich­keit waren, Ver­bre­chen die­ser Art auf­zu­klä­ren. Jeder in die­sem Ver­fah­ren schien kor­rupt, zwie­lich­tig oder übereif­rig, seine eige­nen Ziele zu verfolgen—oder zumin­dest wurde es so dar­ge­stellt. Wahr­heit ist immer eine ambi­va­lente Sache, aus per­sön­li­cher Sicht. Alles ist relativ.

Was ist das für eine Welt, in der ein sechs­jäh­ri­ges Mäd­chen zu Weih­nach­ten ver­schnürt und umge­bracht wird? Das fragte ich mich damals und diese Frage stelle ich mir zuwei­len heute noch. Damals hatte ich für mich beschlos­sen, dass es kein Ver­las­sen auf Men­schen gibt, die ihre eige­nen Inter­es­sen wah­ren müs­sen. Schon der Fall O. J. Sim­pson hatte gezeigt, dass es unab­hän­gige Exper­ten für Beweise braucht. Beweise lügen nicht, Men­schen schon.

In den nächs­ten Jah­ren wur­den Bücher geschrie­ben und Filme gedreht. Repor­ta­gen deck­ten Ermitt­lungs­feh­ler, zeig­ten aber auch, wie sehr die­ser Fall alle Zustän­di­gen an ihre Belas­tungs­gren­zen brachte. Alles deu­tete sehr lange dar­auf hin, dass mal wie­der ein Täter, der ein grau­sa­mes Ver­bre­chen began­gen hatte, davon kommt. Tote gehen nicht wäh­len, Mord­op­fer erst recht nicht. Sowas macht mich unglaub­lich wütend.

Etwa mit 14 hörte ich auf, Mainstream-Teenie-Pop zu hören, weil mir klar wurde, dass ihn alle hören, weil er für alle gemacht wird. Der Mit­tel­wert aus den Teenie-Tagebüchern einer gan­zen Gene­ra­tion hat im Text halt wenig Beson­de­res zu bie­ten und eigent­lich spra­chen sie am aller­we­nigs­ten mich an, also: weg damit. Ich stellte fest, dass es Sound­tracks gibt, die bes­ser sind als die Filme, für die sie gemacht wurden.

Nach­dem fünf­ten Schul­wech­sel in die Ober­stufe eines natur­wis­sen­schaft­lich aus­ge­rich­te­ten Gym­na­si­ums kam mein zwei­ter Wunschleistungskurs—Chemie—nicht zustande. Ich lan­dete im Deutsch-LK und bekam im ers­ten Jahr dort gerade so eine 3 minus. Ein Jahr spä­ter schrieb ich bis zum Abi keine Klau­sur mehr unter 13 Punk­ten und wie­derum zwei Jahre spä­ter wech­selte ich an der RUB mein zwei­tes Studienfach—Archäologische Wissenschaften—nach einem Semes­ter, weil mir die Bücher so sehr fehl­ten, um mich im Fach All­ge­meine und Ver­glei­chende Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ein­zu­schrei­ben, wel­ches ich vier Semes­ter spä­ter mit 1.0 abschloss.

Als ich in der 12. Klasse im Leis­tungs­kurs Bio­lo­gie eine Fach­ar­beit zum Thema „Gen­tech­nik“ schrei­ben sollte, wählte ich die Ein­satz­mög­lich­kei­ten der moder­nen mole­ku­lar­bio­lo­gi­schen Mög­lich­kei­ten in der Foren­sik zum Thema und beleuch­tete u. a. den Fall O. J. Sim­pson und die Anstren­gun­gen zur Auf­klä­rung der Iden­ti­tät Kas­par Hau­sers anhand von Blut­pro­ben. Ergeb­nis: 1.0, 15 Punkte, mit einer Bemer­kung, es klinge nicht so, als wüsste ich, wovon ich schreibe. Ich hatte mich damals inten­siv ein­ge­le­sen, um einen adäqua­ten Fach­sprach­ge­brauch zu gewähr­leis­ten. In die­sem Feld der Bio­lo­gie ist das beson­ders wich­tig, aber auf­grund der rele­van­ten che­mi­schen Grund­la­gen und kom­ple­xen Vor­gänge im Zell­kern nicht ganz ein­fach. Damals gab es den genia­len Evo­lu­tion 101-Podcast von Dr. Zach noch nicht. Der Fach­sprach­ge­brauch war dann auch ok, aller­dings eher auf Vor­di­ploms­ni­veau denn auf Ober­stu­fen­an­for­de­run­gen getrimmt und daher wohl etwas – over­pim­ped. Was soll ich sagen? Ich war enthu­si­as­tisch und wusste genau, wovon ich sprach. Schule fand ich auch nie gut und an der Uni sollte schließ­lich alles anders werden.

Etwa in die­sem Zeit­raum hatte ich einen Auto­un­fall und lernte die Grau­sam­keit der Presse im loka­len Rah­men am eige­nen Leib ken­nen. Ich lernte außer­dem, dass man mit einem Schädel-Hirn-Trauma sehr wohl arbei­ten gehen kann und dass Dreis­tig­keit immer siegt.

Mit 19 bewarb ich mich für den ein­zi­gen Anthropologie-BA-Studiengang in Deutsch­land an der RUB. Ich zog ans andere Ende von Deutsch­land und unter­schrieb den Miet­ver­trag ohne eine Zusage für den Stu­di­en­platz zu haben, aber mit dem Abi als Jahr­gangs­zweite mei­ner Schule und einem Bücher­geld­sti­pen­dium für die ers­ten 4 Semes­ter in der Tasche.

Ziel: Sozi­al­psy­cho­lo­gie—als Schnitt­menge zwi­schen Gesell­schaft & Indi­vi­duum, Geset­zen als ver­bind­li­che Nor­men einer Gemein­schaft und den Men­schen in ihr, die sich davon in ihrem Han­deln lei­ten lassen—und Sozi­al­an­thro­po­lo­gie stu­die­ren, um hin­ter­her einen Mas­ter in foren­si­scher Psy­cho­lo­gie oder foren­si­scher Anthro­po­lo­gie anschlie­ßen zu können.

Im ers­ten Stu­di­en­jahr wurde ich Grün­dungs­mit­glied der Bochu­mer Kri­mi­no­lo­gi­schen Haft­gruppe und lernte dort die Lebens­rea­li­tät von jenen ken­nen, die teil­weise ein­ma­lig, teil­weise dau­er­haft außer­halb der gesell­schaft­li­chen Nor­men und des recht­lich Erlaub­ten leben.

Ich begriff, dass Zuhause nicht unbe­dingt eine Sache des Ortes ist und dass es Orte geben kann, an die man 100%ig passt und eben sol­che, wo das nicht der Fall ist, was nicht zwangs­läu­fig an einem selbst lie­gen muss. Es sind die Men­schen, die das eigene Zuhause zu einem sol­chen machen.

Ich ging also ans andere Ende von Deutsch­land und fand Freunde. Die regel­mä­ßi­gen Besu­che im Gefäng­nis wur­den zur Nor­ma­li­tät, alles lief gut. Mein Leben nahm Gestalt an. Für die Abschluss­ar­beit suchte ich mir ein For­schungs­pro­jekt an der Uni, was total über­di­men­sio­niert war. Titel: „Wahr­neh­mung von Point-Light-Walkern bei (pädo­phi­len) Sexu­al­straf­tä­tern.“ Nach Dau­er­stress von Okto­ber 2005 bis Mai 2006 war ich fer­tig, die Arbeit geschrie­ben und die Abschluss­prü­fun­gen lagen hin­ter mir. Alles pünkt­lich ein Semes­ter frü­her, um die Bewer­bungs­dead­line für das Mas­ter­pro­gramm in Mar­burg zu hal­ten. Im Prak­ti­kum hatte ich—während der Aus­wer­tung von unzäh­li­gen Akten ein­schlä­gi­ger Straftäter—festgestellt, dass eine Arbeit direkt im Voll­zug wohl auf Dauer nichts für mich wäre. Also doch: Drau­ßen arbeiten.

Mit 22.5 habe ich den Bache­lor of Arts (B.A.) in Sozi­al­psy­cho­lo­gie, Sozi­al­an­thro­po­lo­gie und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft. Ich kenne viele tolle neue Worte & Auto­ren, halte aber immer noch—trotz aller Expe­ri­men­tier­freude in Rich­tung „moderne Lite­ra­tur“ im Studium—Shakespeare & Goe­the (und viele bis sagen wir zur Jahr­hun­dert­wende um 1900) für die Größ­ten. Ich ver­stehe trotz Men­schen­kun­de­stu­di­ums nicht, wie man­che Men­sche sich und ande­ren man­che Grau­sam­keit zufü­gen können.

Also wie­der: Umzie­hen und dies­mal Friedens‑ und Kon­flikt­for­schung stu­die­ren. Mitt­ler­weile weiß ich ja, dass das Böse nicht in Boul­der, Colo­rado sitzt. Viel schlauer bin ich aber nicht, also muss ich wei­ter suchen und lernen.

Im Januar 2007 werde ich mich bei Inter­pol und beim DVI bewer­ben, um dort mein inter­na­tio­na­les Pflicht­prak­ti­kum durch­füh­ren zu können.

Alles sieht bis­her ganz gut aus: Der B.A. ist—Dank har­ter Arbeit—gut gewor­den und mit mei­nem ehren­amt­li­chen Enga­ge­ment und dem For­schungs­prak­ti­kum werde ich gute Chan­cen auf einen Platz in den Mas­ter­pro­gram­men haben. Im Moment würde ich die foren­si­sche Anthro­po­lo­gie vor­zie­hen, die Kom­bi­na­tion mit Völ­ker­recht, inter­na­tio­na­len Kon­flikt­re­gio­nen und Frie­dens­ar­beit liegt zwar nahe, aber bei Foren­sik han­delt es sich um eine fak­ten­ori­en­tierte Wis­sen­schaft, keine Dis­kus­si­ons­ori­en­tie­rung im Theo­rie­raum ohne Anspruch der Über­trag­bar­keit in Alltagsrealitäten.

Und was habe ich bis­her gelernt?

  • Umwege ver­bes­sern die Ortskenntnis.
  • Nicht immer ist das, was andere Dir raten auch das Beste für Dich.
  • Nicht immer ist das Rich­tige ohne Opfer zu erreichen.
  • Hart­nä­ckig­keit führt zum Ziel, aber gegen Mur­phy ist kein Kraut gewachsen.
  • Manch­mal stellt sich im Nach­hin­ein her­aus, dass eine unbe­queme Ent­schei­dung gold­rich­tig war.
  • In Deutsch­land darf man nicht alles errei­chen wol­len.
  • Was heute rich­tig ist, kann mor­gen schon falsch sein.
  • Du musst sehr genau wis­sen, was Du willst und dann mit aller Macht & Stur­heit Dei­nen Weg durchziehen.
  • Man muss Prio­ri­tä­ten set­zen und immer einen Plan B haben.
  • Das Wet­ter im Pott ist wech­sel­haft schlecht.
  • Ich kann 80 Stun­den pro Woche arbeiten.
  • Ich bin multitasking-fähig, ein Planungs‑ und Struk­tur­ta­lent, denke aber zu kom­pli­ziert um etwas auf sim­ple Art zu tun und mache mir so durch zu viel Nach­den­ken über alles das Leben schwer.
  • Ich bin total unprag­ma­tisch ver­an­lagt, zumin­dest was den Lebens­all­tag angeht.
  • Man­che Dinge ändern sich nie.
  • Sehr kleine Dinge kön­nen mich sehr erfreuen, gelbe Wände z. B. :D
  • Mar­gi­nale Unpäss­lich­kei­ten wer­den durch große Worte zu Kata­stro­phen.
  • Ich will nie hin­ter die­ser Äuße­rung ste­hen (ging mir mal per Post­karte zu): „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“
  • Ich habe ein Hel­fer­syn­drom und ein Pro­blem mit Langeweile.
  • Alles muss eine Her­aus­for­de­rung sein.
  • Nach drei Jah­ren an einem Ort setzt der Flucht­trieb ein.
  • Fri­ends & die Gil­more Girls sind im Ori­gi­nal­ton unschlag­bar; und: ein­mal so (live) erlebt, sind sie in der deut­schen Syn­chro nicht mehr zu ertragen.
  • LaTeX rulez.
  • Kaf­fee auch. :)
  • Wenn du etwas rich­tig tun willst, musst du es allein tun und darfst Dich nicht auf andere verlassen.
  • Schlimme Dinge pas­sie­ren einfach.
  • Auf das Beste hof­fen und auf das Schlimmste vor­be­rei­tet sein.
  • Es lohnt sich immer für das ein­zu­tre­ten, was einem wich­tig ist.
  • Beson­dere Men­schen erfor­dern beson­dere Maßnahmen.

Nach 10 Jah­ren gibt es einen—wenn auch unglaub­wür­di­gen—Ver­däch­ti­gen im Fall Jon­Be­nét Ramsey.Nichts ist unmöglich.

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